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Fotobuch:Momente der Würde

Berndt Fischer ist mit seiner Kamera im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet unterwegs. Dabei sucht er nach der Großartigkeit der vom Menschen weitgehend unberührten Natur

Von Hans Kratzer

Ein Naturfotograf benötigt Geduld und Glück", weiß Berndt Fischer aus langjähriger Erfahrung heraus. Wie eng aber Glück und Pech in seinem Metier beieinander liegen, erlebte Fischer einmal bei einer Autofahrt etwas außerhalb des Nationalparks Bayerischer Wald, nahe Philippsreut. Die grenznahe Straße, auf der er fuhr, war längere Zeit gesperrt gewesen, nun war sie frisch geöffnet, noch gab es kaum Verkehr. Da sah Fischer am Straßenrand plötzlich einen Luchs sitzen. Er hielt sofort an. Ein solches Motiv springt einem Fotografen nicht jeden Tag vor die Linse. "Mein Pech war, dass der Fotoapparat im Kofferraum lag", erinnert sich Fischer. Ausgerechnet jetzt, da Luchs und Waldrand im späten Abendlicht in goldenen Farben aufleuchteten. Als er vorsichtig ausstieg, hielt sich der Luchs ganz still, er zeigte keine Angst. Bevor Fischer aber zur Kamera greifen konnte, näherte sich ein weiteres Fahrzeug, das der Luchs dann nicht mehr akzeptierte. Weg war er, und damit auch das sensationelle Fotomotiv.

Luchse sind scheu und nachtaktiv, und deshalb sind sie tagsüber kaum zu sehen. Neulich aber gelangen Fischer trotzdem noch wunderbare Aufnahmen, nachdem er auf einer Waldlichtung eine Fotofalle eingerichtet hatte. Tatsächlich schlich ein Luchs, vom Seitenlicht beschienen, in diese hinein. Die Kamera hielt fest, wie das Tier vorsichtig über felsiges Gelände streift und dann auf einem umgefallenen Baumstamm verharrt, um lauernd in einen Abgrund zu blicken. Es sind Momente von seltener Würde und Schönheit, die Zeugnis ablegen von der Großartigkeit einer vom Menschen weitgehend unberührten Naturlandschaft, wie sie in den benachbarten Naturparks Bayerischer Wald und Šumava in Böhmen noch existiert. Im Kerngebiet dieses größten zusammenhängenden Waldschutzgebiets in Mitteleuropa wird die Natur vom Menschen seit Jahrzehnten nicht mehr drangsaliert, sie ist weitgehend sich selber überlassen.

Schon lange vor der Öffnung des Eisernen Vorhangs zog es den mittlerweile pensionierten Gymnasiallehrer Berndt Fischer, der in der Nähe von Erlangen lebt, immer wieder in die Wildnis der bayerisch-böhmischen Grenzregion. "Diese Aufenthalte empfinde ich wie eine Reise in die eigene Kindheit", sagt er. Damals, als es noch zuhauf Moore, sumpfige Flusstäler, abgeschiedene Weiher und hie und da sogar Reste alter Urwälder gab. Heute findet der Landschafts- und Tierfotograf solche Paradiese nur noch in den Nationalparks und in den alten militärischen Sperrgebieten in Böhmen. Diese Flächen sind für ihn wie eine Schatzkiste mit Naturjuwelen.

"Es ist nicht mehr so, dass man direkt über die Tiere stolpert."

"Echte Wildnis gibt es in Mitteleuropa kaum noch", sagt Fischer. An der Grenze aber sei die frühere Kulturlandschaft wie in einem verblichenen Fotoalbum konserviert. Da ist es noch, das Land der Kindheit mit seinem verfilzten Altgras, mit den undurchdringlichen Hochstauden und den blumenreichen Magerwiesen, dazu die Moore, Sumpfwälder und mäandrierenden Flüsse. All das hat dank des Eisernen Vorhangs überlebt, inmitten der Agrar- und Industrieflächen der komplett durchökonomisierten Region Mitteleuropa.

