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G9 in Bayern:Mehr Ahnung vom Leben wäre nicht schlecht

Schule in Bayern

Unterricht mit VR-Brillen gibt es in Bayern immer noch nicht - wie in den Fünfzigerjahren.

(Foto: Illustration: Dennis Schmidt / Fotos: Imago, Hersteller)

An Bayerns Gymnasien beginnt am Dienstag der Unterricht, zum ersten mal sind es wieder neun Jahre bis zum Abitur. Was Schüler sich vom Neustart des G9 wünschen.

Auffallend still ist es geworden an den bayerischen Gymnasien. Obwohl die Zeit drängt und viele Fragen etwa zur Überholspur, der Oberstufe oder dem Abitur noch offen sind, tut sich seit Monaten kaum etwas. Sind Lehrer und Eltern nach 14 Jahren Streit ums G 8 kampfesmüde? Oder betont friedlich, um bei Schulminister Bernd Sibler alle Wünsche für das neue neunjährige Gymnasium durchzusetzen?

Am 1. August ist Bayern offiziell zum G 9 zurückgekehrt, an diesem Dienstag geht es in den 430 Gymnasien für die Fünft- und Sechstklässler los. Die Freude darüber hält sich in Grenzen. Vielleicht weil die Eckdaten bekannt sind: Neun Jahre bis zum Abitur, mehr Zeit für Vertiefung, politische Bildung, Digitalisierung und berufliche Orientierung. Für die Fünftklässler ändert sich nichts, für die Sechstklässler nur Marginalien. In Deutsch kommen zum Beispiel altersgerechte Suchmaschinen und seriöse Quellen im Netz dazu. Ein großer Wurf ist das G 9, findet die CSU. "In größtmöglichem Konsens entstanden", betont Schulminister Sibler. Eltern, Lehrer, Schüler und Ministerium haben am Konzept gearbeitet. Das heißt auch: Meckern ist unerwünscht.

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Siblers Vorgänger Ludwig Spaenle hoffte nach der Entscheidung auf 20 Jahre Ruhe am Gymnasium. Aber nach der Landtagswahl werden die Debatten um Oberstufe und Abitur losbrechen. Das Verfassungsgericht verlangt Vergleichbarkeit, Lehrer und Schüler hoffen auf Leistungskurse, die Fürsprecher mehr Zeit für ihre jeweiligen Fächer. Entsprechend groß dürfte die Enttäuschung ausfallen.

Dass ausgerechnet die Phase vor dem Abitur zuletzt geplant wird, irritiert nicht nur die Opposition im Landtag. Die SPD klagt über einen Fehlstart und fehlende Innovationen, die Freien Wähler sehen die Staatsregierung in der Bringschuld. Die am Konzept beteiligten Verbände aber halten sich bedeckt. Allein die Schülersprecher äußern sich - und zwar deutlich: "Wir wollten über Wahlfreiheit oder ein Modulsystem in der Oberstufe reden, das hätte den Schülern mehr Flexibilität gebracht", sagt Acelya Aktas, die frühere Landesschülersprecherin. Sie war in den Arbeitsgruppen dabei, die unter Spaenle die Kompromisse zur allgemeinen Ausrichtung und der Stundentafel des G 9 erarbeiteten.

Aktas, 19, berichtet zwar von Gesprächen auf Augenhöhe und fühlte sich respektiert. Aber der Landesschülerrat (LSR) habe nicht verstanden, wieso erst die Verteilung der Stunden diskutiert wurde, aber weder Inhalte noch die Oberstufe. Offiziell fordert auch der LSR Leistungskurse fürs G 9. Sich intensiv mit einem Fach beschäftigen zu können, findet Aktas reizvoll und wünscht es den Jüngeren, damit diese im G-9-Abitur ihre Talente ausschöpfen können.

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Politische Bildung soll ein Schwerpunkt des G 9 sein, mit zusätzlichen Stunden Sozialkunde erfüllt sich eine Forderung des LSR. Trotzdem hofft Aktas, dass für die Mädchen und Buben noch mehr Politik drinsteckt: "Nach Sozialkunde hört die politische Bildung nicht auf." In jedem Fach sollten Schüler Zeit bekommen, über aktuelle Themen zu diskutieren.

Mehr Raum bräuchte in der Oberstufe auch die berufliche Orientierung, sagt die angehende Jurastudentin. Das geplante Modul in der 9. Klasse und das P-Seminar in der 11. Klasse reichen ihr nicht. "In meinem Jahrgang wussten viele nicht, was sie nach dem Abi machen sollen. Sie reisen jetzt oder schrieben sich für irgendetwas an der Uni ein, um weiter Kindergeld zu kassieren." Aktas wünscht den G-9-Schülern Bewerbungstrainings in der Oberstufe und Tests, um Vorlieben mit Berufen abzugleichen und die eigenen Stärken zu erkennen.

