Deutsch

Nur Goethes Faust I ist im neuen Lehrplan Pflichtlektüre. Welche anderen Werke die Schüler lesen, ist den Lehrern überlassen. Klar, diese kennen ihr Repertoire. Aber die Freiheit birgt das Risiko, dass nur noch die üblichen Verdächtigen drankommen. In Auszügen. Ganze Schriften werden kaum gelesen. Die Deutschlehrer beklagen einen "Bedeutungsverlust der Literatur". Texte des Barocks, Mundart oder Werke der Nachkriegszeit gehen unter. "Nach Brecht und Dürrenmatt kommt fast nichts mehr", sagt Reinhard Schneider, Leiter der Fachgruppe Deutsch im Philologenverband. Dabei begeistern sich Jugendliche gerade für Popliteraten wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Christian Kracht. In der Schule ist dafür kein Platz. Auch für Diskussionen sei im G 8 kaum Zeit. Das G 9 wieder einzuführen, ohne den Stoff anzufassen, wäre für Schneider daher ein "verlorenes Jahr".

Aufforsten würde er bei der Literaturgeschichte. Denn Zusammenhänge der Epochen versteht nur, wer sich damit auskennt. Und dort wurde bei der Einführung des G 8 radikal gestrichen. Klassik, Romantik und Realismus werden in der Oberstufe eilig abgehandelt. Zeit für gesellschaftspolitischen Hintergründe oder philosophische Schriften von Herder, Schiller oder Kant ist nicht. Und in der Abiturprüfung liegen die Kriterien der Epochen schon der Aufgabenstellung bei. Die Schüler müssen keine Literaturgeschichte mehr lernen, um einen Text richtig zu analysieren. Ändert sich das nicht, könnten Phänomene wie die Blaue Blume der Romantiker oder Schillers Definition der schönen Seele verloren gehen. An den Hochschulen ist dieses Problem bereits angekommen.

Das Sehnsuchtssymbol der Romantik: Macht blau in Deutsch.

Bild: CATH 29. August 2016, 07:232016-08-29 07:23:19 © SZ vom 29.08.2016/vewo