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Freilassing:Laut Irlmaier soll es noch einen großen Krieg geben

Zugleich sprach sich herum, dass sogar Altkanzler Konrad Adenauer den Hellseher mehrfach in die Bühlerhöhe, ein Luxushotel im Schwarzwald, eingeladen habe, wo er ihn und mindestens eine weitere Hellseherin ausgefragt habe. Worüber sie sprachen? "Na, des musst versteh', des darf i nit sagn", soll Irlmaier auf die Nachfrage eines Bekannten gesagt haben.

Dieser Bekannte war Reinhard Loy, der zu den letzten Zeitzeugen gehört, die Alois Irlmaier persönlich erlebten. In seiner Wohnung in Wolfratshausen erzählt der 88-Jährige verblüffend detailliert von seinen Begegnungen mit dem wunderlichen Mann.

So sei er als junger Mann von einem Bauern, dem jemand eine halbe Sau gestohlen hatte, darum gebeten worden, ihn mit seinem Motorrad nach Freilassing zu fahren, erzählt Reinhard Loy. Dort lebe ein Hellseher, habe der Bauer gesagt, der sicher bei der Suche helfen könne. Loy sei skeptisch gewesen, erinnert er sich, fuhr ihn aber doch zum gewünschten Ziel.

Dort angekommen habe der Bauer Irlmaier nach der verschwundenen Sauhälfte gefragt. Plötzlich habe sich der strenge Blick des Hellsehers verändert, seine wasserblauen Augen hätten sich gesenkt und sein Gesichtsausdruck sei angestrengt gewesen. Dann folgte die Antwort: Wenn sie heim kämen, lehne da einer am Türstock, barfuß, mit weißem Hemd und kurzer Lederhose und er werde fragen, wo die beiden denn schon her kämen so früh am Tag. Und tatsächlich, beteuert Loy, hätten sie den Mann getroffen und der habe auch noch die schicksalhafte Frage gestellt. Sie hätten die halbe Sau bei der Freundin des Diebes gefunden, die gerade damit beschäftigt war, das Fleisch in der Küche einzusalzen.

"Irlmaier hätte reich werden können, wenn er für seine Vorhersagen Geld verlangt hätte, aber er lehnte immer ab", sagt Loy. Einmal habe ihn der Hellseher daheim besucht. Nachdem sich Irlmaier das Haus angeschaut hatte, habe er gesagt, dass sie im nächsten großen Krieg nicht davon laufen müssten, allerdings einen Vorrat für drei Wochen anlegen sollten.

Reinhard Loy glaubt fest, dass sich die Prophezeiungen Irlmaiers erfüllen, und er hat sich vorbereitet. Wenn es so weit ist, werde er die Fenster seines Hauses mit schwarzem Papier bekleben und abdichten. Denn nach dem Chaos folgt der Prophezeiung nach eine dreitägige Finsternis. In dieser Zeit solle man nicht fliehen, sondern warten, bis der "Saustall" vorbei ist.

Irlmaier befeuerte mit seinen Vorhersagen über einen Dritten Weltkrieg die bestehenden Ängste der deutschen Bevölkerung vor einem plötzlichen Kriegsausbruch. Das sich anbahnende Muskelspiel zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion verunsicherte die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Visionen Irlmaiers zeigen erstaunlich viele Parallelen zu den Weissagungen des Mühlhiasl, eines geheimnisvollen Mannes aus dem Bayerischen Wald, der vor etwa 200 Jahren den Untergang der Menschheit prophezeit haben soll. Auch er soll apokalyptischer Ereignisse vorhergesagt habe, gewaltige Katastrophen würden sich aneinanderreihen. Dann jedoch werde ein großer Frieden folgen. Das klingt beim Irlmaier recht ähnlich. Wann das alles stattfinden soll, darüber gibt es allerdings keine Angaben.

Auf diversen Internetseiten haben einige Irlmaier-Jünger sogar Listen erstellt und auf Landkarten sichere und unsichere Gebiete eingezeichnet. In München, Landshut, Lindau am Bodensee, im Osten des bayerischen Alpenraumes, im Allgäu und Pfaffenwinkel und in der Region zwischen Untersberg bis Wendelstein sei man trotz einiger bürgerkriegsähnlicher Unruhen relativ sicher, soll Irlmaier angekündigt haben. Dagegen seien die Städte Passau, Regensburg, Nürnberg und Landau an der Isar in großer Gefahr.

Wer den Krieg überlebe, gehöre Irlmaier zufolge zu den Glücklichen, die eine friedliche Welt erleben würden, in der Bayern unabhängig sein und einen König haben werde. Hierbei stellt sich freilich die Frage, inwiefern der angebliche Hellseher seine persönliche Hoffnungen in seinen Visionen spiegelte.

Immer wieder wurde Irlmaier gefragt, ob er wirklich sicher sei, dass dies alles geschehen würde. "Freili ko ma si aa irrn. I konn mi aa irrn - I bin aa bloß a Mensch", antwortete Irlmaier. 1959 starb er an Leberkrebs. Am Totenbett schrieb sein Sohn die letzten Worte nieder: "Ich bin froh, dass der Herrgott mich sterben lässt. Jetzt brauche ich das, was ich voraussehe, nicht mehr erleben."

© SZ vom 23.11.2016/libo/odg

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