Viele Abiturienten tun sich sogar mit Word oder Excel schwer

Margaretha Erbers Abitur liegt sechs Jahre zurück, aber auch die Informatikstudentin und Sprecherin der Landesastenkonferenz wünscht den G-9-Schülern einen besseren Übergang zum Studium. "Schule bereitet nicht auf die Hochschulen vor, wissenschaftliches Arbeiten wird überhaupt nicht vermittelt", sagt Erber, 24. Die W-Seminare seien nur ein erster Schritt. Literaturrecherchen, richtiges Zitieren oder Transferwissen müssten viel stärker thematisiert werden.

Schlimmer ist für die angehende Informatikerin nur, dass zu viele Abiturienten kaum digitale Kompetenzen haben und sich sogar mit Word oder Excel schwertun. Der Informatikunterricht müsse mehr leisten als Zeichnen mit Word und Roboterspielen. "Das war ja ganz nett, aber für Studium und Beruf müssen Abiturienten mit Rechnern umgehen können und wissen, wie sie Präsentationen bauen oder Beamer bedienen", sagt Erber.

"Wir können Gedichte in vier Sprachen analysieren, aber keinen Mietvertrag abschließen"

Das neue G 9 geht Matthias Weingärtner generell nicht weit genug. Auffällig sei das bei digitalen Medien, sagt der aktuelle Landesschülersprecher. Statt Schulbüchern in pdf-Form oder googlen auf dem Smartboard - einer Tafel mit Internetanschluss - fordert der LSR interaktiven Unterricht. Mit Virtual-Reality-Brillen ausgestattet, könnten Jugendliche zum Beispiel eine Senatsversammlung im antiken Rom nacherleben, sich in Erdkunde in der russischen Taiga umschauen oder die Gemälde des Louvre in Paris auf sich wirken lassen- ohne das Klassenzimmer in Abensberg oder Aschaffenburg zu verlassen. So würden allen Kindern unabhängig vom Geldbeutel und Bildungsstand der Eltern neue Welten eröffnet. "Das wäre Bildungsgerechtigkeit, aber wir sehen nicht, dass die Staatsregierung etwas wagt und diese Möglichkeiten nutzt", sagt Weingärtner.

Außerdem fordert er mehr Praxisbezug. "Wir können Gedichte in vier Sprachen analysieren, aber keinen Mietvertrag abschließen. Das muss in den Lehrplan." Schule müsse mündige Bürger ins Leben entlassen. Dass alle Fächer mehr Zeit wollen, aber keines etwas abgeben will, ist ihm bewusst. Die Lösung sieht Weingärtner in übergreifendem Unterricht. Geschichte, Sozialkunde und Deutsch würde er verknüpfen, um Stunden für "Lebenskunde" zu gewinnen. Für "freie Entfaltung" setzt er auf Wahlkurse, etwa um "den grünen Daumen zu stärken oder ökologisches Verhalten zu erlernen".

Schulminister Sibler möchte das zusätzliche Schuljahr auch mit Werte- und Demokratieerziehung füllen. Er lässt Schüler zu Werte-Botschaftern ausbilden, lobt laufend engagierte Kinder und präsentiert Klassensprecher-Wahl-Pakete. Der Landesschülerrat aber wünscht sich mehr Respekt vom Minister. Beim Antrittsbesuch im Landtag habe Sibler sich mehr um vorbeilaufende Abgeordnete als um die Schüler gekümmert, sagt Weingärtner. Der LSR fühlte sich vorgeführt. Dass die Schüler daraufhin per Petition Wünsche nach einem eigenen Raum und mehr Stunden für die LSR-Verbindungsfrau im Ministerium in den Landtag einbrachten, sei nicht gut angekommen, sagt Weingärtner. Der LSR fühlt sich seitdem gegängelt, schlecht informiert und muss neuerdings Reisen voranmelden, um Kosten ersetzt zu bekommen. Aus dem Ministerium heißt es dazu, dass der erste LSR-Schülerkongress ursprünglich nicht im Budget eingeplant war und deshalb auf die Ausgaben geachtet werden müsse. Einschränkungen ergäben sich keine für den LSR, und auch einen Raum haben die Schüler bekommen.

Für die ersten G-9-Schüler sind nette Banknachbarn und neue Lehrer drängendere Themen als das Abitur. Aber vielleicht profitieren sie in der Zukunft von den Forderungen ihrer Vorgänger. Dann kann die von Spaenle ersehnte Ära der Ruhe anbrechen.

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