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Technologie:Zukunft made in Bavaria

Altmaier besucht BMW Innovationszentrum

Minister Peter Altmaier (CDU, rechts) sieht sich gemeinsam mit BMW-Vorstandschef Oliver Zipse ein Wasserstoffzellen-Antriebsstrang-Exponat an.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

In Garching erforscht der Autobauer BMW, wie sich die Produktion von Wasserstoff-Fahrzeugen in industriellen Maßstäben umsetzen ließe. Mit der Technologie sind in Bayern große Hoffnungen verbunden - und viele offene Fragen.

Von Maximilian Gerl, Garching

Fast zärtlich streicht Peter Altmaier über das, was vielleicht mal die Zukunft sein und auf einem Podest präsentiert wird. Was ist das, Aluminium? Die Worte des Bundeswirtschaftsministers lassen sich wegen Maske und Distanz nur erahnen. Mächtig steht der Metallblock da, der Motor. Dahinter erstreckt sich das restliche Antriebssystem, unter anderem der Treibstofftank, einer Röhre gleich, außen mit grauem Brandschutzlack lackiert, innen mit Platz für knapp sechs Kilogramm Wasserstoff. "Spannend", sagt Altmaier, er ist um das mehrere Meter lange Exponat herumgegangen und besser zu verstehen. "Ich drücke die Daumen."

Für die Zukunft ist Altmaier (CDU) am Freitag von Berlin nach Garching bei München gekommen, zum sogenannten Wasserstoff-Kompetenzzentrum von BMW. Dort forscht der Autobauer am Wasserstoffantrieb, genauer: Wie sich die Produktion von Fahrzeugen mit Brennstoffzellen auf industrielle Maßstäbe skalieren ließe. Denn wie man ein Auto mit Brennstoffzelle grundsätzlich baut, weiß man längst. Vor allem in Asien. In Bayern und Deutschland ist das Ganze dagegen Neuland.

Das soll sich bald ändern, zumindest wenn es nach Bund und Freistaat und ein bisschen nach BMW geht. Alle drei haben Wasserstoff als eines der großen Zukunftsthemen identifiziert. An entsprechend großen Formeln wird da nicht gespart: BMW-Vorstand Oliver Zipse freut sich, seinem Gast zeigen zu können, dass man "die gesamte Produktionskette" beherrsche. Altmaier wiederum lobt den Konzern als "Innovationsmotor", der zeige, was alles wichtig sei, "wenn wir die Zukunft gewinnen wollen". Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) ist nicht zugegen, aber er ist ohnehin als Fan der Technologie bekannt. Als er im Mai eine "bayerische Wasserstoffstrategie" vorstellte und dabei unter anderem den Bau von 100 Wasserstofftankstellen versprach, sagte er: "Made in Bavaria soll zum Wasserstoff-Gütesiegel werden." Drunter geht es jetzt nicht mehr.

Ob die großen Pläne Früchte tragen werden, ist wie so oft mit großen Plänen: Man weiß es nicht, noch nicht. Aber es scheint zumindest so, als arbeite BMW in Garching daran. Scheinen deshalb, weil Minister und Pressekorso Corona-bedingt einen nur eingeschränkten Blick hinter die Kulissen werfen können: Statt eines Rundgangs warten Bildschirmpräsentation und Exponate. Vereinfacht gesagt, entwickeln die Ingenieure in Garching den kompletten Antriebsstrang für künftige Wasserstofffahrzeuge und proben dabei gleichzeitig die Fertigung. Das läuft teils automatisiert, etwa wenn Roboterarme und Förderbänder Hunderte Zellen zu sogenannten Racks schichten. Bei der übrigen Montage - zum Beispiel dem Hinzufügen von Elektronik und Tanks - ist dagegen Handarbeit gefragt. Mittelfristig sollen die so gesammelten Erkenntnisse später helfen, den gesamten Prozess größer und automatisierter anzulegen. Als Nächstes ist darum für 2022 eine Kleinserie von Wasserstoff-Fahrzeugen geplant, die auf dem Modell X5 basieren. Aktuell liegt die Reichweite des Systems bei 500 Kilometern.

