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Führerschein für Flüchtlinge:Wieso "rechts vor links"? Ich war zuerst da

Die Fahrschullehrer Dirk und Erwin Dlugosch (rechts) haben schon in den 1960er-Jahren ausländische Schüler unterrichtet.

(Foto: Marco Einfeldt)
  • Viele Flüchtlinge, die in Bayern eine neue Heimat gefunden haben, brauchen einen Führerschein.
  • Oft müssen sie in Deutschland ganz von vor anfangen, weil ihre Fahrerlaubnis nicht anerkannt wird.
  • Doch es gibt nicht nur sprachliche Probleme - auch die Verkehrsregeln hierzulande sind oft das genaue Gegenteil von dem, was die Fahrschüler kennen.

Die Dinge könnten für Okoje Godspower eigentlich nicht besser laufen: Der 29-Jährige überstand die Flucht aus Nigeria, lebt seit Sommer 2014 im sicheren Babenhausen, hat eine Arbeit gefunden. Auf dem Bau verdient er, was er zum Leben braucht. Helfer beschreiben ihn und seine Familie als bestens integriert.

Und doch ist da eine Kleinigkeit, die Godspower fehlt, um sich richtig angekommen zu fühlen: der deutsche Führerschein. Er würde ihn gern machen, aber er darf nicht, er hat seinen Pass verloren. "Ich kann nirgendwo hinfahren", sagt er, "ich nicht, meine Familie nicht."

Für Godspower wäre der Führerschein eine Erleichterung. So wie ihm geht es vielen Flüchtlingen im Freistaat. Sie sollen sich in Deutschland integrieren. Nur ist das ohne Führerschein oft schwierig. In vielen Gegenden Bayerns ist man ohne fahrbaren Untersatz aufgeschmissen, erreicht weder Arzt noch Arbeitsplatz. Eine typische Geschichte, die Unternehmensvertreter immer wieder erzählen, geht so: Handwerker will Flüchtling einstellen, kümmert sich um Behörden und Papierkram - und stellt am Ende fest, dass der neue Azubi keine Möglichkeit hat, zum Betrieb zu kommen.

Selbst wer in seiner alten Heimat einen Führerschein hatte, fängt in Deutschland oft von vorn an: Eine Fahrerlaubnis, die nicht aus einem EU- oder EWR-Mitgliedsstaat stammt, muss nach einem halben Jahr umgeschrieben werden. Heißt: Fahrstunden sind nicht nötig, aber die theoretische und praktische Führerscheinprüfung muss bestanden werden.

Das große Geschäft für Bayerns Fahrschulen hat gerade erst begonnen. Viele berichten, in den vergangenen Monaten immer häufiger Flüchtlinge als Schüler angenommen zu haben. Wie viele den Führerschein machen oder schon haben, weiß niemand genau, das Fahrerlaubnisrecht wird in der Statistik nicht mit der Staatsangehörigkeit ausgewiesen.

Der Führerschein kann gefördert werden

Nach Schätzungen sollen sich allein zwischen Oktober und Dezember vergangenen Jahres deutschlandweit etwa 10 000 Flüchtlinge für einen Fahrschulunterricht angemeldet haben. Was auch daran liegt, dass die Arbeitsagenturen und Jobcenter unter bestimmten Voraussetzungen den Führerschein finanziell fördern können.

Erwin und Dirk Dlugosch haben Erfahrung mit dem Thema. Seit 50 Jahren gibt es ihre Fahrschule in Freising, erst fuhr Vater Erwin, später auch Sohn Dirk. Die beiden haben nach eigener Auskunft so ziemlich alle Nationalitäten per Führerschein im Freistaat integriert: erst Gastarbeiter aus der Türkei und Griechenland, später Aussiedler und Osteuropäer, dann Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Und heute? "Wir haben zwölf, 13 Nationalitäten", schätzt Dirk Dlugosch, etwa aus Afghanistan, Syrien, Gambia. Nicht nur Flüchtlinge. Auch chinesische Austauschstudenten lernen bei den Dlugoschs, wie es auf bayerischen Straßen zugeht.

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