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Coronavirus:Staatsanwaltschaft ermittelt gegen "Superspreaderin" von Garmisch

Eine US-Amerikanerin ist trotz Corona-Symptomen durch Kneipen gezogen, 700 Menschen haben sich schon testen lassen. Ministerpräsident Söder spricht von einem "Musterbeispiel für Unvernunft".

Von Matthias Köpf

Während die Behörden in Garmisch-Partenkirchen nach dem heftigen Corona-Ausbruch der vergangenen Tage auf die Ergebnisse der jüngsten Massentests warten, konzentrierte sich die Debatte am Montag auf die Rolle der 26-jährigen US-Bürgerin. Sie hatte sich trotz ihres ausstehenden Testergebnisses und Krankheitssymptomen gegen ihre Quarantänepflicht verstoßen und sich ins Garmischer Nachtleben gestürzt. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte dieses Verhalten einen "Musterfall für Unvernunft". Dieser Leichtsinn müsse Konsequenzen haben, sagte Söder und sprach von "hohen Bußgeldern". Die Staatsanwaltschaft München II hat ein Verfahren gegen die Frau eingeleitet.

Der Vorwurf in diesem Verfahren lautet vorerst auf fahrlässige Körperverletzung - ein Delikt, auf das Geldstrafen oder im äußersten Fall bis zu drei Jahre Haft stehen. Zwar unterliegt die Frau als zivile Angehörige des US-Militärs dem NATO-Truppenstatut. Dieses räumt nach den Angaben der Staatsanwaltschaft aber für solche Fälle der deutschen Justiz das Vorrecht auf Strafverfolgung ein. Sie kann demnach entscheiden, ob sie das Verfahren selbst führen oder an das US-Militär abgeben will. Dass die 26-Jährige tatsächlich für die vielen Neuinfektionen der vergangenen Tage und damit auch für das Überschreiten des kritischen Werts von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern innerhalb von sieben Tagen verantwortlich gemacht werden kann, ist allerdings ungewiss.

Nach Angaben des Garmischer Landratsamts, das die Frau zunächst als mutmaßliche Hauptquelle aller Neuinfektionen dargestellt hatte, hat sie eindeutig gegen ihre Quarantäne-Auflage verstoßen, indem sie am Dienstagabend trotz des ausstehenden Testergebnisses eine Cocktailbar besuchte. Den Test habe sie schon am Montag gemacht, korrigierte die Behörde ihre bisherige Darstellung um einen Tag nach vorn. Das Ergebnis traf dann am Mittwoch ein und war positiv, worauf sofort die Kontaktverfolgung mit den üblichen Abfragen begonnen habe. Dabei stellte sich heraus, dass die Frau in der Woche zuvor - also auch vor dem Test und der Quarantäneanordnung - an einem Tag schon einmal die gleiche Cocktailbar und an einem anderen Tag ein Irish Pub in Partenkirchen besucht hatte.

Von den 32 Neuinfektionen, die man dann in Form eintreffender Testergebnisse am Freitag registriert habe, stehe jedoch wohl nur ein Teil im Zusammenhang mit der 26-Jährigen. Dies gilt vor allem für die zunächst 23 bestätigten Neuinfektionen beim Personal des Garmischer Edelweiss-Hotels, in dem auch die Frau selbst arbeitet.

Über das Wochenende kamen sechs Neuinfektionen hinzu, die laut Landratsamt wohl auch keinen Kontakt mit der Frau hatten. Eine weitere Infektion wurde aus dem Edelweiss gemeldet. Es könne aber auch nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass die junge Frau alle ihre 24 Kollegen angesteckt habe, heißt es inzwischen vom Landratsamt. Womöglich habe sie sich auch selbst erst über einen Kollegen infiziert. Ebenso möglich seien eine Infektion außerhalb des Hotels oder im Griechenlandurlaub, aus dem die Frau Ende August zurückgekehrt war.

Die US-Streitkräfte haben das Hotel, das im Wesentlichen nur ihren aktiven und ehemaligen Soldaten sowie deren Familien offensteht, für zwei Wochen geschlossen. Neben den positiv getesteten Mitarbeitern habe man auch eine Reihe von engeren Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt, hieß es vom US-Garnisonskommandeur für Bayern, Christopher Danbeck. Zu möglicherweise betroffenen Hotelgästen teilten die US-Streitkräfte nichts Näheres mit. Es seien alle Gäste informiert worden, hieß es über die sozialen Medien, nachdem einzelne von ihnen dort mit der Informationspolitik des Edelweiss-Hotels gehadert hatten.

Unterdessen kämpfen die übrigen Garmischer Gastronomen mit den Folgen des Corona-Ausbruchs. Seit dem Wochenende dürfen alle Bars, Kneipen und Gaststätten nur noch bis 22 Uhr öffnen. Weder dort noch sonst irgendwo im öffentlichen Raum dürfen sich mehr als fünf Menschen als Gruppe versammeln, für private Feiern und Veranstaltungen gelten maximale Teilnehmerzahlen von 50 in Innenräumen und 100 unter freiem Himmel. Der Betreiber des Irish Pubs, in dem die 26-Jährige vor ihrem Test zu Gast war, teile mit, dass man seit der Wiedereröffnung alle Vorschriften eingehalten und selbstverständlich auch keine Ahnung gehabt habe, dass diese eine Besucherin, die an jenem Abend von etwa 23 Uhr bis ein Uhr im Lokal gewesen sei, ein Risiko dargestellt habe.

Auch der Betreiber der Cocktailbar, in der die Frau vor und während ihrer Quarantäne zu Gast war, kämpft mit den Folgen. Gerade habe er geglaubt, dass es wieder bergauf gehe, sagt Peter Messerschmitt, der am Ort mehrere Lokale besitzt, aber seinen Club noch immer nicht öffnen darf und auch den Ausfall zweier Stände am Münchner Oktoberfest verkraften muss.

Die Hygienepläne und deren striktes Befolgen in seiner Cocktailbar seien von den Behörden nicht nur kontrolliert, sondern ausdrücklich gelobt worden, sagt Messerschmitt. Allein drei Mitarbeiter nur am Eingang sorgten dafür, dass jeder Gast nicht nur seine Daten hinterlasse, sondern auch seine Hände desinfiziere. Die Zahl der Plätze in der Bar sei auf 250 halbiert. Selbst Karaoke darf Messerschmitt dort anbieten - mit großem Abstand der Sänger zum Publikum und regelmäßiger Desinfektion des Mikrofons, wie er versichert.

An so einem Karaokeabend war auch die 26-Jährige zu Gast, aber vor ihrem Test und ohne selbst zu singen. Wie könne man nur so leichtsinnig sein, sagt Messerschmitt zu dem späteren Besuch der Frau trotz Quarantäne. Für alle anderen Gäste hat er einen Appell parat: "Lasst euch testen und haltet's euch an die Regeln!" Die Ergebnisse der mehr als 700 Tests vom Wochenende erwartete Landrat Anton Speer nach eigenen Worten vom Montagnachmittag erst für den späten Abend. Später hieß es, es sei nicht vor Dienstagmittag damit zu rechnen,. Die Ergebnisse der mehr als 200 Tests vom Montag würden frühestens am Mittwoch folgen.

© SZ.de/infu
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