Die Malerin Ruth Kohler„Solange ich malen kann, kann ich nicht sterben“

Lesezeit: 3 Min.

Ruth Kohler hat als eine der ersten Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg die Akademie der Bildenden Künste in München besucht.
Ruth Kohler hat als eine der ersten Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg die Akademie der Bildenden Künste in München besucht.
Thomas Dashuber/dimu

Die 97-jährige Malerin Ruth Kohler steht noch immer jeden Tag in ihrem Atelier in Münsing. Nun widmet ihr das Diözesanmuseum Freising eine große Retrospektive. Ein Rundgang mit der Künstlerin.

Von Stephanie Schwaderer, Freising/Münsing

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Ruth Kohler sieht die Dinge mit anderen Augen. „Wow, ist das toll“, ruft sie auf der Fahrt nach Freising und deutet auf Hochspannungsleitungen, die brachial Wald und Wiesen durchschneiden. „Dieses Grau! So eine Eleganz! Wie es all das langweilige Grün aufbricht!“ Momente wie dieser sind es, die eine Begegnung mit der 97-jährigen Malerin immer wieder zu einem Ereignis machen – und die Welt ein Stückchen schöner. Gleiches gilt für ihre Bilder.

Das Freisinger Diözesanmuseum widmet der 1929 in Fürth geborenen Künstlerin derzeit eine Retrospektive. „Ein Leben in Farben – die Malerin Ruth Kohler“ heißt die inspirierende Schau. Wer Kohler noch nicht kennt, darf sich von einer außergewöhnlichen Künstlerinnen-Biografie überraschen lassen.  Wer sie schon länger begleitet, kann sie noch einmal neu entdecken. Am besten an ihrer Seite. Und am allerbesten, wenn auch noch ihre Schwester Veronika aus Chicago zu Besuch ist. „Die ist noch nicht einmal 90“, wie Kohler betont. Bei längeren Autofahrten wechseln sich die beiden Pfarrerstöchter am Steuer ab.

Auf ins Vergnügen: Ruth Kohler (links) und ihre Schwester Veronika Burmeister vor dem Diözesanmuseum.
Auf ins Vergnügen: Ruth Kohler (links) und ihre Schwester Veronika Burmeister vor dem Diözesanmuseum.
Stephanie Schwaderer

Das Diözesanmuseum betreten die Schwestern ein paar Tage nach der Vernissage voller Neugier. Sie wollen alles noch einmal in Ruhe auf sich wirken lassen. „Hier wird man in den Himmel gehoben“, sagt Kohler leise im Lichthof. Die Ausstellung beginnt im lichtdurchfluteten Freisinger Saal im Erdgeschoss.

Das erste und älteste Bild ist ein Selbstporträt. Kohler hat es vor mehr als 70 Jahren an der Akademie der Bildenden Künste in München gemalt, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg als eine der ersten Frauen besuchte. Das Bild zeigt ein gelassenes Gesicht, das von dunklen Augen und einer kühlen Nase in Graublau beherrscht wird.

Selbstbildnisse: Öl auf Rupfen, um 1954 , 95 x 70, und Ton, um 1955.
Selbstbildnisse: Öl auf Rupfen, um 1954 , 95 x 70, und Ton, um 1955.
Dirk Daniel Mann
Bei Freskenarbeiten Anfang der Sechzigerjahre.
Bei Freskenarbeiten Anfang der Sechzigerjahre.
Ingrid Lockemann

Dass sie damals mit Talent und Können, gewiss aber auch mit ihrer Ausstrahlung auf sich aufmerksam gemacht haben dürfte, lässt zwei Schritte weiter ein groß aufgezogenes Schwarz-Weiß-Foto erahnen. Entstanden ist es bei Freskenarbeiten in der Franziskuskapelle in Mittenheim. Dort arbeitete Kohler Anfang der Sechzigerjahre als Meisterschülerin und Assistentin von Franz Nagel. Glasfenster, Fresken und Kirchengemälde hat sie in dieser Zeit geschaffen – wenn sie nicht gerade in Afrika malte, wo damals ihre Schwester Veronika lebte. Die Ausstellung wirft Schlaglichter auf diese prägenden Jahre: Farbtupfer in einem vielschichtigen Lebensgemälde.

Christoph Kürzeder, Leiter des Diözesanmuseums, ist bekannt für überraschende Ausstellungskonzepte und eine sichere Hand bei der Auswahl von Exponaten. Er bescheinigt Kohler „eine unglaubliche Energie“. Die Ausstellung hat er zusammen mit Steffen Mensch kuratiert. „Das ging zack zack“, sagt Kohler, „die wussten genau, was sie wollten.“ Sie hingegen sei in den vergangenen Monaten immer wieder von ihrer Vergangenheit überrascht worden. „Bilder, die ich nicht mehr habe“, seien plötzlich vor ihren Augen aufgetaucht. Bilder, die in vielen Städten dieser Welt gelandet sind. In London, Chicago, Paris, Sydney, Rom.

