Freilassing Der Mann, der im Zweiten Weltkrieg Bombeneinschläge vorhersah

Alois Irlmaier konnte angeblich das unterirdische Wasser spüren, eine Wünschelrute half ihm dabei.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Alois Irlmaier war ein einfacher Brunnenbauer, doch seine Visionen bewahrheiteten sich erstaunlich häufig - bis ihn sogar Konrad Adenauer zum Gespräch bat.

Von Tahir Chaudhry, Freilassing

In der kleinen oberbayerischen Ortschaft Hammerau saß irgendwann im Jahre 1949 eine kleine Gesellschaft am runden Tisch feierlich beisammen. Unter ihnen weilte auch der Alois Irlmaier, genannt Aloisl. Ein relativ unscheinbarer, mittelgroßer Mann in den Fünfzigern. Schon seit einer Weile starrte dieser einen der anwesenden Gäste an, einen pensionierten Oberst, der sich davon leicht irritiert zeigte und sein Glas hob, um gönnerhaft zu sagen: "Na denn, Irlmaier, wollen wir auch auf Ihr Wohl trinken!" Alois Irlmaier erwiderte eisig: "Mach koane Meis, in drei Tag lebst nimmer!"

Der Oberst amüsierte sich nur darüber, schließlich befinde er sich in seinen besten Jahren. Drei Tage später, fast auf die Stunde genau, traf den Oberst ein tödlicher Schlaganfall.

Erzählungen wie diese über Irlmaier, der als Seher von Freilassing bekannt wurde, findet man zuhauf. Mit der Vielzahl von persönlichen Erlebnisberichten, Zeitungsartikeln, Gerichtsprotokollen, Polizeiberichten und Regierungsschreiben lässt sich die Irlmaier-Legende erstaunlich gut nachzeichnen. Sie liest sich nicht sonderlich anders als ein Superheldencomic marvelscher Prägung.

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Alois Irlmaier war ein einfacher Brunnenbauer, der auf einem Bauernhof nahe Siegsdorf (Landkreis Traunstein) aufwuchs. Er diente während des Ersten Weltkrieges, bei dem er als junger Soldat einen Lungenschuss erlitt und verschüttet wurde. Zeitzeugen zufolge sei seine ausgeprägte körperliche Sensibilität buchstäblich in den Trümmern des Krieges geboren worden. Nachdem er schwer gezeichnet von der Ostfront heimgekehrt war, heiratete er und übernahm den väterlichen Hof.

Sechs Jahre später brannte dieser bis auf die Grundmauern nieder. Damit begann für ihn und seine Familie eine schwierige Phase der finanziellen Not. Zwischen 1925 und 1937 hatte Irlmaier ein Dutzend Gefängnisaufenthalte von mehreren Tagen. Immer wieder wurde er wegen Betrugs verklagt, vermutlich weil er vorgab, übersinnliche Kräfte zu besitzen, die den Brunnenbauer angeblich spüren ließen, wenn sich unter seinen Füßen Wasser befand. 1928 erlebte er seine erste "seherische Vision" und behauptete danach, in die Zukunft schauen zu können.

Die Trefferquote seiner Vorhersagen ist - wenn man den zahlreichen Berichten Glauben schenkt - recht eindrucksvoll. Neben kleineren privaten Vorhersagen soll Irlmaier etwa Verbrechen aufgeklärt, die Orte von Bombeneinschlägen vorausgesagt und bei der Suche nach Vermissten geholfen haben. Großes Aufsehen erregte Irlmaier, als das Amtsgericht Laufen ihn 1947 vom Vorwurf der Gaukelei freisprach.

So ist es in den Prozessakten des Staatsarchivs München nachzulesen. Der Richter habe nach allen Zeugenvernehmungen die seherischen Fähigkeiten des Angeklagten auf die Probe stellen wollen. Irlmaier habe dann behauptet, dass die Frau des Richters in einem roten Kleid daheim säße und ein Mann bei ihr sei. Nachdem der Richter sich erkundigen ließ und von der Richtigkeit der Aussage überzeugt war, begründete er sein Urteil wie folgt: "Die Vernehmung der Zeugen hat so verblüffende Zeugnisse über die Sehergabe des Angeklagten erbracht, dass dieser nicht als Gaukler bezeichnet werden kann."

Irlmaier, der selbst praktizierender Katholik war, hatte sich über die Jahre die Feindschaft der örtlichen Kirchenvertreter zugezogen. Ein katholischer Pfarrer hatte ein Jahr vor dem "Gaukler-Prozess" einen Beschwerdebrief an die Bezirkspolizeibehörde in Laufen geschickt, worin er darum bat, dem "Volksbetrug" mittels eines alten bayerischen Gesetzes gegen Gaukelei (das war noch bis 1953 noch in Kraft) einzudämmen, denn dass ein Mensch die Gabe des Hellsehens besitzen könne, hielt er aus Glaubensgründen für "gänzlich ausgeschlossen". Der Pfarrer störte sich im Namen aller "Einsichtigen und Wohlmeinenden" an dem großen Andrang, den der "Scharlatan" von "Wallfahrerinnen des Aberglaubens" erhielt.

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Tatsächlich machte der Zulauf auch Irlmaier zu schaffen, denn die Warteschlange der Ratsuchenden vor seiner kleinen Baracke nahe dem Freilassinger Bahnhof, in der er die Leute empfing, wurde von Tag zu Tag länger. Zudem bekam er immer mehr Briefe. Aber nicht nur die Vielzahl der Anfragen machte ihm zu schaffen, sondern auch das, was er vermeintlich sah.

Der Altbayerischen Heimatpost sagte Irlmaier, die Menschen sollten froh sein, seine merkwürdige Gabe nicht zu besitzen, "denn i ko bloß allaweil sagn: des meists is doch nix schöns". Die Regierung von Oberbayern zeigte sich so beunruhigt von den Vorhersagen Irlmaiers, dass sie im Mai 1950 ein Schreiben an das Landratsamt Laufen schickte, in dem es hieß: "Charakteristisch für die Stimmung der Bevölkerung ist die allgemeine Nervosität, die durch die sog. Hellseherei des Brunnenmachers Irlmaier aus Freilassing erzeugt wird."