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Freilassing:Der Aicher Max

Mit bald 83 Jahren lenkt der Unternehmer sein Firmenimperium und mischt auch politisch mit. Nun will er die Landesgartenschau nach Reichenhall holen

Von Matthias Köpf, Freilassing

Ob ihm die Büste ähnlich sieht? Nicht? Mit Brille vielleicht. Also nimmt Max Aicher, der im März 83 Jahre alt wird, seine Brille ab und fingert sie auf den stählernen Kopf, den ihm die Belegschaft der Lech-Stahlwerke damals zum Sechzigsten hatte gießen lassen. Die Brille muss da jetzt ein bisschen flexibel sein, doch die beiden Aichers bleiben hart - der stählerne auf dem beigefarbenen Bürotresor und der echte, der jetzt ohne Brille, aber mit schalkhafter Freude in den Augen sein Werk betrachtet: Ja, besser. Sieht ihm ähnlich.

Mit Ausnahme der Brille und vielleicht von Bauhelmen hat sich Max Aicher in seiner Unternehmerkarriere aber womöglich weit weniger Dinge auf den Kopf gesetzt als in den Kopf. Gerade ist es die Landesgartenschau 2022. Um die sollte sich seine Geburtsstadt Bad Reichenhall partout bewerben, nachdem Traunstein sie per Bürgerentscheid zurückgegeben hatte. "Ich hätte sie den Traunsteinern schon am liebsten abgekauft", sagt Aicher über die Landesgartenschau. Für eine große Mehrheit der Reichenhaller Räte kam eine Bewerbung aber frühestens für 2026 in Frage, bis Aicher kam und eine Bürgschaft über die Hälfte der städtischen Ausgaben anbot. Bad Reichenhall hat sich dann beworben, demnächst kommt die Bewertungskommission.

Die Vorbereitungszeit bis 2022 reiche leicht, sagt Aicher, und aus seiner Sicht könnte in dem Gartenschaugelände vorher locker auch noch eine Umgehungsstraße eingegraben werden. Dann müssten die Reichenhaller nicht noch einmal 40 Jahre über eigentlich ganz andere Umgehungspläne streiten, und Aicher könnte die Lastwagen mit dem Aushub durch die Stadt schleusen, wenn er am Poschberg irgendwann sein Pumpspeicherwerk bauen darf. Das könnte seine Stahlwerke mit Strom versorgen, und der Aushub, reiner Dolomit, würde für mindestens 20 Jahre reichen, um beim Stahlkochen Beimengungen zu binden und danach als Schlacke im Straßenbau Verwendung zu finden. "Der kommt", sagt Aicher über den Pumpspeicher, und das mit der Schlacke als Unterbau für Straßen will er dem Freistaat auch noch abringen.

Momentan steht der Poschberg aber als Geländemodell mit austauschbaren Becken neben dem Besprechungsraum von Aichers Freilassinger Firmensitz, einem schmucklosen zweistöckigen Zweckbau aus den Achtzigern. Der Poschberg müsste ohnehin "Aicherberg" heißen, denn Aicher hat ihn der Familie Posch abgekauft, um dann mit ihr zusammen die chronisch defizitäre Seilbahn auf den Predigtstuhl zu übernehmen. Aus Sicht der Reichenhaller war damit ihr Wahrzeichen gerettet, ohne dass sich die Stadt die alte Bahn aufhalsen musste. Und für die Predigtstuhlbahn werde sich die Gartenschau selbst dann bezahlt machen, wenn er wirklich für ein Defizit geradestehen müsste, sagt Aicher.

Zwischen Bad Reichenhall und Freilassing hört fast alles auf den Namen von Max Aicher.

(Foto: Robert Haas)

Während aus seiner Sicht alles ineinandergreift, fragen sich viele in Reichenhall, was Aicher mit seinem Engagement bezweckt. Ob er sich damit ein Denkmal setzen will? Aicher winkt ab. Objektiv gesehen wäre es kaum nötig, denn wer von Bad Reichenhall nach Freilassing fährt, der könnte in Hammerau durch die Max-Aicher-Allee zum "Max Aicher Stahlwerk Annahütte" abbiegen, passiert dann die "Max Aicher Stocksporthalle" und kommt am Fußballplatz des ESV Freilassing vorbei, der kürzlich in "Max Aicher Stadion" umbenannt worden ist und mit der "Max Aicher Arena" für die Eisschnellläufer in Inzell verwechselt werden könnte. Auch sonst hat sich Aicher oft spendabel gezeigt und etwa dem Freilassinger Krankenhaus einen Computertomografen bezahlt, den "Musiksommer zwischen Inn und Salzach", Schulprojekte und Sportvereine unterstützt sowie die Gründung einer Mittelstandsakademie angeschoben. Als Unternehmer stehe er zu seiner sozialen Verantwortung, sagt Aicher. Auch zu der für den leitenden Angestellten, der vor vielen Jahren wegen Preisabsprachen ins Gefängnis ging. In der Baubranche sei das damals ganz normal gewesen, sagt Aicher. Er selber habe davon aber nichts gewusst.