Direkt gegenüber der jungen Freskenmalerin hängt in Freising das Ganzkörperporträt eines Mannes, dem Kohler kein Gesicht, aber eine lässige Ausstrahlung gegeben hat. „Werner“, heißt der Titel. „Genau so hat er ausgesehen“, sagt Veronika und hält lächelnd einen Moment vor ihrem Schwager inne. Mit dem Filmemacher Werner Prym ist Ruth Kohler durch die Welt gereist, hat Metropolen entdeckt und sich in Münsing am Starnberger See ein Künstlerhaus eingerichtet. In dieser Zeit entstanden Zyklen wie „Anonymität der Großstadt“ und eine Motorradfahrer-Serie, aus der in Freising ebenfalls Bilder zu sehen sind. Betörend schwungvoll der Moment, in dem zwei Rotbehelmte sich gemeinsam in die Kurve legen: volle Fahrt voraus ins Blaue, ein Rausch, ein Traum. 1982 ist Werner Prym gestorben.

Ohne Titel, Serie „Motorradfahrer“, 1973–1975, Acryl auf Leinwand, 95 x 100.
Ohne Titel, Serie „Motorradfahrer“, 1973–1975, Acryl auf Leinwand, 95 x 100.
Michael Hopf/Dimu
N.Y., um 1985, Acryl auf Leinwand, 80 x 80.
N.Y., um 1985, Acryl auf Leinwand, 80 x 80.
Michael Hopf / Dimu

„Kein Schreibmaschinen-Geklapper mehr im Haus. Es war so still“, sagt Kohler. „Da habe ich angefangen, mit Farbe um mich zu werfen.“  Exponate aus den Achtzigerjahren zeigen, wie sie einen völlig neuen Weg einschlägt. Das Figürliche löst sich auf. Was bleibt ist Rot, Blau und Gelb in vielen Nuancen, dazwischen Weiß, später auch Schwarz, geschichtet und kontrastiert, aufgewirbelt, wild, energisch. Erstmals schafft sie Kompositionen, die „nicht gedanklich entworfen, sondern aus der emotional bestimmten Erinnerung heraus gemalt“ sind, wie Wolfgang Jean Stock im Katalog zur Ausstellung schreibt.

Jedes Bild sei „ein Kampf“, sagt die Malerin. Die Farben müssten so gesetzt werden, dass sie einen Klang erzeugten. Dass dieser Kampf unter ihren Händen nicht selten in einem Hymnus endet, zeigen die Großformate im sogenannten Umgang im zweiten Obergeschoss. Rund um den Lichthof entfalten sie ihre ganze Kraft. In einem Farbrausch aus Pink, Rot und Orange aus dem Jahr 2016 möchte man einfach nur tanzen.

„Hier wird man in den Himmel gehoben“: Blick in den sogenannten Umgang im Zweiten Obergeschoss.
„Hier wird man in den Himmel gehoben“: Blick in den sogenannten Umgang im Zweiten Obergeschoss.
Dirk Daniel Mann
Ohne Titel, 2016, Acryl auf Leinwand, 160 x 180.
Ohne Titel, 2016, Acryl auf Leinwand, 160 x 180.
Michael Hopf / Dimu

Das Besondere an Ruth Kohler sei „diese unglaubliche Entwicklung, die trotzdem konsistent ist“, sagt Kurator Steffen Mensch. Die Künstlerin habe die Frage, was zeitgemäße Malerei sei, über acht Dekaden „immer wieder neu und immer mutig“ beantwortet. Und immer als Ruth Kohler.

An diesem Tag geht sie prüfend von Bild zu Bild, mal zufrieden, mal kritisch. Fast möchte man froh sein, dass sie keinen Pinsel zur Hand hat, denn sie ist auch eine leidenschaftliche Übermalerin. „Ich bräuchte noch lange, um gut zu werden“, hat sie einige Wochen vor der Ausstellung gesagt. Ein Satz, der zum Lachen und zum Weinen schön ist.

In der Ausstellung läuft ein Dokumentarfilm, der sie in ihrem Atelier in Münsing zeigt. Darin sagt sie: „Solange ich malen kann, kann ich nicht sterben.“ Am Ende des Museumsbesuchs darf jeder Gast einen Wunsch auf eine Papierrose schreiben. Man muss ihn nicht aussprechen.

Ein Leben in Farben – die Malerin Ruth Kohler, bis 29. September, Diözesanmuseum Freising, Domberg 21, Informationen unter dimu-freising.de

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