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Kreuzeder-Buch:Eine wilde Mischung aus Manifest und Lebensgeschichte

Hias Kreuzeder auf seinem Hof in Eham bei Freilassing. Er traktiert seine Wiesen und Felder nicht mit Gülle und Agrarchemie, sondern düngt sie schlicht mit Mist, so wie es seine Vorfahren immer schon gemacht haben.

(Foto: Matthias Köpf)

"Widerstand eines Zwerges" lautet der Titel des Buches, das der Freilassinger Biobauer und frühere Grünen-Politiker Hias Kreuzeder veröffentlicht hat. Es ist eine Streitschrift gegen das Bauernsterben und die Zerstörung der Natur.

Schon die Sache mit dem Verlag müsste eigentlich schon wieder ein neues Kapitel sein: Grundsätzlich waren sie sich ja einig vor zwei Jahren, einer der großen in der Branche wollte das Buch herausbringen. Doch dann, so erzählt es Hias Kreuzeder selbst, sitzen diese Verlagsleute an seinen Küchentisch und machen Vorschläge. Er solle doch mehr über die Flurbereinigung schreiben, zum Beispiel. Dabei reicht Kreuzeder zu dem Thema ein Absatz, im Kern sogar ein einziger Satz: Die Flurbereinigung war demnach der Anfang der großen Flächenversiegelung und ansonsten "der größte Diebstahl bäuerlichen Eigentums seit der Bauernbefreiung, von der Politik legalisiert". Und weil das den Verlagsleuten nicht genug war, hat er sie halt hinausgebeten aus der Küche seines Hofs in Eham bei Freilassing im Berchtesgadener Land. Sein Buch hat er jetzt im Selbstverlag herausgebracht.

"Widerstand eines Zwerges" heißt es, und laut Untertitel richtet es sich auf seinen gut 240 Seiten "gegen Bauern- und Handwerkersterben, Zerstörung von Natur und Heimat". Es ist eine Streitschrift geworden, und etwas anderes war vom Autor Matthias Kreuzeder kaum zu erwarten, der von allen nur Hias genannt wird und Ende der Achtzigerjahre wohl Deutschlands bekanntester Biobauer gewesen ist. Einer der ersten Biobauern weit und breit war er jedenfalls, so wie er ein früher Grüner gewesen ist - zunächst im Freilassinger Stadtrat und dann, nach einer unverhofften Spitzenkandidatur wegen eines flammenden Parteitagsauftritts, von 1987 bis 1990 im deutschen Bundestag als agrarpolitischer Sprecher seiner Fraktion.

Heute gibt es auf den Wahllisten der Grünen unter anderem deswegen so viele Biobauern, weil diese Berufsbezeichnung die Chancen beim Wähler erhöht. Kreuzeder ist schon seit 1990 nicht mehr Mitglied dieser Grünen, aber Biobauer ist er mit 71 Jahren immer noch. Was er dagegen auf keinen Fall sein will, ist Landwirt, schon weil in den Geschichtsbüchern noch niemals von einem "Landwirteaufstand" oder einem "Landwirtekrieg" berichtet worden sei.

Der Landwirt in diesem Sinn ist für Kreuzeder ein Knecht des Handels und der Chemiekonzerne, diszipliniert und auf den Weltmarkt geworfen von den Landwirtschaftsämtern, vom eigenen Bauernverband und von der CSU, die alle das Mantra vom "Wachsen oder Weichen" murmeln.

Dass es für einen "freien Bauern" auch anders, nämlich kleiner, lokaler und umweltfreundlicher geht und gehen muss, will Kreuzeder am Beispiel seiner Vorfahren zeigen und an dem seiner eigenen, unentwegten Rebellion gegen das scheinbare Schicksal von Globalisierung und Industrialisierung. Sein Buch, das er über Jahre hinweg an seinem Küchentisch in Eham und in einem kleinen Haus in Norden Norwegens verfasst hat, ist eine wilde Mischung aus Manifest und Lebensgeschichte geworden, wobei das Autobiographische nie wirklich privat wird, sondern nah am Politischen bleibt und vor allem in Anekdoten aufscheint, wie Kreuzeder es diesem oder jenem ordentlich gezeigt hat - sei es bei einem seiner durchaus deftigen Auftritte im Bonner Bundestag oder bei einer der zahllosen Versammlungen irgendwo im Land.

Ein eigenes Kapitel ist dem Verein "Auferstehung der freien Bauern Russlands" gewidmet, den Kreuzeder 1993 gegründet hat und mit dem er im Sehnsuchtsland seiner Kindheit seither viele Familien mit Geld, Sachspenden und Praktika beim Aufbau kleiner Biobetriebe unterstützt. Unter Deutschlands Bauern will er mit seinem Buch "neuen Widerstand anfachen". Dass sich so einer von Verlagsleuten nichts sagen lässt, ist kein Wunder, auch wenn es dem Buch wohl nicht nur geschadet hätte.

© SZ vom 02.06.2020/vewo
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