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Kultur in Bayern:Schalom Franken!

Coronavirus - Fürth

Um das Jahr 1800 lebten in Fürth etwa 2600 Menschen jüdischen Glaubens.

(Foto: dpa)

In mehreren fränkischen Städten haben sich schon früh jüdische Gemeinden gebildet. Der Tourismusverband rückt nun deren Geschichte und Kultur mit einem Buch in den Fokus.

Von Olaf Przybilla, Fürth

Wer sich mit jüdischer Geschichte in Süddeutschland beschäftigen will, wird zwangsläufig einen Blick auf Fürth werfen müssen. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bildete sich dort eine der größten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, die zudem - wie es der Historiker Bernd Windsheimer beschreibt - als besonders glaubensfest galt. Die Nähe zur Reichsstadt Nürnberg bot wirtschaftliche Möglichkeiten, das liberale Fürth gewährte Rechte und Privilegien, die Juden andernorts nicht hatten. Bald verfügte die Gemeinde über eine Synagoge und einen Friedhof, Gelehrte sorgten für intellektuelle Ausstrahlung. Um das Jahr 1800 lebten in Fürth etwa 2600 Menschen jüdischen Glaubens. Zum Vergleich: In Berlin waren es zu der Zeit ungefähr 3000.

Das Jahr 2021 steht im Zeichen des Jubiläums "1700 Jahre jüdischen Leben in Deutschland", die Aufmerksamkeit richtet sich nach Köln, wo Juden erstmals öffentliche Ämter bekleideten. Mit der opulenten, mehr als 150 Seiten umfassenden Handreichung "Schalom Franken! Begegnungen mit der jüdischen Kultur" versucht der Tourismusverband Franken die Blicke nun aber auch nach Franken zu lenken, wo sich in Würzburg, Ansbach, Bamberg, Nürnberg und Aschaffenburg früh schon jüdische Gemeinden bildeten - und Rothenburger Rabbiner einen herausragenden Ruf als Gelehrte genossen.

Der Verband nennt die Publikation eine "Broschüre", ein Begriff, den Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, "ein wenig untertrieben" findet. Tatsächlich handelt es sich um ein kleines Buch, das durchaus den Anspruch als Überblickswerk anmelden darf. Touristische Tipps? Spielen darin schon auch eine Rolle, der Fokus aber liegt offenkundig auf kulturhistorischer Vermittlung und Einordnung. "So gut und vielleicht besser als manches Schulbuch", urteilt Ludwig Spaenle, bayerischer Beauftragter für Erinnerungsarbeit.

Der Ton ist anders, als man es in einer Tourismusbroschüre erwarten mag. "Ach meine Seele ist betrübt, schmachtet wie ein lechzendes Reh nach den Erschlagenen Würzburgs", wird etwa Ephraim bar Jacob zitiert, der über die Ereignisse des 24. Februar 1147 Rechenschaft ablegt: "Jene, einem rebenreichen Weinstocke verglichene Gemeinde, wie wurde sie so plötzlich aufgerieben, bis zur tiefsten Stufe erniedrigt." Die Rede ist von einer ersten Welle des Hasses gegen Juden in Franken - Heerhaufen von Kreuzzüglern hatten sich angebliche Feinde in jüdischen Gemeinden gesucht, knapp 800 Jahre vor der Schoa. Ein Würzburger Rabbiner, referiert Jacob, wurde "über seinem Buch sitzend" ermordet, auch andere Juden wurden Opfer eines Blutrausches: eine erste Verfolgungswelle, der zahlreiche weitere folgen sollten.

Die touristischen Ziele sind als Infokästen in die sachsystematisch angeordneten Kapitel eingefügt. Man kann sich also einen Überblick verschaffen unter anderem über die Synagogen in Veitshöchheim, Arnstein und Kitzingen, das Würzburger Museum Shalom Europa, das Dokumentationszentrum "Familiengeschichten - Jüdischen Leben in Colmberg" und natürlich das Jüdische Museum Franken in Schnaittach und Fürth.

© SZ vom 25.03.2021/vewo
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