Süddeutsche Zeitung

Freilichtmuseum Glentleiten:Die Nazis überwachten sogar den letzten Bauernhof

  • Die Nazis versuchten, sogar das gesellschaftliche Leben der Landbevölkerung zu vereinnahmen. Selbst Hitler trug manchmal eine kurze Lederhose.
  • Eine Ausstellung im Freilichtmuseum Glentleiten zeigt nun, wie sie dabei vorgingen.
  • Vieles war bloße Strategie: So wollten die Nazis offenbar Trachtenvereine auf ihre Seite ziehen, aber nicht deren Vielfalt erhalten.

Aus der politischen Frühzeit von Adolf Hitler gibt es irritierende Fotografien, auf denen er beispielsweise in volkstümlicher Tracht posiert. Der Lichtbildner Heinrich Hoffmann nahm ihn Ende der Zwanzigerjahre mehrmals in einem Janker und in einer kurzen Lederhose auf. Erst 1933 verbot Hitler den Handel mit solchen Bildern. Vielleicht hatte er geahnt, dass er sich auf diesen Lederhosen-Fotos eine Blöße gab, die bereits an der Grenze zur Lächerlichkeit kratzte.

Gleichwohl belegen diese Aufnahmen, dass der Nationalsozialismus das gesellschaftliche Leben bis hin zur Kleidung zu vereinnahmen suchte. Das Verhältnis zwischen NS-Ideologie und Wirklichkeit auf dem Land ist freilich noch längst nicht erschöpfend erforscht. Umso begrüßenswerter ist die aktuelle Sonderausstellung im Freilichtmuseum Glentleiten, die sich diesem Thema in einer beachtlichen Breite und Tiefe widmet. Unter anderem wird dabei deutlich, dass die Nazis sogar die kurze Lederhose für ihre Zwecke nützten, ausgerechnet jenes Kleidungsstück, das einst durch die Gebirgstrachtenvereine populär wurde und heute weltweit für bayerische Folklore und Lebensart steht.

Viele NSDAP-Mitglieder begannen Lederhosen und Janker zu tragen, nachdem ihre Partei-Uniformen in den Zwanzigerjahren verboten worden waren. Nicht zuletzt wollten sie dadurch die Trachtenvereine auf ihre Seite ziehen. "Allerdings wollten sie keineswegs die Vielfalt der Trachten erhalten", sagt Jan Borgmann, der Mitkurator der Ausstellung.

Es wird zum Beispiel Heinz Heckers Pamphlet "Trachten unserer Zeit" aus dem Jahr 1939 gezeigt, das eine neue einheitliche Tracht als gemeinsames Zeichen der deutschen Volksgemeinschaft propagierte. Das Ziel der Nazis war also die Uniformierung der Massen mit einer einheitlichen Nationaltracht, wogegen sie kirchlich motivierte Trachten oder Regionaltrachten wie jene des Ochsenfurter Gaues als entartet diffamierten.

Das Thema Tracht umreißt aber nur einen kleinen Abschnitt der Sonderschau, die auf vielfältige Weise die Auswirkungen des Dritten Reichs im ländlichen Raum beleuchtet. Letztlich hat sich der Nationalsozialismus auf alle Bereiche des Alltags ausgewirkt, von der Landwirtschaft bis hin zu den Vereinen. Und doch ist so vieles noch nicht erzählt, gerade wenn man den Blick aufs Land richtet, wo die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen immer ein wenig zögerlicher eintreten.

"Dort war die NS-Zeit lange kein Thema", sagt Borgmann, "sie wurde oft nur angerissen, man konnte sich leicht in die Nesseln setzen." Aber mittlerweile hat sich vieles gebessert. Aktuell beschäftigt sich die Gemeinde Murnau in einem Forschungsprojekt mit ihrer NS-Vergangenheit.

Hier wie dort haben die Nazis versucht, stets eine starke Präsenz zu zeigen. Zum Beispiel durch eine aufdringliche Beflaggung, die der Bevölkerung deutlich machen sollte: Wir sind überall, uns kommt keiner aus. Gerade auf dem Land wurde jeder Berufsstand extrem überwacht und kontrolliert, selbst im hintersten Weiler. Erschreckend klar tritt dies am Beispiel der Landwirte vor Augen. "Die Arbeit des deutschen Bauern ist das Brot des Volkes."

Das Zitat von Hermann Reischle, dem Stabsamtsführer des Reichsbauernführers, aus dem Jahr 1936 findet sich auf einem Abreißkalender für das Jahr 1941. Der Bauer sollte ideologisch aufgewertet werden. Die Arbeit in der Landwirtschaft sei die Grundlage der Versorgung von Volk und Heer, hieß es, und dafür musste den Bauern Respekt und Ehre entgegengebracht werden. Andererseits gab es für die Landwirte kein Entrinnen, als es um Lebensmittelablieferungen ging.

Die Nazis wussten über die Ortsbauernführer bestens Bescheid über die Ertragssituation auf jedem Hof. In der Ausstellung ist eine aus einem Murnauer Haushalt stammende Honigschleuder zu sehen. Selbst in dieser spiegelt sich die Gewaltherrschaft wider. Auf dem Handkurbelrad ist die Formel "Sieg Heil" zu lesen. Insofern zeigt das Gerät plakativ die tiefe Verwurzelung der NS-Ideologie in Teilen der Bevölkerung. Das sich beim Arbeitsvorgang unablässig drehende Handkurbelrad wiederholte gebetsmühlenartig das Mantra der Nazis.

Der Untertitel der Ausstellung setzt Ideologie und Wirklichkeit im ländlichen Bayern der Dreißiger- und Vierzigerjahre gegeneinander. "Diese Diskrepanz ist nicht immer leicht herauszuarbeiten", sagt Borgmann. Relativ gut klappt dies mit Blick auf die damaligen Landfrauen. Diese sollten nach Vorstellung der Nazis die Rolle der den Haushalt führenden Mutter einnehmen. Im Krieg war das aber nicht mehr möglich. Von da an mussten die Frauen die Höfe allein führen, das ideologische Ziel konnte so nicht mehr eingehalten werden.

Auch Verfolgung und Gewalt blieben auf dem Land nicht aus. Die Ausstellung dokumentiert, wie brutal sich der Antisemitismus auch dort entlud. Synagogen wurden geschändet, die jüdische Bevölkerung wurde vertrieben oder in Vernichtungslager deportiert. Gleichzeitig kam es zum massenhaften Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in der Landwirtschaft, um die in den Krieg gezogenen Bauern zu ersetzen. Die Ausstellung, die übrigens ein Gemeinschaftsprojekt der süddeutschen Freilichtmuseen ist, führt in Interviews, Filmen und Animationen eine böse Zeit vor Augen, die weit über das Jahr 1945 hinaus wirkte. Deren Folgen sind mitunter bis in die Gegenwart zu spüren.

Volk-Heimat-Dorf. Ideologie und Wirklichkeit im ländlichen Bayern der 1930er und 1940er Jahre. Freilichtmuseum Glentleiten, Großweil, bis 9. Juli, Di-So 9-18 Uhr. Vorträge: 21. Mai (Spurensuche in Bad Tölz) und 8. Juli (Gesellschaft und Nationalsozialismus in Oberbayern), Tel. 08851/185-0.

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SZ vom 25.04.2017/bhi
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