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Führungsstreit in der CSU:Der Tag, an dem Söder eine Stunde Ministerpräsident war

CSU-Vorstandssitzung

Der bayerische Finanzminister Markus Söder will endlich an die Spitze.

(Foto: dpa)

Fast sah sich Markus Söder schon am Ziel, Bayerns nächster Ministerpräsident zu werden. Doch Horst Seehofer hat das Heft des Handelns wieder in die Hand genommen.

Die Nacht war kurz, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Unterstützer von Markus Söder am Freitag mit dem Gefühl erwachen, sie hätte abends zuvor ein mittelgroßer Asteroid unvermittelt am Kopf getroffen. Der Donnerstag sollte der Tag der Entscheidung im CSU-Machtkampf sein, so hatten sich die Söder-Fans das ja ausgemalt. Und für einen langen Moment sah es auch genau danach aus: Horst Seehofer überlässt Söder das Amt des Ministerpräsidenten, das war die Eilmeldung, die um die Mittagszeit die CSU-Welt zum Beben brachte.

Es dauerte eine Weile, dann zerfiel die angeblich harte Nachricht zu Staub. "Ich hoffe sehr", sagt ein Söder-Mann am Tag danach, "dass der 23. November 2017 nicht als der Tag in Erinnerung bleibt, an dem Markus Söder für eine Stunde Ministerpräsident war."

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Und dann war es zu spät

Die Geschichte dieses denkwürdigen Donnerstags ist eigentlich, dass die Söder-Leute den ganzen Tag über dachten, die Sache laufe für sie. Seehofer habe es eingesehen, endlich, er teile die Macht mit seinem ungeliebten Kronprinzen Söder. Sie waren sich so sicher. Und dann war es zu spät. Seehofer teilt noch gar nichts. Und wenn er es tut, Anfang Dezember laut neuem CSU-Zeitplan, dann eher nicht mit Söder.

Als Söder selbst erkennt, was da passiert ist, verlässt er die laufende Vorstandssitzung, es ist kurz nach halb zehn am Donnerstagabend. Er gibt dem "Heute-Journal" ein Interview, Live-Schalte ins Foyer der CSU-Zentrale, es ist ein fast verzweifelter Entlastungsangriff. Die Fassade der Harmonie wahren, die notdürftig seine krachende Niederlage verdeckt - das ist jetzt sein Ziel. Man habe einen "gemeinsamen Prozess" zur Klärung der Personalfragen "auf den Weg gebracht", beteuert er, am Ende werde ein "geschlossenes, einiges Ergebnis" stehen. Und dann noch kräftigen, glänzenden Lack drauf: "Es ist keine gespaltene Partei, es gibt auch keine Lager."

Marietta Slomka fragt also ungläubig nach: Keine Lager, ernsthaft?

Es ist der Augenblick, in dem plötzlich Riesentrümmer aus der Fassade brechen. Die Moderatorin Marietta Slomka kann das Lachen nicht zurückhalten. Sie weiß, alle wissen: Söders Divisionen haben seit dem CSU-Debakel bei der Bundestagswahl versucht, Seehofer wundzuschießen. Slomka fragt also ungläubig nach: Keine Lager, ernsthaft? Söder zögert, er ist ja sonst nie um ein schnelles Wort verlegen. Eine Sekunde, zwei Sekunden, drei. Dann sagt er: "Genau." Es ist so, als hätte Slomka gefragt, ob es zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860 München keine Rivalität gebe, und Söder hätte gesagt: "Genau."

Natürlich ist so ein Machtkampf keine öffentliche Großveranstaltung, zu der man Zuschauer ins Stadion bittet. Aber er ist öffentlich genug, dass man seine Existenz schwer leugnen kann. Söder versucht es trotzdem, er hat sich ja auch nie offen zu seinem offensichtlichen Ehrgeiz bekannt. Vielleicht ist es so, dass er und seine Leute sich an diesem Tag ein wenig verloren haben im Spiel aus Sein und Schein. Und dass der versierte Spieler Seehofer genau das ausgenutzt hat - jedoch, wie man später erfährt, erst auf Bitte interessierter Kräfte.

Söders Getreue verstanden den Donnerstag im Vorfeld als Tribunal in zwei Teilen: Mittags sollte der Wahlverlierer Seehofer in der Landtagsfraktion zum Rapport antreten, wo Söder sein Machtzentrum hat. Und abends dann noch im Vorstand. Die Abgeordneten in der Fraktion hatten sich auf eine fünfstündige Sitzung eingestellt. Finale Explosion, Aufstand gegen Seehofer: nicht unwahrscheinlich.

Seehofer spricht von "intensivem Kontakt" zu Söder

Anonymer CSU-Abgeordneter

"Edmund Stoiber, Theo Waigel, Barbara Stamm und Seehofer sind zusammen 295 Jahre alt, wie sollen die zusammen unsere Zukunft gestalten?"

Als Seehofer aus dem Landtag wieder abfährt, hat er bereits zwei wichtige Etappenziele erreicht. Erstens, er hat die vielen Tiefschläge der vergangenen Wochen weggesteckt, ohne selbst zurückzukeilen; mit seiner guten Laune hinterlässt er in der Fraktion ein Gefühl der Glückseligkeit. Und, zweitens, glauben nun viele in der CSU sogar an eine Annäherung der Intimfeinde. Seehofer spricht von "intensivem Kontakt" zu Söder, obwohl die beiden bis dahin nur ein paar SMS zur Terminabsprache ausgetauscht haben.

Noch mehr freut sich die Fraktion, dass Söder am Nachmittag zum Vieraugengespräch mit Seehofer in die Staatskanzlei gebeten wird. Ein vertraulicher Termin, niemand dürfte davon wissen. Doch die Nachricht sickert nicht nur durch, sondern wird von Seehofer auch noch bestätigt. "Die Atmosphäre war ernsthaft und gut", sagt er. Und dass es nicht das letzte Treffen gewesen sein werde. Erst viel später werden Söders Leute schäumen, weil ihnen dämmert, dass ihr Chef unfreiwillig eine Hauptrolle in einem großen Schauspiel übernommen haben könnte.