An der Manschette von Aichers Hemdsärmel ist das Monogramm "AM" eingestickt, denn er ist nicht nur für die Freilassinger, sondern auch für sich selber lieber der Aicher Max. Das passt gut zu der Baufirma mit 130 Mitarbeitern, die Aicher 1964 mit 30 Jahren vom verstorbenen Vater übernommen hat. Da hatte er gerade sein Studium als Bauingenieur und die Prüfung zum Regierungsbaumeister hinter sich. Der Titel ziert bis heute seine Visitenkarte, aber statt zur Bezirksregierung nach Ansbach zog es ihn zum Highway Departement in Denver, Colorado. Von dort hat er die Idee mit dem Transportbetonwerk mitgebracht, aber sein Schlüsselerlebnis als Unternehmer sieht Aicher in einer anderen Erfahrung: Er hatte sich um den Auftrag für die Verknüpfung zweier Bundesstraßen in Freilassing beworben. Die Konkurrenz habe sich in ihren Konzepten mit dem Mühlbach herumgeschlagen. Ihm aber sei der Gedanke gekommen, den Mühlbach am Wehr vier Wochen abzusperren, die Betreiber der Kraftwerke zu entschädigen und die nötigen Brücken viel schneller und billiger im Trockenen zu bauen. "Sondervorschläge" wie dieser sind bei Aicher seither Standard, und auch das nicht immer zur Freude aller anderen.

Die Baufirma ist bei allem Erfolg immer noch ungefähr genauso groß, sagt Aicher. Er selbst steuert inzwischen aber mehr als 40 Firmen mit 4200 Mitarbeitern und eineinhalb Milliarden Euro Umsatz. Insgesamt ist er weltweit in 18 Ländern aktiv, überwiegend in Europa und Amerika. Zwei von drei Töchtern arbeiten im Unternehmen, und für die vielen Firmen gibt es Geschäftsführer, die einmal im Monat in Freilassing zusammenkommen. Dann wird entschieden - von Aicher, dem bekennenden Patriarchen, persönlich.

Er hat 1975 einer Bank die Annahütte in Hammerau abgenommen und ist damit zum Stahlproduzenten geworden. Der Betrieb stand schon still, weshalb er die 400 Mitarbeiter nicht übernehmen musste. Ein paar Jahre später kam er mit 100 Arbeitern auf denselben Ausstoß. Da war er dann auch schon an den maroden Lech-Stahlwerken in Meitingen bei Augsburg beteiligt. Sie gehören ihm seit 2003 ganz und sind längst das Schwergewicht der Gruppe. Die ist zugleich Bayerns größtes Recycling-Unternehmen, denn in Meitingen werden 1,4 Millionen Tonnen Schrott im Jahr eingeschmolzen. So einer hat Verbindungen, das schon. "Ob man deswegen Einfluss hat, weiß ich nicht, aber man kennt natürlich viele Leute. Ich habe eher immer das Gefühl gehabt, dass die Politik zu wenig auf den Aicher Max hört."

1,4 Millionen

Tonnen Schrott werden in Max Aichers Lech-Stahlwerken in Meitingen pro Jahr eingeschmolzen, mehr als die Hälfte des gesamten Schrottaufkommens in Bayern. Bei strenger Vorsortierung lässt sich Stahl zu praktisch 100 Prozent wiederverwerten - allerdings bei äußerst hohem Energieeinsatz.

Zusammen mit dem Freistaat hat er sich jedenfalls an der Rettung der Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg versucht. Aicher verhinderte am Ende den Einstieg von Jürgen Großmann und ließ das Werk untergehen - was der damalige Wirtschaftsminister Otto Wiesheu als "unglaubliches Spiel" und Edmund Stoiber als Ausweis einer destruktiven und egozentrischen Veranlagung bezeichnete. Seither gilt Aicher als "Totengräber der Maxhütte". Das werde er nicht mehr loswerden, sagt er schulterzuckend, genauso wenig wie die ewige Feindschaft der Gewerkschaften.

Denn zum Achtzigsten hat er zwar die Gründungsurkunde der "Max Aicher Stiftung" erhalten, laut Aicher der größten Industriestiftung in ganz Bayern mit einer Bilanzsumme von einer Milliarde Euro. Sie ist seither Eigentümerin der Aicher-Gruppe und soll "dafür sorgen, dass das, was ich aufgebaut habe, über die Zeit bestehen bleibt" - also unter anderem die Arbeitsplätze und die Ausbildung der Mitarbeiter sichern. Doch die Belegschaft der Lech-Stahlwerke hätten ihm zum Achtzigsten keine Büste mehr gießen lassen, nachdem er 2009 die 48-Stunden-Woche gefordert hatte. Erreicht hat er damit 40 Stunden statt der 35, die anderswo gearbeitet werden, sagt Aicher. Sein eigenes Pensum liege bei mindestens 60 Stunden, "aber ich arbeite nicht, ich freue mich halt, dass ich da bin, und leite den Betrieb".

Daneben hat er noch Zeit für 18 Jahre im Freilassinger Stadtrat und im Kreistag gefunden - für die Freien Wähler, denn mit dem damaligen Freilassinger Bürgermeister Ludwig Lindner habe sich eben zusammenarbeiten lassen. Aicher gehören 500 Wohnungen und ein Viertel des Baugrunds in der Stadt, und wann immer jemand etwas zu verkaufen hat, ist er die erste Adresse. Mit Bauplänen für Freilassing tut sich Aicher unter Lindners Nach-Nachfolger Josef Flatscher, einem CSU-Mann, allerdings ähnlich schwer wie damals deutschlandweit mit dem Vorschlag, ein Transrapid-Netz mit Zehn-Minuten-Takt zwischen den deutschen Airports zu bauen. Aber zurückziehen wird er sich deswegen nicht. Aicher bleibt im Geschäft.

© SZ vom 11.02.2017
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