Süddeutsche Zeitung

Mitten in Franken:Wer ist da bitte hässlich?

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Ein oberbayerischer Verlag rechnet in einem Quartett zwei fränkische Städte zu den "hässlichsten" Deutschlands. In einer der beiden fragen sie sich jetzt: Lag's womöglich am Weißbier?

Glosse von Olaf Przybilla, Fürth/Hof

Die Wege des Internets sind unergründlich und so wird kaum haarscharf zu rekonstruieren sein, warum ein Kartenspiel des Münchner Riva-Verlags gerade jetzt Wellen in zwei Städten Frankens schlägt. Das Quartett kümmert sich um die angeblich "Hässlichsten Städte Deutschlands", ist von überschaubarer Gedankentiefe und bereits seit 2018 auf dem Markt. Recherchen der Süddeutschen Zeitung führen in die Stadt Hof, womöglich hat da jemand über Weihnachten die Kiste mit den flachsinnigsten Präsenten der letzten Jahre aufgeräumt und dann in ein Netzwerk seines Vertrauens geflucht.

Tatsächlich ist eine der Quartettkarten dem fränkischen Hof gewidmet. In der Kategorie "besondere Attraktion" führt es ein "Denkmal für Heinrich Gottfried Gerber" auf, was noch einigermaßen nett ist, gilt der doch selbst unter Insidern als über die Maßen geheimer Tipp. Dass die Stadt vier von fünf möglichen Daumen nach unten in Sachen "Bedeutungslosigkeit" absahnt, ist schon weniger nett, schließlich stand Hof zu Zeiten der deutsch-deutschen Wende gleich zweimal im Fokus der Weltöffentlichkeit.

Nun gut, insgesamt reagieren die Hofer zahlreich, wenn auch fränkisch-demütig ("Hof hat schöne Ecken, man muss sie nur finden"). Dass es sich am Untreusee und rund um den Theresienstein kommod aushalten lässt, mancher Straßenzug gefällig ist, das wissen sie. Natürlich aber erst recht, dass der Sprung auf die Liste zentraleuropäischer Topdestinationen nun nicht unmittelbar einzutreten droht.

Etwas anders liegen die Dinge in Fürth. Dort ist man als kleinerer Nachbar einer Halbmillionenstadt allerlei Spott gewohnt ("Westvorstadt"), weiß also die Einordnung in eine Liebreiz-Liga mit Bremerhaven und Ludwigshafen, Frankfurt/Oder und Offenbach routiniert wegzuatmen. Zumindest öffentlich.

Unterhält man sich freilich mit Fürthern, gelangt man gerade sehr bald zur bewundernden Frage, wie viele Weißbier exakt man sich wohl in die Rüstung gepresst haben muss, um eine im Weltkrieg kaum getroffene, von Flussauen und Wiesengrund umgebene Altstadt ( mit einer der höchsten Denkmaldichten der Republik) als grottenhässlich wahrzunehmen. Und ob man in diesem heiteren Fall von Sinnesbenebelung eindringlicher den Gang zum Optiker oder Kunsthistoriker anraten sollte.

Oberbürgermeister Thomas Jung hat dem oberbayerischen Verlag in den Fürther Nachrichten jetzt sicherheitshalber mal eine Führung angeboten. Womöglich feilen sie da ja noch an anderen Spielchen.

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