Fronleichnam in Bayern Freiluft-Glaube

Durch Feld und Flur führt die Fronleichnamsprozession von Anger nach Höglwörth. Der Pfarrer, der das Allerheiligste trägt, geht unter einem Baldachin, "Himmel" genannt.

(Foto: mauritius images/SZ Photo Creative)

Fronleichnamsprozessionen sind bis heute Zeugnis gelebter Frömmigkeit. Auch wenn manche ein Spektakel sind.

Von Hans Kratzer

Kein katholisches Fest hat ein solch barockes und sinnenfrohes Gepränge wie Fronleichnam. Den damaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) hat dieser Umstand einst schwer in die Bredouille gebracht. Im Jahr 1989 entwickelte sich inmitten von Weihrauchschwaden und Hosiannarufen eine ungeahnte Gefahrenlage. Waigel und seine ihn schützenden Begleiter feierten damals das Fronleichnamsfest im schwäbischen Ursberg mit. Als fatal erwies sich, dass das Wachkommando aus Rheinländern und Norddeutschen bestand, denen die Sitten und Gebräuche in Bayern fremd waren.

Wie Waigel in seinen Erinnerungen schreibt, sang er im Kirchenchor mit, während seine Begleiter sich in seiner Nähe postierten. "Aber niemand hatte sie gewarnt, dass während der Wandlung kräftige Böllerschüsse ertönen würden." Umso überraschter reagierten die Männer, als es plötzlich krachte und zitterte. Weil sie einen Anschlag fürchteten, zogen sie blitzschnell ihre Schusswaffen. Die Ordensschwestern waren nicht wenig erstaunt. "Ich brauche nicht zu sagen, welch heitere und spöttische Bemerkungen dieser spontane Griff zu den Waffen nach sich zog", schreibt Waigel 30 Jahre danach.

Dass es an Fronleichnam, das stets am zweiten Donnerstag nach Pfingsten begangen wird, kracht, ist obligatorisch. Besonders im Alpenraum, wo Gebirgsschützen das Fest mit ihren Böllerschüssen untermalen. Manche nennen sich sogar Antlaßschützenkompanien. Die zentrale Bedeutung von Fronleichnam tragen sie also schon in ihrem Namen, Antlaß ist eine andere Bezeichnung für Fronleichnam. Gruppen wie die Lenggrieser und Wackersberger Antlaßschützen und die Gaißacher Antlaß- und Gebirgsschützenkompanie gehen zurück bis auf den Dreißigjährigen Krieg, als sie die Geistlichkeit bei der gefahrvollen Ausübung ihrer seelsorgerischen Pflichten etwa vor marodierenden Räubern und Banden schützten. Die Bezeichnung "Gebirgsschützen" kam erst später auf, als die Landesverteidigung in den Vordergrund ihres Handelns rückte.

Kilometerweit durch die Altstadt führt die Prozession in Bamberg.

(Foto: Dominik Schreiner/Erzbistum Bamberg)

An der Bedeutung von Fronleichnam zweifeln sie am allerwenigsten. Der Wackersberger Hauptmann Hans Baumgartner nannte die Prozession einmal "eine Demonstration des christlichen Glaubens", die seine 200 Schützen bei der farbenfrohen Prozession voller Stolz in ihrer Uniform begleiten. Für sie ist es der prachtvollste Tag des Jahres, die Dorfbewohner ziehen zur Prozession ihr bestes Gewand an, die Frauen greifen zu Mieder, Dirndl und Schalk. Auch wenn sich die Mädchen für die Prozession nicht mehr herrichten, als wäre es ihre Hochzeit. In Zeiten ohne Festiger sprengten sie sich Bier in die Haare, die sich zu lustigen Schneckerln formten. Wurden die Haare gekämmt, schauten die Mädchen aus wie kleine Engel.

Ein einmaliger Brauch wird in Piding im Berchtesgadener Land gepflegt, wo zwei Buben, Jesus und Sankt Joseph darstellend, bei der Prozession ein Schaf mit sich führen, das vorher sauber herausgeputzt wird. "Wer das katholische Bayern in seinem Kern ergründen will, der kommt nicht umhin, bei einer Fronleichnamsprozession mitzumarschieren", sagt der aus Passau stammende Kabarettist Bruno Jonas. Andererseits weiß mittlerweile ein rasant wachsender Teil der Bevölkerung mit Festen wie Fronleichnam nichts mehr anzufangen. Da hilft auch die große Tradition nichts mehr, die älteste Fronleichnamsprozession in Bayern ist bereits im Jahre 1298 belegt. Heutzutage werden die religiösen und ekstatischen Bedürfnisse der Menschen eher vom Fußball gestillt als von Kirchenfesten wie Fronleichnam, das einer Reihe von Bundesländern immerhin einen zusätzlichen Feiertag beschert.

