bedeckt München
vgwortpixel

Forschung:Humboldts Beinahe-Tod im oberfränkischen Bergwerk

Die Alchemistenküche im Goldbergbaumuseum Goldkronach erinnert daran,dass sich nicht nur Wissenschaftler wie Humboldt zum Golde gedrängt fühlten.

(Foto: Olaf Przybilla)

Alexander von Humboldt zeigt seine Begabung bereits in jungen Jahren in Oberfranken - und stirbt fast wegen seiner Wissbegierde. Dieses Jahr wird der 250. Geburtstag des adeligen Universal-Gelehrten gefeiert.

Im Alter von zarten 27 Jahren hätte die Karriere eines Mannes, der posthum Weltruhm erlangte, schon zu Ende sein können. 2019 wird das Alexander-von-Humboldt-Jahr werden, die Zahl geplanter Feierlichkeiten zu Ehren seines 250. Geburtstags ist unüberschaubar, der Mann hat auf diesem Globus einfach an sehr vielen Orten Spuren hinterlassen. Dass er sich dabei - als forschender Adeliger - mit allem eingebracht hat, was ein Mensch einbringen kann, oft unter Lebensgefahr, ist wohl einer der Gründe für die heute weltweite Humboldt-Verehrung. Es hätte aber auch schiefgehen können. Dann würde demnächst wohl auch an seinen Geburtstag erinnert, womöglich aber nur in Oberfranken. Und das eher in dem Sinne: Hier starb Alexander, der Bruder Wilhelm von Humboldts.

Von den Übeln, mit denen der Bergbau am Ende des 18. Jahrhunderts zu kämpfen hatte, erschien dem nach Franken entsandten preußischen Spitzenbeamten Alexander von Humboldt vor allem "die Verbreitung nicht atembarer und lichterlöschender Luftarten" virulent. In den oberfränkischen Bergwerken beobachtete er bei Knaben von sonst blühendem Aussehen fürchterliche Knochenkrankheiten, auch Bleichsucht, Drüsenverhärtungen und frühes Asthma. Was er ebenfalls beobachtete: dass sich die dafür eigentlich Zuständigen nur höchst selten um "die physische Konstitution des Bergvolks oder um arme Krankenhäuser (welche dazu nur selten sind) bekümmern", wie Humboldt notierte. Nun darf es schon als bemerkenswert gelten, dass ein Adeliger dies in der Drastik überhaupt wahrnahm - selbstverständlich waren volksfürsorgliche Gedanken für einen Entsandten im Auftrage Preußens keineswegs. Dass Humboldt sich dann aber nicht zu schade war, höchstselbst Abhilfe zu schaffen, notfalls mithilfe von Selbstversuchen, das macht ihn zu einer exzeptionellen Forscherfigur der Goethe-Zeit.

Die Büste im Garten des Humboldtforums in Goldkronach.

(Foto: Olaf Przybilla)

In den drei Jahren, die Humboldt an verschiedenen Orten Oberfrankens verbracht hat, geradezu manisch den Landstrich beackernd, ist dieser Einsatz mit der eigenen Existenz bereits gut zu beobachten. Dass er es später bei seiner legendär gewordenen Expedition durch Südamerika nicht anders hielt, macht die Beobachtungen in Franken so wertvoll. Da wurden offenbar Grundlagen gelegt für die Haltung eines Mannes, der wusste, dass Forschung und die Verantwortung für den Menschen stets zusammengedacht werden müssen.

Mit der Folge freilich, dass sein Weg in Berneck, dem heutigen Bad Berneck, beinahe schon zu Ende gewesen wäre. Da wäre er um ein Haar Opfer eines verwegenen Selbstversuchs zugunsten allgemeiner Bergmannsgesundheit geworden. Und das kam so: Für die Rettung verunglückter Bergleute im sauerstoffarmen Schacht hatte Humboldt eine Lampe konstruiert, die auch ohne Luftzufuhr nicht erlosch. Als er einmal böse Wetter zu erkennen glaubte, giftige Gase im Stollen, drängte es den 27-Jährigen auszutesten, ob seine Erfindung auch funktioniert. Warum? "Ich war neugierig", notiert er lakonisch in einem Brief an seinen Vertrauten - ein Wesenszug, der Humboldt wenig später seine sichere Stellung beim Staate Preußen aufkündigen ließ, um als freier Forscher nicht weniger als die Welt zu erkunden.

Nun hätte Humboldt im Bergwerk zu Berneck natürlich seinen Kompagnon mit in den Stollen nehmen können, das macht man ja so, wenn die Neugierde schon alle Sicherheitsüberlegungen überlagert. Der aber musste zurückbleiben, weil er zwar kurz zuvor im nahen Naila einen ganz ähnlichen Versuch überlebt hatte, davon aber noch etwas malad war. Also brach Humboldt alleine auf und freute sich, so liest man es in seinen Briefen, wie ein kleines Kind darüber, dass das Licht seiner Lampe noch brannte. Allerdings eher kurz. Dann wurde er müde und sank zu Boden. Angeblich soll er noch den Kollegen Killinger - das ist der Malade von Naila - zu Hilfe gerufen haben, woran Humboldt sich freilich nicht mehr erinnern konnte (oder wollte: den Versuchsrekonvaleszenten in den Stollen zu ordern, hätte wohl dem Humboldtschen Forscherethos widersprochen). Wie auch immer: Killinger kam und fand den Kollegen ohnmächtig an seiner Lampe.