Die Arbeiten laufen also vor allem vorsorglich. Für den Fall, dass sich der immer mal wieder gehypte Wasserstoffantrieb doch noch durchsetzen sollte, will BMW bereit sein. Als Konkurrenz zum klassischen E-Auto sei das nicht zu sehen, heißt es, sondern als Ergänzung. Altmaier sagt, die Politik habe versprochen, für die Infrastruktur zu sorgen, die Industrie für die Produkte. Zipse sagt: "Es geht nur gemeinsam." Wer will, versteht das als schönen Gruß an die Kollegen - nicht überall im Auto- und Maschinenbau begegnen sie dem Wasserstoff so euphorisch wie in Garching.

Für Optimisten bietet die Technologie die Chance, die Initiative zu ergreifen. Schließlich steuerte die Autoindustrie schon vor Corona auf eine Krise zu: der Skandal um manipulierte Dieselabgaswerte, das mühsame Umschwenken auf E-Mobilität, schwächelnde Exporte wegen internationaler Handelskonflikte, neue Konkurrenten wie Tesla und Google . . . da braucht es Ideen. Auch angesichts des Klimawandels und der Hunderttausenden Arbeitsplätze, die allein in Bayern am Auto hängen. Der Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbau schätzt, dass Brennstoffzellenfahrzeuge bis 2040 einen Marktanteil von 12 Prozent erreichen könnten.

Das Problem der Optimisten ist, dass sie gegenüber den Pessimisten wenig vorweisen können. Gerade einmal 507 wasserstoffbetriebene Pkw führte das Kraftfahrtbundesamt Ende 2019 in seiner Statistik - für ganz Deutschland. Auf der Schiene verkehren bei Cuxhaven ein paar Brennstoffzellenzüge; dem Vorhaben, Testzüge rund um Rosenheim einzusetzen, machte Corona einen vorläufigen Strich durch die Rechnung. Auch eine Brennstoffzellenfertigung größeren Ausmaßes fehlt bislang. BMW verbaut die einzelnen Zellen von Toyota. Daneben warten zentrale Fragen auf ihre Klärung: zum Beispiel, wer den ganzen Wasserstoff produziert und wie die Transport- und Tankinfrastruktur aussieht. Theoretisch ließe er sich hierzulande klimafreundlich mit erneuerbaren Energien erzeugen, doch deren Ausbau hakt stellenweise. So wurden wegen der rigiden 10-H-Regelung kaum noch Windräder in Bayern gebaut. Gerade Vertretern der Windbranche erschloss sich zuletzt nur bedingt, wie man grünen Wasserstoff gewinnbringend produziert, ohne das Potenzial bei der grünen Energieerzeugung voll auszuschöpfen.

Für die Optimisten spricht, dass sich beim Thema Wasserstoff so viel bewegt wie selten. Rund um das Wasserstoffzentrum in Nürnberg ist ein Netzwerk aus Wirtschaft und Forschung entstanden. In Berlin hat der Bund eine eigene Wasserstoffstrategie aufgelegt, sieben Milliarden Euro sollen in den kommenden Jahren in die Forschung und Entwicklung fließen. Altmaier sagt, er sehe dabei gute Chancen für Bayern, "seine Stärken auszuspielen". Und Aiwanger ließ vor ein paar Wochen am Rande eines Corona-Krisen-Termins durchblicken, dass man die H₂-Lösung notfalls zum Erfolg schleppen werde - "genauso wie wir die Batterie zum Erfolg geschleppt haben". Auch bei den Automobilzulieferern werde man bald weitere Entwicklungen in diese Richtung sehen.

Und wer hat am Ende die Nase vorn? Wieder eine dieser Fragen, deren Antwort man noch nicht kennt. Und die internationale Konkurrenz schläft bekanntlich nicht. Zipse hat immerhin einen Vorschlag, wo man die ersten Wasserstofftankstellen aufstellen könnte: Mit den Autobahnen zu beginnen, "ist vermutlich nicht ganz verkehrt".

© SZ vom 27.07.2020/vewo

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