bedeckt München

Fortschritte für die Kriminalistik:Wenn Haare den Mörder verraten

Moderne Methoden machen es möglich, heutzutage Taten aufzuklären, bei denen Ermittler vor Jahrzehnten nicht mehr weiterkamen. Schon kleinste Partikel können wichtige Informationen über Opfer und Täter enthalten

Von Florian Fuchs

Die Leiche war ziemlich verwest, teils skelettiert, als sie nahe einer Pferdekoppel zwischen Bäumen gefunden wurde. 1993 war das, im Burgenland in Österreich, aber die Polizei kam nicht weiter. Zahnimplantate ungarischen Fabrikats deuteten darauf hin, dass die Tote aus Osteuropa stammt. Nach der Obduktion in der Wiener Sensengasse hielten die Ermittler Erdrosseln als Todesursache fest. Die Identifizierung der Leiche aber gelang erst mehr als 20 Jahre später, in der Rechtsmedizin München: Anhand einer Isotopenanalyse fand die Biologin Christine Lehn heraus, dass die Frau nicht aus Osteuropa stammte, sondern fast zeitlebens in Mittelamerika gelebt haben muss. Nach der Amtshilfe aus Bayern dauerte es nur zwei Wochen, bis die österreichische Polizei einen Treffer landete: Die getötete Frau war eine Prostituierte aus der Dominikanischen Republik.

Die Isotopenanalyse gibt es noch nicht lange: die Rechtsmedizin in München war Wegbereiter bei der Entwicklung dieser forensischen Methode, die der Kriminalistik ganz neue Möglichkeiten eröffnet: Aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bitten Ermittler in Bayern um Hilfe, wenn es darum geht, die Herkunft einer ansonsten nicht zu identifizierenden Leiche zu klären - und so vielleicht einem Mörder auf die Spur zu kommen. DNA-Analyse, verfeinerte Methoden zur Auswertung von Fingerabdrücken, höhere Sensitivität von Laborgeräten in der Toxikologie: Es gibt zahlreiche Ansatzpunkte, die Ermittlern heute helfen können, Altfälle zu klären, bei denen ihre Vorgänger mangels technischer Hilfsmittel mit ihren Nachforschungen nicht weiter gekommen sind. Die Isotopenanalyse ist dabei eine wenig bekannte Methode: Biologin Lehn kann herausfinden, wo ein Toter aufgewachsen ist, ob er nahe am Meer gelebt hat, sogar wann er ungefähr in ein anderes Land umgezogen sein muss. Isotope sind unterschiedlich schwere Atomarten eines Elements, jeder Mensch verfügt über eine individuelle Isotopensignatur. Je nachdem, wo er gelebt hat, nimmt er Isotope durch Nahrung, Luft und Wasser auf. Lehn untersucht dabei die Bioelemente Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff und Schwefel. Die Analyse der Geoelemente Strontium und Blei erfolgt in Amsterdam. Aus Haaren kann Lehn eine kurze Zeitspanne der Lebensverhältnisse herauslesen, aus Knochen viele Jahre, aus Zähnen fast ein ganzes Leben.

Fotos: Stephan Rumpf, Adobe Stock, Illustration: Alper Özer

Die tote Frau aus dem Burgenland hatte zeitlebens "viel Fisch gegessen, meist meernah gewohnt und Mais und Rohrzucker zu sich genommen", sagt Lehn. Wäre die Frau tatsächlich in Osteuropa heimisch gewesen, hätte sie eher Getreide und Kartoffeln gegessen, unser Zucker stammt aus Zuckerrüben. Es fand sich auch ein geringer Einfluss von amerikanischem Blei durch Luftverschmutzung im Körper. "Sie musste aus einer subtropischen Gegend stammen, die Synthese aus allen Ergebnissen deutete auf die nördliche Karibik hin", sagt Lehn. Mit dem neuen Wissen befragten die österreichischen Ermittler Zeugen aus dem Prostituiertenmilieu und stießen auf eine vermisste Frau aus der Dominikanischen Republik. Ein DNA-Abgleich mit der Schwester brachte Gewissheit.

Die DNA-Analyse war ein Meilenstein. Mit ihrer Hilfe wurden viele Mörder überführt

"Immer wenn es einen Meilenstein in der kriminalistischen Forensik gibt, ist es für uns ein Anlass, neu auf einen Fall zu schauen", sagt Josef Ischwang, Leiter der Kriminalpolizei des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. Der bekannteste dieser Meilensteine ist die DNA-Analyse, die in den vergangenen Jahren große technische Fortschritte gemacht und in zahlreichen Fällen geholfen hat, Mörder oder andere Verbrecher zu überführen. 1998 richtete das Bundeskriminalamt eine DNA-Analysedatei ein. Inzwischen sind dort mehr als 1,2 Millionen Datensätze gespeichert, ungefähr jeder fünfte davon stammt aus Bayern. Ein Abgleich mit der Datenbank läuft automatisiert, im Freistaat kam es auf diese Weise bislang zu mehr als 28 000 Fällen, in denen bekannte Personenmuster DNA-Spuren von Tatorten zugeordnet werden konnten. Die Daten werden auf Grundlage des sogenannten Prümer Vertrags zur vereinfachten grenzüberschreitenden Zusammenarbeit auch mit 22 europäischen Staaten automatisiert abgeglichen.

