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Wirtschaft in Bayern:Fett für die Fische

Andreas Wieser will von Frauenneuharting aus in den Handel mit Speiseabfällen einsteigen.

(Foto: Christian Endt)

Mit seinem Start-up will Andreas Wieser den weltweiten Handel mit tierischen Nebenprodukten umkrempeln.

Von Franziska Langhammer, Frauenneuharting

Von einem Dorf im Landkreis Ebersberg aus will Andreas Wieser den Weltmarkt in Angriff nehmen. Er hat das Start-up Byprotex mitgegründet, das Anfang Februar online gegangen ist; ein Unternehmen mit vier Gründern, drei IT-Experten und großen Zielen. Eine ganze Branche soll in ihrem Grundgerüst umgekrempelt werden: der Handel mit tierischen Nebenprodukten.

Wieser hat Grafiken und Statistiken ausgedruckt und auf dem runden Holztisch bei sich daheim in Frauenneuharting verteilt, er spricht schnell und verwendet viele englische Business-Begriffe. Wieser, promovierter Betriebswirtschaftler, war nach eigenen Angaben mehr als zwei Jahrzehnte bei großen Firmen wie der Commerzbank, der Allianz oder Siemens tätig, als Finanzexperte und im Projektmanagement, aber interessiert habe ihn vor allem immer eines: Prozessoptimierung.

Das sei ihm auch bei seinem letzten Arbeitgeber aufgefallen, erzählt er: "Da gab es unglaubliches Optimierungs-Potenzial." Damals war er kaufmännischer Leiter bei einem großen Makler, der sich auf den Weiterverkauf tierischer Nebenprodukte spezialisiert hat.

Dieser Makler kauft Produkte von so genannten Renderern, das sind Firmen, die beispielsweise Speiseabfälle aus der Lebensmittelproduktion wie Knochen und Blut mittels Hitze und chemischer Prozesse zu Fetten und Mehlen aufbereiten. Diese Produkte verkauft der Makler dann weiter, zum Beispiel an die Oleochemie, an die Hersteller von Biodiesel oder von Fischfutter. Ein riesiger Markt: Allein in Deutschland, so belegen Zahlen der Servicegesellschaft Tierische Nebenprodukte (STN), verarbeiteten 35 Unternehmen im Jahr 2018 etwas mehr als drei Millionen Tonnen tierische Nebenprodukte.

Aber auch ein bislang recht altmodisch geführter Markt, wie Andreas Wieser berichtet. "Angebot und Nachfrage werden in dieser Branche komplett ohne Preistransparenz zusammengeführt", sagt er. "Die Preisfindung läuft per Fax, per Telefon, per Email." Niemand habe Einblick, nur der Makler. Die STN konstatiert: "Eine Börse beziehungsweise einen globalen Marktplatz für tierische Produkte, Nebenprodukte und Erzeugnissen daraus gibt es nicht."

Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat keine Einsicht in den Handel mit tierischen Nebenprodukten, wie es auf SZ-Nachfrage heißt: "Darüber, wie diese Produkte gehandelt werden, wie diese Märkte strukturiert sind und ob und in welchem Umfang der Handel digitalisiert ist, hat das BMEL keine Erkenntnisse."

Teilweise erführen anbietende und nachfragende Firmen nicht rechtzeitig voneinander, sagt Wieser, sodass viele Geschäfte mangels Unkenntnis gar nicht erst zustande kämen und wertvolle Rohstoffe einfach vernichtet würden.

Von dieser Undurchsichtigkeit profitiert vor allem der Makler, die Stelle zwischen Angebot und Nachfrage. Zwischen fünf und 40 Prozent der Gewinnmargen würde dieser pro Geschäft einstreichen, sagt Wieser. Bisher störe das niemanden. Wieser nennt es das "Made-im-Speck-Problem", denn auch die beteiligten Firmen lebten ganz gut damit, die ganze Vertriebssparte an einen Händler zu übergeben.

Byprotex soll das nun ändern. "Wir haben zwei große Ziele", sagt Andreas Wieser. "Wir wollen den Markt digital und transparent machen, und wir wollen die Nebenprodukte noch besser vermarkten." Käufer und Verkäufer sollen auf einer Internet-Plattform direkt zusammen gebracht werden, ähnlich wie bei Ebay. Dadurch sollen unter anderem auch fairere Preise für den Endverbraucher entstehen. Statt überbordender Beteiligungen verlangt Byprotex 1,5 Prozent Provision pro durchgeführter Transaktion.

Zudem will das Start-up alle mit dem Handel zusammenhängenden Dienstleistungen auf einer Plattform vereinen, etwa die Zertifikatsprüfung teilnehmender Kunden oder die Logistik; das heißt, die Verknüpfung mit Speditionen, die eine Zulassung haben, die Ware wie eine Art Gefahrgut transportieren zu dürfen. Der Erfolg des jungen Unternehmens steht und fällt mit einer hohen Anzahl von Teilnehmern, daher steht neben der Suche nach Investoren momentan vor allem eines auf der To-Do-Liste von Wieser und seinen drei Mitgründern: Akquise. "In der Branche ist der persönliche Kontakt sehr wichtig", sagt Wieser ein. "Wenn die Makler eine starke persönliche Beziehung zu den Firmen haben, werden wir da auch nicht reinkommen." Trotzdem setze er auf einen Pluspunkt, den seine Plattform aufweisen kann: Der Kunde spart sich einfach Zeit.

Wieser und seine Kollegen, die er auf diversen Gründerforen kennengelernt hat, haben ehrgeizige Ziele: Nach dem europäischen Markt wollen sie zeitnah auch die anderen Kontinente erschließen. Tatsächlich ist dies gar nicht anders möglich, denn die Branche ist weltweit verflochten. "Die Ware geht von Kambodscha nach Südafrika, von Polen in die Türkei", sagt Wieser. "Nur sehr wenige Geschäfte finden wirklich nur innerhalb von Deutschland statt." Auch eine weitere Nische, die Milchindustrie mit ihren Nebenprodukten, soll mittelfristig mit eingebunden werden.

Rückhalt hat Wieser sich aus Wirtschaft und Politik geholt. So wertet etwa der CSU-Bundesabgeordnete Andreas Lenz das Unternehmen positiv: "Ich glaube, dieses Start-up kann dazu beitragen, Ressourcen effizienter zu nutzen."

Der erste Großkunde ist bereits an Bord, ein Abfallverwerter aus der Nähe von Erding. "Wir haben die Seed-Phase hinter uns gelassen und sind mit dem Minimum Viable Product live gegangen", sagt Wieser. Übersetzt heißt das: Byprotex ist seit Kurzem online, Waren werden bereits angeboten. Mit dem ersten Geschäft, das über die Plattform abgewickelt wird, sagt man in der Start-up-Szene, hat die Firma den Markteintritt geschafft.

© SZ vom 20.02.2020/lfr

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