Fischer dokumentiert diese letzten Refugien der Naturwildnis seit Jahrzehnten. Er bezeichnet sich als semiprofessionellen Fotografen, wobei er an sein Schaffen höchste Ansprüche stellt. "Es geht mir nicht nur darum, perfekte Bilder zu zeigen, sondern ich will darauf aufmerksam machen, was uns gerade alles verloren geht." Aber selbst in der Wildnis des Böhmerwalds ist es ist nicht mehr so, "dass man direkt über die Tiere stolpert." Einfach mit der Kamera loszuziehen, "weil heute so ein schöner Tag ist, das wäre naiv", sagt Fischer. Wer nach außergewöhnlichen Motiven sucht, der muss Bescheid wissen über die Lebensräume und das Verhalten der Tiere. Fischer war früher oft mit dem Fernglas unterwegs und sammelte Erfahrungen, die ihm jetzt zugutekommen. Beim Luchs, der in die Fotofalle tappte, ahnte er, wo dieser immer entlangstreift.

Der Haselhahn, den Fischer abgelichtet hat, ist ein sogenannter heimlicher Vogel. Ihn zu finden, gelingt nur dem, der die Landschaft, in der er sich bewegt, sehr gut kennt. Oder die Sache mit den Fichtenkreuzschnäbeln, die weit oben auf Nadelbaumwipfeln herumhüpfen. "Sie gieren nach stinkenden Sachen", sagt Fischer, also nach Urin und chemischen Substanzen, wodurch sie Salz aufnehmen und dann Durst verspüren. Dann kann es passieren, dass plötzlich 50 bis 100 dieser Vögel im Schnee picken und den sich heranrobbenden Fotografen gar nicht beachten.

Auch balzende Vögel bemerken menschliche Späher in ihrem Taumel oft gar nicht mehr. "Du musst die Tage wissen, an denen etwas passiert", sagt Fischer. "Dann ist es für den Fotografen ein Kinderspiel, wenn er an der richtigen Stelle ist. Leider ist uns die Natur fremd geworden", beklagt Fischer, der noch alte Bauern kannte, die das Verhalten von Tieren zu deuten wussten. "Jetzt hocken die Bauern auf riesigen Maschinen", sagt er, "und sie entfremden sich immer mehr von der Natur."

Fotograf und Autor Berndt Fischer.

(Foto: oh)

An manchen Tagen bricht Fischer schon um zwei Uhr morgens auf, damit er, bevor das Leben im Wald erwacht, sein Versteck einnimmt. Nicht selten wartet er stundenlang auf den einen großartigen Moment, etwa wenn sich die Birkhähne in der Balz bekämpfen. Natürlich braucht es auch technisches Können, um das Schauspiel ins beste Licht zu rücken. Fischers Arbeitsgeräte sind eine schwere Spiegelreflexkamera und Objektive mit langen Brennweiten. Die digitale Technik betrachtet er nur als Mittel zum Zweck, aber er weiß ihre Vorteile zu schätzen. Sie habe den Fotografen neue Welten erschlossen, mit analogen Filmen wäre vieles nicht möglich. Geht auch mal was daneben? "Jetzt nicht mehr", sagt er. Unschärfe, Stromausfall, kein Film im Apparat, das passierte ihm nur in der Anfangszeit.

Seine Botschaft, die er unters Volk bringen will, lässt er sich einiges kosten. "Ich will ja Zuversicht verbreiten." Dass Wildtiere wie Wolf, Luchs und Seeadler zurückkehren, zeige doch, was möglich wäre. Soeben hat er sein achtes Buch veröffentlicht, das er selber finanziert hat (Wildfremd.Geheimnisse zwischen Bayern und Böhmen, Battenberg Gietl Verlag). Der Verlag ließ ihm dafür freie Hand bei der Gestaltung. Auch die Texte verfasste er selber, es sind kurze Essays, in denen Fischer der Frage nachgeht, was denn Wildnis und ungezähmtes Leben für uns bedeuten. Seine Antwort fällt eindeutig aus: Wir müssen die wilde Natur um jeden Preis erhalten, sonst bleibt auf dieser Welt am Ende nur leeres Leben übrig. Fischer zeigt seine Bilder auch auf seiner Homepage (www.berndtfischer.de).

© SZ vom 19.12.2020
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