Franz Xaver Bogner "Sprache ist ein Gefühlsmoment"

Regisseur Franz Xaver Bogner über das Einzigartige des Bairischen, ob Zugezogene den Dialekt lernen sollen - und wie man Leute bei der Sprache packt.

Interview: Michael Ruhland

Seine Serien wie "Irgendwie und sowieso" und "München 7" haben Kultstatus. Auch deshalb, weil es Franz Xaver Bogner geschafft hat, Geschichten fern von Klischees zu entwickeln. Die Helden sprechen Dialekt, die Dialoge wirken authentisch. In diesem Jahr dreht er noch acht Folgen der aktuellen Serie "Der Kaiser von Schexing". Neben diversen Fernsehpreisen bekam Bogner im Jahr 2005 auch die Tassilomedaille vom Förderverein Bairische Sprache und Dialekte. Michael Ruhland sprach mit Franz Xaver Bogner, 61, über das Bairische.

Filmregisseur Franz Xaver Bogner: "Ich finde, nichts verrät einen Menschen mehr als die Sprache. Das ganz offensichtliche Lügen ist dabei uninteressant."

(Foto: Stephan Rumpf)

SZ: Herr Bogner, von Ihnen stammt der Satz: An Bayern ist mir die Sprache wichtiger als die Landschaft. Können Sie das erläutern?

Franz Xaver Bogner: Die Sprache ist ein reines Gefühlsmoment. Sie ist einem nicht wegnehmbar, während die Landschaft sehr zertrampelbar ist. Im Härtefall ist mir mit meinem Gefühl von Heimat die Sprache einfach näher als die Landschaft. Letztere ist per se wiederholbar. Die Berge, mit denen viele Bayern verbinden, sind letzten Endes in der Schweiz oder Österreich die gleichen. Ich fühle mich im Flacheren um Ebersberg oder Markt Schwaben herum mindestens so bayerisch wie am Tegernsee.

SZ: In Ihren Serien "Zur Freiheit", "Irgendwie und sowieso" und "München 7" reden die Hauptdarsteller alle bairisch. Was kann der Dialekt, das das Hochdeutsche nicht kann?

Bogner: Er vermittelt automatisch eine bestimmte Lebensart, Lebenseinstellung und ein bestimmtes Lebensgefühl; aus dem simplen Grund, weil es die Sprache ist, in der man als Kind aufgewachsen ist. Das Bairische ist für mich eine sehr vertrackte Sprache, damit lässt sich sehr viel Haltung transportieren. Allein die Art, wie man bairisch schweigt, ist im Schriftdeutschen nicht herzustellen.

SZ: Das Bairische reduziert die Kommunikation oftmals, das Wesentliche wird gerne weggelassen. Sofern Bayer, versteht man den Kern trotzdem. Woran liegt das?

Bogner: Das liegt mit Sicherheit an einer nonverbalen Kommunikation wie bei Delphinen. Wenn man zum Beispiel vier Leuten beim Watten zuschaut: Dort besteht die Kommunikation permanent aus schweigen. Trotzdem können sich die zwei, die durch einen Glücksfall zusammen spielen, verständigen, ohne dass sie auf Zeichensprache zurückgegriffen haben.

SZ: Alles eine Frage des Gefühls?

Bogner: Ja. Möglicherweise kann man das nur mit Menschen teilen, mit denen man aufgewachsen ist. Darüber kann man sich auch ganz gut dem viel geschundenen Begriff Heimat nähern. Es hat mit Nähe zu tun. Das kann auch ein ganzer Landkreis sein.

SZ: Die Serien hätten also ohne Dialekt nicht funktioniert?

Bogner: Ich habe mir die Frage bisher nie so gestellt. Ich glaube aber: Nein, sie hätten nicht funktioniert.

SZ: Was macht einen guten Dialog aus?

Bogner: Ich will das letzten Endes gar nicht ergründen. Wenn ich es wüsste, dann würde ich anschließend weit weniger aus dem Herzen schreiben.

SZ: Ihre Dialoge entstehen rein aus dem Bauch heraus?

Bogner: Total. Der Vorgang war und ist immer derselbe. Ich mache mir Pläne bis zum Abwinken, damit ich ein Thema analytisch in den Griff kriege. Und dann schmeiße ich alles über den Haufen. Immerhin habe ich dann erreicht, dass ich die Sache vom Gegenteil her angehe - und das ist auch nicht so unbayerisch.

