Frauen in der KommunalpolitikWarum es nichts bringt, sich an einem Platzhirsch abzuarbeiten

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Simone Strohmayr rät dazu, Sticheleien von dominanten männlichen Konkurrenten nicht zu nah an sich heranzulassen.
Simone Strohmayr rät dazu, Sticheleien von dominanten männlichen Konkurrenten nicht zu nah an sich heranzulassen. (Foto: Rolf Poss/Imago)
  • Nur 22 Prozent der Gemeinderatsmitglieder in Bayern sind weiblich, weniger als zehn Prozent der Landräte sind Frauen.
  • Erfahrene Kommunalpolitikerinnen raten Frauen, sich nicht für private Fragen zu rechtfertigen und dominante männliche Kollegen zu ignorieren.
  • In einer Online-Gesprächsrunde gaben vier Politikerinnen über 50 interessierten Frauen praktische Ratschläge für den Einstieg in die Kommunalpolitik.
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Ist sie eine kühle Karrierefrau, oder eine Rabenmutter? Wer kümmert sich um die Kinder, wenn sie im Stadtrat sitzt? Wenn Frauen sich für ein politisches Engagement entscheiden, steht auch ihr Privatleben auf dem Prüfstand. Wie sollen sie damit umgehen?

Von Anna-Maria Salmen

Gerade einmal 22 Prozent der Gemeinderatsmitglieder in Bayern sind laut Bayerischem Landesamt für Statistik weiblich, unter den Landräten sind nicht einmal zehn Prozent Frauen. Um die Zahl zu erhöhen, warb die Initiative „Bavaria ruft“ bereits Anfang des Jahres bei Frauen dafür, sich eine Kandidatur zuzutrauen. Man habe festgestellt, dass viele dafür zwar mittlerweile genug ermutigt sind, sagt Sabine Appelhagen, Präsidentin des Vereins Frauen in die Politik (FidiP). Doch nach der Entscheidung, bei der Kommunalwahl anzutreten, würden etliche Fragen aufkommen. Am besten darauf antworten können Frauen, die selbst anfangs vor den gleichen Herausforderungen standen und mittlerweile viel Erfahrung haben.

Claudia Alfons ist seit 2020 Oberbürgermeisterin der Stadt Lindau.
Claudia Alfons ist seit 2020 Oberbürgermeisterin der Stadt Lindau. (Foto: Stefan Alfons)

In einer Online-Gesprächsrunde machten Kathrin Alte (CSU), Erste Bürgermeisterin von Anzing, Claudia Alfons (parteilos), Oberbürgermeisterin von Lindau, Renate Hans (Freie Wähler), Erste Bürgermeisterin von Markt Lehrberg und Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr (SPD) mehr als 50 teilnehmenden Frauen Mut. Es gebe gute Gründe, sich kommunalpolitisch zu engagieren, sagten sie gleich zu Beginn. Man sei ganz nah dran an den Menschen und erlebe ihre Reaktionen direkt, so Kathrin Alte. Die Arbeit sei zudem wahnsinnig abwechslungsreich, ergänzt Claudia Alfons.

Trotzdem gibt es gerade am Anfang einer kommunalpolitischen Karriere viele Herausforderungen. Mehrere der teilnehmenden Frauen bewegt beispielsweise, wie sie damit umgehen sollen, wenn sie Nachfragen über sich ergehen lassen müssen, die ihre männlichen Kollegen nicht gestellt bekommen: Wie willst du das denn mit den Kindern machen? Hast du zugenommen?

Als Frau könne man es den Menschen kaum recht machen, sagt Alfons. Habe man keine Kinder, gelte man als kühle Karrierefrau, nur eines sei aber in den Augen vieler Menschen auch nicht richtig. Mit mehreren sei man hingegen eine Rabenmutter. Sie stellt klar: „Die Bürger haben kein Recht, das Privatleben mitzugestalten.“ Es gebe schließlich auch kein Zölibat für Politikerinnen.

Kathrin Alte, Bürgermeisterin in Anzing, ärgert sich über Fragen, die männlichen Politikern nicht gestellt werden.
Kathrin Alte, Bürgermeisterin in Anzing, ärgert sich über Fragen, die männlichen Politikern nicht gestellt werden. (Foto: Johann Brand)

„Wir müssen als Frauen aufhören, uns zu rechtfertigen“, sagt Alte. Private Themen wie Kinderbetreuung und Familienplanung gehen die Menschen „schlicht und ergreifend nichts an“. Trotzdem würde dieses Mittel oft genutzt, um Frauen kleinzuhalten. Alte berichtet von einer jungen Kandidatin, die noch nicht einmal Kinder hatte und trotzdem schon gefragt worden sei, wie sie das denn einmal machen wolle. Sie rät dazu, gar nicht zu sehr auf solche Äußerungen einzugehen. Alles sei gut geregelt, mehr müsse man dazu nicht sagen. Gerade bei Fragen oder Kommentaren zum Aussehen sei es durchaus denkbar, auch mal Rückfragen zu stellen: Wie viel hast du denn in der letzten Legislaturperiode zugenommen?

Einige Teilnehmerinnen interessierten sich auch dafür, wie sie mit sogenannten Platzhirschen umgehen können – männliche Konkurrenten oder Kollegen, die sich und ihre eigenen Themen ständig in den Mittelpunkt drängen. Oft helfe es, ins persönliche Gespräch zu gehen, sagt Strohmayr. Man dürfe zudem nicht alles an sich heranlassen und müsse eine Professionalität entwickeln, um auf mögliche Sticheleien sachlich reagieren zu können.

Diesen Rat teilt auch Alte: Sich an einem Platzhirsch abzuarbeiten, nütze nichts. Besser sei es, sich auf sich selbst und seine eigenen Themen zu konzentrieren. Wird es doch einmal hitzig, helfe es, Unterstützer zu haben, die einen Angriff abfedern können.

Auch ganz praktische Fragen trieben die Frauen um: Welche Formate sind besonders empfehlenswert für den Wahlkampf? Wie bereitet man sich bei der Fülle an Themen gut auf Sitzungen vor? Wo findet man Unterstützung? Es gebe viele Plattformen und Seminare, sagen die erfahrenen Kommunalpolitikerinnen. Sie empfehlen den Einsteigerinnen, möglichst viel davon zu nutzen, etwa bei der bayerischen Verwaltungsakademie, verschiedenen politischen Stiftungen oder bei „Bavaria ruft“. Ein gutes Netzwerk ist wichtig, das wird bei der Gesprächsrunde klar.

Alfons ist eigenen Worten zufolge dennoch froh, dass sie nicht alles vorher gewusst habe. Man müsse sich auf manches auch einfach einlassen, ohne zu verkopft zu sein. Alte will den Einsteigerinnen die Sorgen nehmen: Bei allen Herausforderungen, die die Kommunalpolitik mit sich bringe, gebe es auch viele positive Erlebnisse. Man erlebe immer wieder, wie dankbar die Menschen seien, wenn man ihnen helfen könne. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich es schon viel früher gemacht.“

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