Das althochdeutsche Wörtlein "fro" (Herr) bildet den Schlüssel für die Bedeutung von Fronleichnam (Leib des Herrn), einem Fest, das europaweit gefeiert wird. Zwar schmilzt die Zahl der Teilnehmer stetig dahin, aber gleichwohl locken die farbenfrohen Prozessionen Tausende Schaulustige an. Eine Touristenattraktion ist vor allem die folkloristisch kaum zu steigernde Seeprozession von Seehausen am Staffelsee. Dort besteigen die Gläubigen blumengeschmückte Boote und Kähne und folgen dem Schiff mit dem Traghimmel und dem Allerheiligsten. Fast erdrückt vom Zuschauerstrom fällt es den Seehausenern aber nicht leicht, die Prozession nicht nur als Spektakel, sondern vor allem als Zeugnis gelebter Frömmigkeit zu begehen. Prachtvoll ist auch der Fronleichnamskult in Bamberg, wo die Prozession kilometerlang durch die Altstadt führt. In Landshut wird der Zug von drei eisernen Rittern angeführt, nur heuer nicht, wegen der Belegung des Prozessionswegs durch ein Fußballevent. "Natürlich zeigen auch die Fronleichnamsprozessionen eine Tendenz zur Säkularisierung und Verweltlichung", sagt Michael Ritter vom Landesverein für Heimatpflege. "Immer mehr Menschen fahren lieber als Zuschauer zu Prozessionen und beobachten andere bei der Ausübung eines Brauchs", sagt Ritter.

In Seehausen fahren die Teilnehmer der letzten Seeprozession Bayerns in geschmückten Booten über den Staffelsee auf die Insel Wörth.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Das Zuschauen ist aber auch zu verlockend. Fronleichnamsprozessionen gelten gerade in Bayern als die schönste Selbstdarstellung der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit. Tobias Appl, Bezirksheimatpfleger der Oberpfalz, will die Schaulust gar nicht kritisieren. Zuschauer seien ja durchaus erwünscht, sagt er. In der Gegenreformation habe man genau aus diesem Grund begonnen, farbenfrohe Prozessionen zu zelebrieren und sie durch blutrünstige Szenen und exotische Tiere zu erweitern. Ein Event sollten sie sein, sie sollten die Menschen innerlich berühren und so zum Glauben hinführen.

Appl hat aber festgestellt, dass die Häuser entlang der Prozessionswege kaum noch geschmückt werden. Immer mehr Hauseigentümer verzichten auf diese Mühe. Dafür schließt sich nun an die Prozession oft eine weltliche Feier an, wie im oberbayerischen Wackersberg, wo die Zusammenkunft im dörflichen Biergarten eine Kulisse bietet, die jeden Hollywood-Regisseur elektrisieren könnte.

Spektakulär wirken die eisernen Ritter in Landshut, die heuer allerdings nicht dabei sind.

(Foto: Privat)

Christoph Kappes, Sprecher des Erzbistums München-Freising, sieht Fronleichnam auf einem festen Fundament. "Wir haben in München stabile 10 000 Teilnehmer." Das Pilgern, sagt er, habe eine neue Qualität gewonnen, das gelte auch für Prozessionen. "Sie sind ja anstrengend. Man muss früh da sein, oft ist es heiß, und die Fahnen sind schwer." Trotz säkularer Zeiten sei die Münchner Prozession Ausdruck lebendig gelebten Glaubens.

Nicht nur für Theo Waigel war Fronleichnam einst ein Pflichttermin. Der verstorbene Landshuter Stiftspropst Bernhard Schömann sah es aber nicht gerne, wenn sich Politiker bei dem Zug in den Vordergrund drängten. Man dürfe den Umzug nicht den Showmännern aus dem Stadtrat überlassen, schimpfte er, "Fronleichnam ist doch kein Faschingszug."