SZ: Sie packen die Leute bei der Sprache. Wie machen Sie das genau?

Bogner: Der Dialekt hat ja mehrere Möglichkeiten von Kommunikation. Es geht um Schwingungen, darum, welche Worte Leute auswählen, und es geht darum nachzuempfinden, was sie nicht sagen. Das ist eine Gefühlsebene. Ich finde, nichts verrät einen Menschen mehr als die Sprache. Das ganz offensichtliche Lügen ist dabei uninteressant. Es geht schon in der Schule los. Dort gibt es eine ganze Menge von Jasagern. Man merkt aber schnell, dass einer entweder überhaupt nicht Bescheid weiß oder aber nur so tut als ob und dahinter das Gegenteil steht. Zu dem, was Leute sagen, gibt es also immer mehrere Möglichkeiten der Interpretation.

SZ: Sprache gibt die Seele preis?

Bogner: Wenn man gut hinhört, ja. Wenn man zudem noch hochkatholisch aufgewachsen ist wie ich, dann merkt man bald den Unterschied zwischen Zeremonie und Wirklichkeit; wie sich Leute in der Kirche und wie sie sich draußen benehmen. Und dann fällt einem der Unterschied zwischen dem auf, was sie reden und was sie dann tatsächlich tun. Deshalb bin ich an den kleinen Leuten drangeblieben. Ich kümmere mich ums Detail. Dass Politiker lügen, dass sich die Balken biegen, das interessiert mich gar nicht mehr.

SZ: Sollte ein Zugezogener Bairisch lernen?

Bogner: Wenn er mentalmäßig dazu veranlagt ist, warum nicht. Nur: Meistens tut es weh, wenn die Zuagroasten es mit der Sprache auch noch probieren. Ich würde mir ja auch nie anmaßen, irgendetwas Friesisches daherzureden.

SZ: In den Siebzigern und Achtzigern galt es noch als verpönt, wenn man in Schulen bairisch redete. Inzwischen erlebt der Dialekt eine kleine Renaissance. Reicht das, um ihn vom Aussterben zu bewahren?

Bogner: Ich glaube nicht, dass man das durch irgendwelche Maßnahmen steuern kann. Das entwickelt sich von selber. Es hat sehr viel mit dem Mut der Leute zu tun: dass sie zu ihrem Dialekt stehen und ihn an Orten zu sprechen, wo es vielleicht nicht so angebracht ist. Dass man eine gewisse Informationssprache pflegt, ist ja letzten Endes auch ein Schutzverhalten. Wenn man permanent mit Schriftdeutschen zusammen ist, wird es nicht nur fad, sondern auch schwierig, weil man nicht verstanden wird. Das hat nichts damit zu tun, dass sie einen phonetisch nicht verstehen, es ist die Haltung, die dahinter steht. Sie wollen einen oft nicht verstehen, dann lässt man es halt.

SZ: Hat der neue bayerische Film mit Marcus H. Rosenmüller als Frontmann nicht auch einiges zum Positiven bewirkt?

Bogner: Ich weiß nicht, inwieweit das die Bevölkerung in ihrem Dialektverhalten stabilisiert. Es freut mich aber außerordentlich, dass es diese Entwicklung gibt. Filme sind eine hochemotionale Angelegenheit, und der Dialekt ist Emotionsträger - weit mehr als das jede Informationssprache kann. Und das ist meiner Ansicht nach der Erfolg der bayerischen Geschichten.

SZ: Sie haben 2005 die Tassilomedaille als Auszeichnung des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte bekommen. Fühlten Sie sich geehrt?

Bogner: Sagen wir es so: Ich hätte es für einen Fehler gehalten, die Auszeichnung nicht anzunehmen.

SZ: Können Sie das, was für Sie das bayerische Lebensgefühl ausmacht, in einem Satz beschreiben?

Bogner: In einem Satz, das ist schwer. Es hat sicherlich etwas mit der Absurdität des Alltags zu tun, damit, dass man bei jeder Behauptung auch dem Gegenteil eine Chance gibt. Dafür gibt die bairische Sprache mit ihren doppelten Verneinungen und mit Auslassungen die besten Voraussetzungen. Die Sprache hat eine sehr gute Möglichkeit, sich nicht hundertprozentig festzulegen.