Jenem war, das räumte Humboldt später ein, "wie besoffen und matt" danach, ganze zwei Tage lang. Auch dass das ganze Manöver eigenes Verschulden war, wollte er gerne eingestehen. Er sei eben, führte er zu einer Entschuldigung an, etwas "dreist" geworden, angesichts des permanenten Aufenthalts in fränkischen Bergwerken. Freilich, was viel wichtiger sei: Er habe seine Lampe beim Erwachen noch brennen sehen, oh ja! Und alles in allem: "Das war wohl der Ohnmacht wert."

Es sind auch solche Details dieses heute schier unfassbaren Lebens, für die Humboldt sich später als "Prometheus der neuen Zeit" feiern lassen durfte. Die Formulierung findet sich in Daniel Kehlmanns Humboldt-Weltbestseller "Die Vermessung der Welt", der aus oberfränkischer Perspektive den nicht völlig zu vernachlässigen Makel hat, dass Franken darin praktisch nicht vorkommt. Die Sache mit dem Beinahe-Tod von Berneck ist zwar erwähnt, das schon. Nur träumt Humboldt, sterbend im Schacht, von "tropischen Schlingpflanzen", nicht etwa solidem Fichtelgebirgsholz. Sein Retter ist ein gewisser Andres del Rio, Kollege aus der Freiberger Akademie, an der sich Humboldt tatsächlich hat ausbilden lassen zum Bergwerker. Überhaupt liest sich die Passage, als wäre Humboldt fast auf sächsischem Boden verschieden, nicht in Franken. Wer mag, kann das natürlich exemplarisch lesen. Da stünde Oberfranken einmal im Licht eines Weltbestsellers. Und dann spielt die entscheidende Szene: in Sachsen.

Wer Goldkronach besucht, das heimliche Zentrum fränkischer Humboldt-Verehrung, wird feststellen, dass sie da drüber stehen. Und das schon deshalb, weil der Oberbergmeister Humboldt selbst in Goldkronach, wo er die Möglichkeiten der Goldgewinnung ventilierte, nicht schon immer im Mittelpunkt allen Interesses stand, wie Klaus-Dieter Nitzsche andeutet, der Vorsitzende des Museumsvereins.

Inzwischen ist das anders: Die Geschichte des Goldes in Franken, unter besonderer Berücksichtigung Humboldtscher Revitalisierungsversuche? Im Goldbergbaumuseum lässt sich das mit Gewinn erleben - inklusive einer Alchemisten-Kammer, die daran erinnert, dass der Drang zum Golde nicht nur Wissenschaftler beflügelte. Sonderveranstaltungen zu Ehren des Jubilars? Im 250. Jubeljahr wird sich das örtliche Humboldt-Forum nicht lumpen lassen. Gleich nebenan steht eine Humboldt-Büste und die Geoparkrangerin Annette Taubenreuther, eine Frau von fast Humboldtscher Rastlosigkeit, weist ein in weit gediehene Zukunftsvisionen. In wenigen Jahren soll ein Humboldt-Park Besucher nach Goldkronach locken. "Zwei bis drei Tage lang" sollen sich Touristen dann mit Humboldt beschäftigen können. Was jetzt schon ginge, klapperte man nur ein paar der Franken-Stationen ab, an denen der Oberbergmeister wirkte: Lauenstein, Tettau, Bad Steben, Goldmühl, Wunsiedel, Arzberg, Bayreuth und als Höhepunkt die Besucherbergwerke von Goldkronach.

Dass Humboldt so lange nur wenig beachtet wurde, muss Goldkronach übrigens nicht grämen. Der Historiker Frank Holl, einer der namhaften Humboldt-Forscher unserer Tage, hat das immer wieder beobachtet. In seinem eigenen Jugendlexikon etwa war Wilhelm von Humboldt groß vertreten. Sein Bruder Alexander dagegen wurde "nicht mal erwähnt", erzählt Holl, der sich mit einer enzyklopädischen Humboldt-Biografie ("Mein vielbewegtes Leben", erschienen im Verlag Die Andere Bibliothek) und der umfassenden Monografie "Alexander von Humboldt in Franken" (Schrenk-Verlag) einen Namen gemacht hat. Heute dagegen, hat Holl beobachtet, erkenne man in Humboldt den globalen Denker und frühen Ökologen, der Grundlagen der Klimaforschung gelegt hat; auch den interdisziplinären Naturforscher und praktischen Pädagogen, der Bergbauschulen gründete; und nicht zuletzt wisse man den Menschen Humboldt zu schätzen: "Ein Adeliger ohne Dünkel", sagt Holl.

Brauchtum und Geschichte "Coburg war die erste Nazi-Stadt"

Nationalsozialismus in Bayern

"Coburg war die erste Nazi-Stadt"

1929 hatte die NSDAP bereits die absolute Mehrheit in Coburg, 1931 stellte sie den Bürgermeister. Ein Gespräch mit den Historikern Eva Karl und Gert Melville über die Stadt als Hitlers Versuchslabor.   Interview von Olaf Przybilla