"Fridays for Future" Von Krötentragen bis Verweis - so unterschiedlich sind die Konsequenzen für die Schülerstreiks

Die Demonstrationen freitags während der Unterrichtszeit führen zu Diskussionen über Schulpflicht und eventuelle Sanktionen für die Schüler.

(Foto: Alexander Pohl/imago)

Manche sprechen von Freiheit, andere von Chaos. Eine Linie von oben gibt es nicht. So entscheidet jeder Direktor selbst, wie er mit den Demonstranten umgeht.

Von Anna Günther und Claudia Henzler

Strenge Konsequenzen fürs Schwänzen oder Nachsicht für jugendlichen Eifer? Die Debatte über richtigen Umgang mit streikenden Schülern läuft seit Wochen, auch an bayerischen Schulen. Am vergangenen Freitag demonstrierten 2000 Jugendliche, deutlich weniger als am 15. März, dem weltweiten "Friday for future". Immer mehr Erwachsene scheinen darauf zu warten, dass den Schülern die Lust vergeht. Aber ein Ende ist nicht in Sicht. Schulminister Michael Piazolo (FW) verweist aufs Schulgesetz, in dem die Schulpflicht klar geregelt ist, und auf den Ermessensspielraum der Schulleiter. Eine zusätzliche Handreichung hält er für unnötig und appelliert an die pädagogische Kompetenz der Schulleiter. Diese müssen die Schulpflicht durchsetzen und im Einzelfall Konsequenzen festlegen. Diese Freiheit nennen manche Vielfalt, andere Chaos. Einig sind sich die meisten Schulleiter nur darin, dass sie das Engagement der Jugendlichen für den Klimaschutz grundsätzlich gut finden. Aber wie die Schülerstreiks gehandhabt werden, variiert von Schule zu Schule - ebenso wie die Zahl der demonstrierenden Schüler. Eine Auswahl.

Eine Linie "von oben" empfände Peter Renoth durchaus als "hilfreich". Aber es sei klar, dass die Schule reagieren müsse, sagt der Direktor des Landshuter Hans-Leinberger-Gymnasiums. Gut 100 seiner Schüler nahmen an der weltweiten Demonstration am 15. März teil, weitere 15 Schüler demonstrierten am vergangenen Freitag. Renoth will die Situation ohne Verweise lösen - vorerst. Auch um den "positiven Schwung" zum Thema Klimaschutz für die Schule zu nutzen. Die Demonstranten müssen den Unterricht nachholen, wie genau bespricht Renoth derzeit mit Lehrern und den aktivsten Klimaschützern. Ziel sei, das Thema in der Schule umzusetzen etwa in Arbeitskreisen oder mit Projekttagen wie derzeit zum Plastikfasten. Die Jugendlichen sollen sich selbst Gedanken machen und Verantwortung übernehmen.

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Diesen pädagogischen Ansatz verfolgen viele Schulleiter. Auch Rudolf Schweiger, Chef am Ingolstädter Katharinen-Gymnasium, hält neben einer Podiumsdiskussion zum Thema auch Mitarbeit im Schulgarten, "Krötentragen" oder Dienste in der schuleigenen Imkerei für denkbar. An der ersten Demonstration in Ingolstadt hatten 30 Schüler teilgenommen, die den Unterricht nachholen mussten. Die zweite Demo fand nach Schulschluss statt. Am Annette-Kolb-Gymnasium in Traunstein integriert Bernd Amschler den Demonstrationswillen in den Schulalltag. Er will nicht länger über Formalien diskutieren: "Wir können uns lange darüber auslassen, dass man als Schulleiter plötzlich Freiheiten bekommt, die man in anderen Bereichen nicht so hat." Vom "reinen Gutfinden" hält Amschler so wenig wie von der Forderung nach Verweisen. "Wir haben einen Bildungsauftrag, der geht darüber hinaus." Statt die 150 demonstrierenden Schüler zu bestrafen, informierte er die Eltern vorher und sicherte sich ab. Amschler hofft auf einen langfristigen Effekt, das AKG ist seit Jahren Umweltschule. Nach der Demo fand eine Vollversammlung der Schule und eine Projektwoche zum Thema Klimaschutz statt. Unter dem Motto "we do" seien seitdem mehr als 20 Projektgruppen zu Umwelt und Klima entstanden.