Laut Bayerischem Landeskriminalamt hat sich die Molekularbiologie und damit ihr Einsatz in der Forensik "in den vergangenen 20 Jahren rasant weiterentwickelt". Dabei werden zwei große Tendenzen sichtbar: Die klassische Verwendung eines DNA-Abgleichs zur Zuordnung einer Spur zu einer Person. Und der Einsatz neuester Methoden zur Untersuchung von Genomen, die Aufschluss über das Aussehen, die Herkunft und das Alter einer Person geben können. Was die klassische Verwendung betrifft, gelingt es inzwischen leichter, größere Mengen an DNA zum Beispiel auch aus Kleidungsstücken zu gewinnen, auf denen man vor Jahren noch nicht einmal DNA selbst erkannt hätte. Oder aus Kleidungsstücken, auf denen die DNA-Spuren durch verschiedene Substanzen derart verunreinigt wurden, dass sie nicht zu gebrauchen gewesen wären. Wurden 1998 gerade mal fünf verschiedene Genorte - also die Lage eines Gens auf dem Chromosom - untersucht, ist aktuell die Analyse von 16 verschiedenen Genorten in einem einzigen Ansatz Standard. So können Spuren mit viel höherer Gewissheit Personen zugeordnet werden.

226 000 DNA-Treffer

wurden seit Start der deutschen DNA-Datenbank im Jahr 1998 bis Ende 2020 im Abgleich von deutschen mit internationalen DNA-Datensätzen festgestellt. Mehr als 52 000 Treffer ergaben Übereinstimmungen zwischen DNA-Identifizierungsmustern aus Bayern und denen aus den anderen 22 sogenannten Prüm-Teilnehmerländern, deren Datensätze laufend automatisiert abgeglichen werden. Zahlreiche Altfälle, ob Mord oder andere Kapitalverbrechen, sind mit Hilfe einer DNA-Analyse bereits aufgeklärt worden. Die Methoden werden immer weiter verfeinert.

Neuartiger ist der Versuch, aus DNA Rückschlüsse auf das Aussehen einer Person zu gewinnen. Gesetzesänderungen, unter anderem das umstrittene bayerische Polizeiaufgabengesetz, ermöglichen Ermittlern nun erstmals, bei Spuren unbekannter Herkunft ein Täterprofil zu erstellen. Die Technologien dazu klingen wie aus US-Vorabendserien: Next Generation Sequencing oder auch Massive Parallel Sequencing. Über die Analyse bestimmter genetischer Marker werden äußere Merkmale wie Augen-, Haar- und Hautfarbe festgelegt, die zumindest bis zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit realistisch sind. Allerdings steht die Wissenschaft laut Landeskriminalamt hierbei noch am Anfang: Das Alter eines Spurenverursachers ist meist noch zu schwierig herauszufinden, auch weil für Untersuchungen dieser Art im Vergleich zum klassischen DNA-Abgleich 100- bis 200mal größere Mengen an Spurenmaterial notwendig sind.

Vielleicht entwickelt sich die Technik aber einmal soweit wie bei den Finger- und Handflächenspuren, die inzwischen so ausgereift sind, dass das Landeskriminalamt beim Sachgebiet 525 eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet hat, speziell um Altfälle neu zu recherchieren. Der älteste bayerische Mordfall, bei dem noch ungeklärte daktyloskopische Spuren vorhanden sind, stammt aus dem Jahr 1947. In der jüngsten Zeit, sagen Fahnder, führten diese Altfall-Recherchen zur Klärung von einigen Tötungsdelikten, Sexual- und Raubstraftaten, die zum Teil bereits vor mehr als 20 Jahren begangen wurden. Das liegt unter anderem daran, dass immer mehr Partnerländer in die Datenbank für Fingerabdrücke aufgenommen werden. Manchmal ist es auch schlicht so, dass ein Verdächtiger erst Jahre nach einer Tat erstmalig erkennungsdienstlich behandelt wird. Vor allem aber gibt es neue Spurensicherungsverfahren, mit denen in manchen Cold Cases zusätzliche Spuren aufgetan werden können.

Eine erhöhte Sensitivität von Analysegeräten hat auch jüngst im Fall Maria Baumer zu einer Verurteilung beigetragen. Baumer wurde 2012 von ihrem Freund mit Schmerz- oder Beruhigungsmitteln getötet, eine Haaranalyse im "Forensisch Toxikologischen Centrum" in München half, den Mörder zu überführen. Laut Geschäftsführer Frank Mußhoff können Haaranalysen heute im Gegensatz zu manchen Fällen vor zehn Jahren Medikamente oder Drogen nachweisen, weil die Geräte viel besser geworden sind. "Fremdsubstanzen gelangen durch die Blutbahn in die Haarwurzel, wachsen in das Haar rein und wieder raus", sagt Mußhoff. Bei einem Haarwachstum von etwa einem Zentimeter pro Monat kann man so abschnittsweise untersuchen, was ein Mensch über verschiedene Zeiträume hinweg zu sich genommen hat. Oder was ihm verabreicht wurde. Der neueste Trend ist dabei die Ein-Haar-Analyse - es werden also auch hier immer weniger Spuren benötigt, um Ergebnisse zu liefern.

© SZ vom 20.02.2021
Zur SZ-Startseite