"Die Erleichterung", sagt Christian Schwalm, "war deutlich zu spüren und zu sehen." Und es ist ja auch ein kleines Wunder, das sich fast über Nacht in Rosenheim eingestellt hat: Die örtliche Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof, eigentlich zur Schließung vorgesehen, soll nun doch erhalten bleiben. Die Belegschaft erfuhr davon in einer Betriebsversammlung am Dienstag, im Beisein von Oberbürgermeister Andreas März. Die Stimmung, bestätigen auch andere, soll entsprechend gelöst gewesen sein. Die Stadt sei froh, dass die Filiale erhalten bleibt, sagt Rathaussprecher Schwalm am Tag danach am Telefon. "Es lohnt sich, in den Standort weiter zu investieren."
Ein Warenhaus, das weiterlebt: Davon träumen sie gerade auch in manch anderer Stadt. Doch während sie in Rosenheim vorerst aufatmen können, geht das Zittern andernorts weiter. Denn bis spätestens Ende Januar 2024 - so hat es der insolvente Galeria-Karstadt-Kaufhof-Konzern einst angekündigt - sollen bayernweit sieben Filialen schließen. Betroffen davon wären nicht nur Hunderte Beschäftigte, sondern auch die Städte selbst. Große, leerstehende Handelsflächen gelten in jedem Rathaus als Alptraumszenario.

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Dabei könnte die Lage noch schlimmer sein. Denn ursprünglich standen bayernweit zehn Filialen auf der Schließungsliste: die Häuser Bayreuth, Coburg, Erlangen, Kempten, München-Hauptbahnhof, Nürnberg-Königstraße, Nürnberg-Langwasser, Regensburg-Neupfarrplatz, Schweinfurt und eben Rosenheim. Letzteres darf sich nun vorerst als gerettet betrachten, ebenso die Standorte in Bayreuth und Erlangen. Deren Rettung ist schon seit März klar; möglich machten es "weitere Zugeständnisse der Vermieter", sagte damals ein Unternehmenssprecher zur Deutschen Presse-Agentur. Eine Formulierung, die zumeist besagt, dass die Eigentümer der Karstadt-Immobilien die Miete mindern oder auf diese für eine Weile verzichten. Inwiefern das auch für Rosenheim gilt, war aber am Mittwoch unklar. Vonseiten der Stadt hieß es lediglich, in den Verhandlungen zwischen Konzernzentrale und Eigentümern sei eine Einigung erzielt worden. Eine Anfrage ans Unternehmen blieb zunächst ohne Antwort.
Im Rosenheimer Rathaus ist man jedenfalls erst einmal erleichtert. Die Rettung der Karstadt-Filiale - zentral an der Münchner Straße gelegen - sei sowohl für die Innenstadt als auch für die Beschäftigten eine gute Nachricht, teilte etwa der SPD-Fraktionsvorsitzende Abuzar Erdogan mit. Jedoch sei die Rettung "keine für die Ewigkeit". Deshalb müsse man weiterhin Ideen entwickeln, wie man den Standort alternativ nutzen könne. Auch sei es notwendig, gegen bestehende und drohende Leerstände in Rosenheim anzukämpfen und mehr Menschen in die Innenstadt zu locken.
Ähnlich sieht man das beim Handelsverband Bayern. Denn Warenhäuser können als Besuchermagneten dienen - und damit auch die Geschäfte anderer Einzelhändler in der Nähe befeuern. Müssten große Kaufhäuser schließen, sei das deshalb immer ein Verlust für Innenstädte, sagt Verbandsprecher Bernd Ohlmann. Für die Kommunen sei es außerdem ein "Mega-Problem", adäquate Nachmieter für die oft riesigen Flächen zu finden. Pauschallösungen gebe es hier nicht, stattdessen brauche es "den Maßanzug".
Das vielleicht größte Problem dabei ist, dass es nicht neu ist. Manche in der Branche erleben vielmehr gerade ein Déjà-vu: Denn Galeria Karstadt Kaufhof befindet sich schon zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren in einem Schutzschirm-Insolvenzverfahren. Auch 2020 kündigte der Konzern Schließungen an, bundesweit sollten 62 der damals 172 Kaufhäuser wegfallen. Am Ende wurden es dann doch nicht ganz so viele. Häufig schaltete sich die Politik in die Verhandlungen um einzelne Häuser ein, in Bayern etwa Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW).
Diesmal sahen die Sanierungspläne ursprünglich die Schließung von deutschlandweit mehr als 50 Filialen vor. Als Ursache im Falle Rosenheim vermutet Verdi-Gewerkschaftssekretär Dominik Datz weniger eine wirtschaftliche Schwäche des Standorts - sondern mehr, dass sich Konzern und Eigentümer über den Mietpreis für die Immobilie lange nicht einig geworden sein sollen. Erst vor eineinhalb Wochen habe das Unternehmen mit zwei der drei Vermieter einen Konsens erzielt, sagt Datz. Dass die Filiale nun erhalten bleibt, könne bedeuten, dass nun auch der dritte Vermieter auf ein Angebot eingegangen sei. Wie es nun genau mit dem Standort weitergeht, soll sich in den kommenden Wochen entscheiden. Datz hofft, dass man dann in Rosenheim "mit geschlossener Mannschaft weitermacht". Und nicht wie in anderen fortgeführten Filialen darüber nachdenke oder schon angefangen habe, zehn bis 20 Prozent der Belegschaft zu kündigen.