Schule und Demo

Sind die Demos eine Gymnasiastenbewegung? Dieser Eindruck entsteht, sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Direktor des Deggendorfer Robert-Koch-Gymnasiums nach vielen Gesprächen mit Schülern. Entkräften kann Jürgen Böhm, Chef des Realschulverbandes, das nicht. Auch Realschüler sind unter den Demonstranten, sagt er, aber viele Neunt- und Zehntklässler sind wohl mehr mit ihrem Abschluss beschäftigt. Simone Fleischmann sieht das Ungleichgewicht und eine "soziale Ungleichheit": Mittelschüler seien zwar offen und interessiert, wenn Klimaschutz Schulstoff sei, organisierten sich aber nicht so stark, sagt die Präsidentin des bayerischen Lehrerverbandes. "Realität ist, dass wir die Mittelschüler anders mitnehmen müssen." Für sie wäre es "fatal", wenn politische Bildung und demokratisches Handeln nur in einer Schicht zu Hause wäre. angu

Ähnlich offensiv handelte das Graf-Münster-Gymnasium in Bayreuth, das den Schülern ab der neunten Klasse die Teilnahme an einer Großdemonstration im Januar erlaubte und sich danach für folgendes Vorgehen entschied: Schüler bekommen auf Antrag der Eltern frei, wenn sie den Unterricht nachholen. An der Schule gibt es jeden Freitag einen von Lehrern beaufsichtigten Termin, bei dem Schüler zum Beispiel Klassenarbeiten nachholen können. Da müssen nun auch die Demonstranten Schulbücher wälzen. Das Angebot werde nur begrenzt genutzt, sagt Schulleiter Ralf Müller. Für den 15. März hätten sich nur drei Schüler befreien lassen.

Das Röntgen-Gymnasium Würzburg hat bei der ersten großen Demonstration im Januar kulant reagiert, mittlerweile aber die Zügel angezogen. Inzwischen bekommen Schüler, die wegen einer Freitags-Demo unentschuldigt fehlen, einen Verweis, sagt der stellvertretende Schulleiter Hansgeorg Binsteiner. "Wir müssen sicherstellen, dass der Unterricht stattfindet." Dieses Vorgehen sei mit den anderen Würzburger Gymnasien abgesprochen. Entsprechend ist die Zahl der Teilnehmer in Würzburg zurückgegangen. Im Anschluss an die Großdemonstration am 15. März habe das Röntgen-Gymnasium drei Verweise ausgestellt, sagt Binsteiner. Die Schule hatte nach der Demonstration im Januar zu einer verpflichtenden Versammlung eingeladen und den Schülern die Teilnahme an verschiedenen Arbeitsgruppen und Initiativen zum Klimaschutz nahegelegt. "Wir gehen davon aus, dass die Schüler, wenn sie es ernst meinen, daran teilnehmen", sagt Binsteiner. Ein Freifahrtschein für weitere Fehltage sei das aber nicht.

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Abseits der Großstädte ist das Problem weniger drängend. Im oberfränkischen Kronach gab es keine Veranstaltungen, im Frankenwald-Gymnasium Kronach sind deshalb zuletzt nur etwa eine Handvoll Schüler nicht zum Unterricht erschienen, sondern in den Zug gestiegen. Schulleiter Harald Weichert sah bisher keinen Anlass, diese Schüler mit Verweisen zu bestrafen. Er will beobachten, welche Schüler freitags zur Demonstration fahren und ob echtes Interesse für das Klima dahintersteckt. Man werde gemäß der Empfehlungen des Kultusministers "mit Augenmaß" handeln, sagt Weichert. Im schwäbischen Dillingen hat am Johann-Michael-Sailer-Gymnasium kein einziger Schüler gestreikt. Entsprechend lobt Vize-Chef Sebastian Bürle seine Jugendlichen als "konstruktiv und vernünftig". Man habe mit den Schülersprechern diskutiert, sie auf die Schulpflicht hingewiesen und ihnen statt der Demos einen eigenen Projekttag zum Klimaschutz angeboten.

Dass sich Stadtkinder automatisch für die Demonstrationen interessieren, stimmt übrigens auch nicht. Denn während in Nürnberg kürzlich an dem einen Gymnasium gut 100 Jugendliche aufbrachen, waren die Teilnehmer vom Nürnberger Melanchthon-Gymnasium laut dem stellvertretenden Schulleiter Christoph Reichardt "an zwei Händen abzuzählen". Sie mussten die Zeit samstags in der Schule bei einem Infotag nachholen.

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