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Hochschule:Die Uni Erlangen ist so marode wie innovativ

Sanierungsstau an der Uni Erlangen-Nürnberg

Nicht mehr lange tragbar ist das Gebäude, in dem seit 40 Jahren Lehrer ausgebildet werden. Zumindest darin sind sich alle einig.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Die Hochschule braucht dringend Geld, die Gebäude bröckeln. Dass Millionen in die neue TU Nürnberg fließen sollen, stößt auf Unverständnis.

Joachim Hornegger ist zurzeit nicht um seine Stelle zu beneiden. Als Präsident der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) in Erlangen muss er darauf achten, dass er dem Ruf seines Hauses nicht schadet. Schließlich darf er potenzielle Studenten keinesfalls verschrecken und will auch in Zukunft hochkarätige Wissenschaftler für Lehre und Forschung gewinnen. Gleichzeitig ist er Herr einer unübersichtlichen Menge ziemlich maroder Gebäude, die anerkanntermaßen seit Jahren saniert werden müssen. Ihm wurden dafür zwar 1,5 Milliarden Euro in Aussicht gestellt - allerdings verteilt auf 30 Jahre.

Deshalb versucht er sich nun in der Kunst, gleichzeitig darauf aufmerksam zu machen, dass die FAU gerade wieder eine Auszeichnung für ihre Innovationsstärke bekommen habe, aber wirklich sehr dringend einen großen Teil des Geldes braucht. Als wäre das nicht genug, muss er sich auch noch diplomatisch zu einem Projekt verhalten, das ihm aus rein strukturpolitischen Gründen vor die Nase gesetzt wird und das man in Erlangen als Konkurrenz zur erfolgreichen Technischen Fakultät der FAU sieht: die geplante Technische Universität in Nürnberg, die sich die CSU als Eliteuniversität erträumt und die finanziell überdurchschnittlich gut ausgestattet werden soll.

Bei den Geisteswissenschaftlern ist's sogar gefährlich.

(Foto: Studierendenvertretung)

Als Innenminister Joachim Herrmann in seiner Funktion als Erlanger CSU-Abgeordneter am Dienstag zu einem Diskussionsabend mit seinem Parteikollegen und Wissenschaftsminister Bernd Sibler in die nicht mehr allzu repräsentative Aula der Universität lud, übernahmen es deshalb die Dekane der FAU, sozusagen Horneggers erste Offiziere, deutliche Worte zu sprechen. Dass der Saal trotz mangelhafter Klimaanlage gesteckt voll war, zeigt, wie sehr sich die Mitarbeiter um die Zukunft der Universität sorgen. Unterstützt wurden sie von namhaften Vertretern des Wissenschaftsbetriebs wie Gerd Leuchs, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts in Erlangen.

Der kann sogar noch freier sprechen als seine Kollegen von der FAU und bat die beiden Minister ganz unverblümt darum, die Sache mit der Technischen Universität in Nürnberg sehr ernsthaft zu überdenken - noch sei es nicht zu spät. Das Konzept für die Neugründung liegt aktuell zur Prüfung beim Wissenschaftsrat und Leuchs ist einer der Wissenschaftler, die ihre Stellungnahmen dazu abgeben. "Das ist ein schönes Papier, aber da steht jetzt nicht sehr viel Neues drin", lautet seine Zusammenfassung. Er könne sich nicht vorstellen, dass die neue Einrichtung in zwanzig oder dreißig Jahren in den Universitätsrankings ganz oben mitmischen wird. Es sei zwar toll, dass der Freistaat so viel Geld in Franken investieren wolle, aber: "Ich vermisse den ganz großen Wurf." Man sollte in Deutschland doch den Ehrgeiz haben, im weltweiten Vergleich deutlich vor Platz 50 aufzutauchen. "Es gäbe die Möglichkeit, mit diesen erheblichen Mitteln eine Universität zu gründen, die dann ganz oben mitmischt", glaubt Leuchs.

Sanierungsstau

Der Sanierungsstau in Erlangen und an anderen Universitäten ist unbestritten. "Wir haben seit Jahren eine Unterfinanzierung im Bauunterhalt", sagte Innenminister Joachim Herrmann am Dienstag. Das betreffe alle Universitäten. Im aktuellen Haushalt sei bereits mehr Geld eingeplant worden. "Wir müssen alles dafür tun, dass im Nachtragshaushalt die Mittel noch mal erhöht werden." Wissenschaftsminister Bernd Sibler versprach, dafür zu sorgen, dass in Erlangen möglichst schnell möglichst viele der geplanten Sanierungs- und Neubauprojekte starten können. Höchste Priorität hätten die Neubauten für die Chemie, für die Lehrerausbildung und der Umzug der Geisteswissenschaften. Vergangene Woche hat sich auch der Wissenschaftsausschuss des Landtags erneut mit dem Thema beschäftigt. SPD und Grüne fordern schnelle Investitionen und bis nach der Sommerpause einen Plan, wann und in welcher Reihenfolge gebaut wird. angu, henz

Rainer Trinczek, Chef der Philosophischen Fakultät und damit der Geisteswissenschaften an der FAU, fand Leuchs Diskussionsbeitrag so inspirierend, dass er seine Fragemöglichkeit an die Minister dazu nutzte, den Kollegen vom Max-Planck-Institut zu näheren Ausführungen aufzufordern - was der gerne tat. Man habe in der Vergangenheit ja schon darüber nachgedacht, die beiden Münchner Universitäten zusammenzulegen, um es mit der vereinten Schlagkraft beider Einrichtungen in die Reihe der Eliteuniversitäten zu schaffen, erläuterte Leuchs seine Überlegungen. Er halte es aber nicht für realistisch, zwei so etablierte Strukturen zusammenzuführen. Wenn man dagegen die Dinge nehme, die an der FAU gut laufen, und mit den Finanzmitteln ergänze, die für die sogenannte Nürnberger Eliteuniversität vorgesehen sind ... Es gehe jedenfalls darum, "eine große, schlagkräftige Einrichtung" auf den Weg zu bringen.

Dem Dekan der Technischen Fakultät dürfte das Herz aufgegangen sein. Er hatte seine Kritik vorher als Frage an Sibler getarnt: "Ich bitte um Amtshilfe", sagte Reinhard Lerch. Er müsse seinen Kollegen aus anderen Bundesländern immer erklären, warum es die neue TU Nürnberg eigentlich brauche - "Ist denn deine Fakultät gar nicht so gut, wie du immer erzählst? Oder hat Bayern zu viel Geld?". Er wisse nie, was er darauf antworten solle.

Zur inhaltlichen Notwendigkeit hatten die beiden Minister am Dienstag wenig zu sagen. Bernd Sibler nannte "Dynamiken" im Kabinett, die vor zwei Jahren zu diesem Beschluss geführt haben, weil die Politik Bayerns zweitgrößter Stadt endlich zu mehr als rudimentären universitären Strukturen verhelfen müsse. "Man muss das von der Entwicklung her sehen", ergänzte Herrmann. Erst sei die Idee im Raum gestanden, die Technische Fakultät der FAU nach Nürnberg zu verlegen. Doch dagegen gab es Proteste. "Das ist jetzt erst mal ein großer Erfolg", findet Herrmann: "Die technische Fakultät bleibt in Erlangen." Aus Siblers Sicht bietet die neue Uni auch die Möglichkeit, ein paar hochschulpolitische Experimente zu machen, etwa vom Fakultätsprinzip wegzugehen. Was das Konzept angeht, rechnet er offenbar schon mit Änderungen. Man warte jetzt die Stellungnahme des Wissenschaftsrates ab und werde dann "nachschärfen".

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