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Corona-Ausbruch in Garmisch-Partenkirchen:Eine Superspreaderin auf Kneipentour

Nachdem eine einzige Frau offenbar Dutzende Menschen in Garmischer Bars angesteckt hat, suchen die Behörden nach Kontaktpersonen. Der Verstoß gegen die Quarantäneregeln könnte für die 26-Jährige teuer werden.

Von Matthias Köpf, Garmisch-Partenkirchen

Dass es kaum bei den bisherigen Infektionszahlen bleiben wird, das zeigten schon die Schlangen, die sich am Wochenende zeitweise vor dem Corona-Testzentrum am Alpspitz-Wellenbad gebildet hatten. Denn die Ergebnisse der vielen zusätzlichen Tests vom Wochenende werden erst für diesen Montag erwartet. Und alleine am Freitag und Samstag hatte das Gesundheitsamt in Garmisch-Partenkirchen schon 37 Neuinfektionen registriert. Vermutlich eine einzige junge Frau hat offenbar eine ganze Reihe anderer Menschen angesteckt. Sie hielt sich trotz leichter Krankheitssymptome nicht an die Quarantäneauflagen der Behörde und ging stattdessen abends in Bars und Kneipen feiern. Garmisch-Partenkirchen zählt nun zu den neuen Corona-Hotspots in Bayern.

Die 26-Jährige war nach Angaben des Garmischer Landratsamts Ende August aus dem Griechenlandurlaub zurückgekehrt. Ob sie das Virus von dort mitgebracht oder sich erst nach ihrer Rückkehr in Deutschland angesteckt hat, ist offen. Allerdings soll sie sich laut Landratsamt schnell wieder ins örtliche Nachtleben gestürzt haben - offenbar trotz Krankheitssymptomen. Am vergangenen Dienstag habe sich die Frau wegen dieser Symptome testen lassen und sei bis zum Eintreffen des Ergebnisses unter Quarantäne gestellt worden, teilt die Behörde mit. Trotzdem habe sie dann noch am selben Abend - und noch ohne Testergebnis - eine Garmischer Cocktailbar besucht und dabei vermutlich mehrere Gäste angesteckt.

Von den rund drei Dutzend bestätigten Neuinfektionen entfielen 24 auf das Garmischer "Edelweiss Lodge and Resort", eine Urlaubs- und Erholungseinrichtung der US-Streitkräfte, die im Wesentlichen nur aktiven und ehemaligen US-Soldaten und deren Familien zugänglich ist. Dort arbeitet die 26-Jährige, die selbst amerikanische Staatsbürgerin ist und nun im Verdacht steht als "Superspreaderin" auch zahlreiche Kollegen infiziert zu haben.

Bis dahin war der Landkreis Garmisch-Partenkirchen - mit Ausnahme der Probleme für den Tourismus - noch recht gut durch die Pandemie gekommen. Weil er aber nur gut 88 000 Einwohner zählt, ließen die Neuinfektionen zusammen mit den bisherigen Fällen die Sieben-Tage-Inzidenz sofort über die kritische Marke von 50 schnellen. Das Landratsamt verfügte nach einer Krisensitzung am frühen Freitagabend, dass in der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen die Sperrstunde für die Gastronomie auf 22 Uhr vorzogen wird. In der Öffentlichkeit dürfen sich vorerst nicht mehr als fünf Personen treffen, für Privatveranstaltungen gelten Höchstzahlen von 50 Personen in geschlossenen Räumen und 100 unter freiem Himmel.

Davon ausgenommen waren ein Protestzug gegen den starken Ausflugsverkehr am Samstag sowie eine für Sonntag angekündigte Veranstaltung des Bauernverbands zum Thema Wolf. Beide Kundgebungen, zu denen jeweils bis zu 400 Teilnehmer erwartet worden waren, wurden von den Veranstaltern kurzfristig abgesagt. Die US-Streitkräfte kündigten an, ihr Edelweiss-Ressort für zwei Wochen zu schließen.

Sie hatten nach Informationen von Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU) eigenes medizinisches Personal aus dem US-Militärkrankenhaus Landstuhl in Rheinland-Pfalz eingeflogen. Gleichwohl schickte auch das Gesundheitsamt Mitarbeiter in die US-Einrichtung. Die Zuständigkeiten seien wohl nicht eindeutig geregelt, sagte der Sprecher des Landratsamts, Stephan Scharf. Die Zusammenarbeit basiere in der Praxis vor allem auf gutem Willen, sei aber trotzdem nicht ganz einfach.

Landrat Anton Speer (FW) äußert sich "sehr verärgert" über die 26-Jährige. Ob sie nun mit einem Bußgeld oder einem Strafverfahren rechnen muss, wird laut Amtssprecher Scharf noch geprüft. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) forderte am Sonntag Konsequenzen. Gegen "so eine Rücksichtslosigkeit" solle "ein klares Signal" gesetzt werden, sagt er dem Münchner Merkur. Bei Quarantäne-Verstößen drohen bis zu 2000 Euro Bußgeld, für Verstöße gegen die neue Allgemeinverfügung droht das Landratsamt bis zu 250 000 Euro an. Vordringlich sei es aber, Infektionsketten zu unterbrechen. Insbesondere hat die Behörde alle 18- bis 35-Jährigen aufgerufen, sich Corona-Tests zu unterziehen.

An diesem Montag sollen die Schulen alle älteren Schüler zu Tests anhalten. Gerade von jüngeren Menschen nimmt das Landratsamt an, dass sie in der Garmischer Cocktailbar und einem Irish Pub auf die 26-Jährige getroffen sein könnten. Beide Lokale verfügten über Hygienekonzepte. Anhaltspunkte, dass dagegen verstoßen worden sein könnte, habe man nicht. Es gebe aber auch nirgends Kapazitäten für eine lückenlose Überwachung. Die Abstriche am Alpspitz-Bad nehmen Helfer vom Roten Kreuz. Viele von ihnen wurden vor dem G7-Gipfel im nahen Elmau für die Seuchenbekämpfung geschult.

Vor den ersten Folgen haben aber auch sie den Ort nicht schützen können: Laut Bürgermeisterin Koch beschlossen schon einige Touristen vorzeitig abzureisen, andere haben Buchungen storniert. Neben Garmisch-Partenkirchen lagen nach Angaben vom Samstag drei bayerische Städte über dem Wert 50 bei der Sieben-Tage-Inzidenz. In Rosenheim und Würzburg gelten schärfere Beschränkungen. Kaufbeuren führt den Anstieg auf einen Ausbruch in einem Pflegeheim zurück und verzichtete auf Verschärfungen.

© SZ vom 14.09.2020
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