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G9 in Bayern:Viele Abiturienten tun sich sogar mit Word oder Excel schwer

Margaretha Erbers Abitur liegt sechs Jahre zurück, aber auch die Informatikstudentin und Sprecherin der Landesastenkonferenz wünscht den G-9-Schülern einen besseren Übergang zum Studium. "Schule bereitet nicht auf die Hochschulen vor, wissenschaftliches Arbeiten wird überhaupt nicht vermittelt", sagt Erber, 24. Die W-Seminare seien nur ein erster Schritt. Literaturrecherchen, richtiges Zitieren oder Transferwissen müssten viel stärker thematisiert werden.

Schlimmer ist für die angehende Informatikerin nur, dass zu viele Abiturienten kaum digitale Kompetenzen haben und sich sogar mit Word oder Excel schwertun. Der Informatikunterricht müsse mehr leisten als Zeichnen mit Word und Roboterspielen. "Das war ja ganz nett, aber für Studium und Beruf müssen Abiturienten mit Rechnern umgehen können und wissen, wie sie Präsentationen bauen oder Beamer bedienen", sagt Erber.

"Wir können Gedichte in vier Sprachen analysieren, aber keinen Mietvertrag abschließen"

Das neue G 9 geht Matthias Weingärtner generell nicht weit genug. Auffällig sei das bei digitalen Medien, sagt der aktuelle Landesschülersprecher. Statt Schulbüchern in pdf-Form oder googlen auf dem Smartboard - einer Tafel mit Internetanschluss - fordert der LSR interaktiven Unterricht. Mit Virtual-Reality-Brillen ausgestattet, könnten Jugendliche zum Beispiel eine Senatsversammlung im antiken Rom nacherleben, sich in Erdkunde in der russischen Taiga umschauen oder die Gemälde des Louvre in Paris auf sich wirken lassen- ohne das Klassenzimmer in Abensberg oder Aschaffenburg zu verlassen. So würden allen Kindern unabhängig vom Geldbeutel und Bildungsstand der Eltern neue Welten eröffnet. "Das wäre Bildungsgerechtigkeit, aber wir sehen nicht, dass die Staatsregierung etwas wagt und diese Möglichkeiten nutzt", sagt Weingärtner.

Außerdem fordert er mehr Praxisbezug. "Wir können Gedichte in vier Sprachen analysieren, aber keinen Mietvertrag abschließen. Das muss in den Lehrplan." Schule müsse mündige Bürger ins Leben entlassen. Dass alle Fächer mehr Zeit wollen, aber keines etwas abgeben will, ist ihm bewusst. Die Lösung sieht Weingärtner in übergreifendem Unterricht. Geschichte, Sozialkunde und Deutsch würde er verknüpfen, um Stunden für "Lebenskunde" zu gewinnen. Für "freie Entfaltung" setzt er auf Wahlkurse, etwa um "den grünen Daumen zu stärken oder ökologisches Verhalten zu erlernen".

Schulminister Sibler möchte das zusätzliche Schuljahr auch mit Werte- und Demokratieerziehung füllen. Er lässt Schüler zu Werte-Botschaftern ausbilden, lobt laufend engagierte Kinder und präsentiert Klassensprecher-Wahl-Pakete. Der Landesschülerrat aber wünscht sich mehr Respekt vom Minister. Beim Antrittsbesuch im Landtag habe Sibler sich mehr um vorbeilaufende Abgeordnete als um die Schüler gekümmert, sagt Weingärtner. Der LSR fühlte sich vorgeführt. Dass die Schüler daraufhin per Petition Wünsche nach einem eigenen Raum und mehr Stunden für die LSR-Verbindungsfrau im Ministerium in den Landtag einbrachten, sei nicht gut angekommen, sagt Weingärtner. Der LSR fühlt sich seitdem gegängelt, schlecht informiert und muss neuerdings Reisen voranmelden, um Kosten ersetzt zu bekommen. Aus dem Ministerium heißt es dazu, dass der erste LSR-Schülerkongress ursprünglich nicht im Budget eingeplant war und deshalb auf die Ausgaben geachtet werden müsse. Einschränkungen ergäben sich keine für den LSR, und auch einen Raum haben die Schüler bekommen.

Für die ersten G-9-Schüler sind nette Banknachbarn und neue Lehrer drängendere Themen als das Abitur. Aber vielleicht profitieren sie in der Zukunft von den Forderungen ihrer Vorgänger. Dann kann die von Spaenle ersehnte Ära der Ruhe anbrechen.

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