Freizeit Der Hype gefällt den Einheimischen nicht

Ins Hirschbergstüberl ist sie gekommen, weil sie gegen den Skitourenbus protestieren will. "Dieser Hype, der hier gemacht wird, an so einem sensiblen Ort, der geht mir so was von gegen den Strich", sagt Kristina Roedel. Eine Mitschuld an dem Hype gibt sie der ortsansässigen Skischule. Die Leute von der Skischule hätten die Gastwirtschaft übernommen, "jetzt müssen die ihr Geschäft machen". Wenn sie spricht, fliegen die Arme durch die Luft. Man hat fast Angst, dass ihr gleich das Nostril-Piercing aus der Nase fällt.

An den Tisch tritt jetzt ein älterer Herr, mit Trachtenhut und Trachtenjackett, in der Hand ein volles Glas Weißwein. Er reicht seine Visitenkarte, darauf steht sein Name und seine Titel: "Oberforstmeister a.D., Maler, Volkssänger und Privatier." Er ist ein guter Bekannter von Kristina Roedel. Der Oberförster a.D. sagt: "Früher wäre es uns im Traum nicht eingefallen, mit der Stirnlampe auf den Berg zu gehen". Prost!

Ein Nachtbus extra für Münchner? Die Anwohnerin Kristina Roedel sagt: "Dieser Hype, der hier gemacht wird, der geht mir so was von gegen den Strich."

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

21 Münchner sind genau deswegen mit dem Bus nach Kreuth gefahren. Zusammen mit etwa 60 anderen büffeln sie den Hirschberg hinauf. Seit zwei Jahren ist die Route am Donnerstagabend für Skibergsteiger geöffnet. Der große Ansturm ist lange ausgeblieben, wenn man den Hirschberg mit Bergen in der Umgebung vergleicht. Doch seit es den Nachtbus gibt, hat sich die Zahl mindestens verdoppelt. Eine Entwicklung, die Marco Müller besorgt.

Müller, 34, ist ein großer, drahtiger Schwabe, der eigentlich lange ruhig bleibt. Er ist der Gebietsbetreuer für das Mangfallgebirge, so etwas wie der oberste Naturlobbyist in der Umgebung, er soll die Leute zu einer möglichst naturverträglichen Freizeitnutzung bewegen. Seit 2011 hat er den Posten. An einem Dienstag, zwei Tage bevor der Nachtskitourenbus aus München anrollt, steht er in kompletter Skimontur auf einer Waldlichtung, 350 Meter unterhalb des Hirschberggipfels. Minus sieben Grad, später Nachmittag. Es schneit, es wird langsam dunkel.

Er will gerade über das Birkhuhn sprechen, als er sie sieht, wie ein Skifahrer eine Spur den Lawinenhang hinunter zieht, mitten durch das Schongebiet, das der Alpenverein ausgewiesen hat. Ob ihn das wütend macht? "Wütend nicht, aber es deprimiert mich immer ein Stück weit. Ich kann jetzt nicht mit der roten Karte auf den zu wedeln und ihn zurechtweisen." Die Erfahrung hat ihm gezeigt, das bringt nichts. Die Leute schalten dann immer auf stur, sie sagen: "Was willst denn Du jetzt?"

Stress kann für das Birkhuhn lebensbedrohlich sein

Der Skifahrer ist vorbeigerauscht, und Marco Müller kommt zurück zum Birkhuhn. So ein Birkhuhn fahre im Winter seinen Organismus komplett runter. "Du siehst hier die Nadeln und Knospen, die sie zum Fressen haben", er zeigt mit den Skistöcken auf Sträucher, Fichten und Tannen: "Da steckt fast keine Energie drin." Wenn aber ein Birkhuhn auf einen Skitourengeher treffe, dann müsse das Tier seinen Organismus wieder hochfahren, eine Reaktion, die unter Umständen lebensbedrohlich sein könne.

Auch Naturschützer, unter ihnen Marco Müller, sind skeptisch. Sie sorgen sich um die Birkhühner, die es auf dem Hirschberg noch gibt.

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Vor acht Monaten haben sie im Landratsamt das letzte Mal die Birkhähne im Gebiet Hirschberg, Roßstein und Fockenstein gezählt. Auf neun Tiere sind sie damals gekommen. Nicht mehr als eine grobe Schätzung, weil sie immer nur die Balzplätze einsehen können. Sicher sagen lässt sich trotzdem, dass die Zahl der Birkhühner seit 2002 um 60 Prozent abgenommen hat. Daran seien vor allem die Tourengeher schuld, glaubt Marco Müller.

22.17 Uhr, der Busfahrer startet den Motor, es geht zurück in die Stadt. Der Ingenieur sitzt auf einer der hinteren Bänke. Für ihn war es die erste Skitour im Jahr. Die weit verbreitete Skepsis im Tegernseer Tal gegen die Skibergsteiger aus München hat sich bis zu ihm herumgesprochen. Er sagt, er wohne 500 Meter von der Wiesn entfernt. Und es gefalle ihm auch nicht sonderlich gut, wenn ihm die Betrunkenen im September in den Hausflur kotzten. "Aber es ist schon okay, wenn jemand anders, der nicht hier wohnt, auch mal da ist."

Dann überlegen er und sein Freund, auf welchen Berg sie nächste Woche fahren. Für die Nachtskitour.

Langlauf Auf Langlauf-Skiern durch München

Wintersport

Auf Langlauf-Skiern durch München

Man muss derzeit nicht ins Oberland, um passable Schneeverhältnisse zu finden - sogar mitten in der Stadt gibt es eigens gespurte Loipen.   Von Günther Knoll