bedeckt München 17°

Flutopfer in Deggendorf:Wenn der Druck zu groß wird

Vor einem Jahr wurde Niederbayern von einem Jahrhunderthochwasser getroffen. Viele Schäden sind inzwischen behoben - doch wie geht es den Menschen im Kreis Deggendorf heute?

Von Ingrid Fuchs

Ausgelaufenes Heizöl hat sich in Böden und Wände gefressen, 180 Häuser mussten abgerissen werden. Die Schäden: etwa eine halbe Milliarde Euro. Ein Jahr nach dem katastrophalen Hochwasser, das Niederbayern im Juni 2013 überschwemmt hat, sind die materiellen Folgen im Landkreis Deggendorf weitgehend bekannt. Was die Flut aber bei den Menschen angerichtet hat, zeigt sich erst allmählich. Ende Mai etwa, als es tagelang regnete und die Bewohner im Ortsteil Fischerdorf langsam unruhig wurden. "Genauso hat es vor einem Jahr angefangen. Ich habe bei Regen noch immer ein komisches Gefühl", sagt Betty Weinberger, 75. Ob sie ihr Leben irgendwann wieder angstfrei führen kann? Ungewiss.

Betty und Luitpold Weinberger haben das Haus, in dem sie vor der Flut jahrzehntelang lebten, mit viel Zeit, Mühe und Geld gerettet. Andere, wie Rosemarie und Dietmar Seidler, haben dagegen fast alles verloren. Ihre Heizung wurde ihnen zum Verhängnis: Etwa 5000 Liter Heizöl liefen aus und verdreckten Haus und Garten. So sehr, dass sie ihr Zuhause abreißen mussten. Zuvor gingen die Bilder ihres Hauses um die Welt: Ein schlammbraunes Meer aus dessen Mitte ein Hausdach ragt, umgeben von einer Hecke. Nun bauen sie ein neues Haus, der Rohbau ist fast fertig, er liegt 80 Zentimeter höher.

Bilanz der Flutkatastrophe

Das Haus der Seidlers im Deggendorfer Stadtteil Fischerdorf.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Mit Menschen wie den Weinbergers oder den Seidlers beschäftigt sich Julia Girg. Sie ist Sozialpädagogin und arbeitet seit Ende Januar zusammen mit drei Kollegen von der Malteser Hochwasserhilfe als hauptamtliche Betreuerin für die Flutopfer im Kreis Deggendorf. Soweit die jemanden an sich ranlassen. Denn die Hürde, sich in psychologische Betreuung zu begeben, sei bei den Betroffenen noch immer spürbar, erzählt Girg.

"Viele denken sich 'Ich hab doch keinen an der Klatsche' und fragen lieber nicht nach Hilfe. Es braucht manchmal einen sehr hohen Leidensdruck." Der entstehe oft erst mit der Zeit. "Wie es den Menschen wirklich geht, macht sich erst dann bemerkbar, wenn sie zur Ruhe kommen", sagt Girg. Wenn sie Zeit haben, sich zu erinnern. An die Evakuierung, die Rückkehr ins Nichts, das Gefühl der Hilflosigkeit angesichts der Naturgewalt. Andere sind schlicht überfordert: wenn Bau- und Sanierungsarbeiten noch laufen, Behördengänge oder Verhandlungen mit Versicherung anstehen oder Kinder und die eigene Arbeit an den Kräften zehren. Ihr altes Leben wurde vor ziemlich genau einem Jahr weggespült.

Am 4. Juni 2013 hat das Hochwasser den Landkreis Deggendorf erwischt. Am schlimmsten traf es die Ortsteile Fischerdorf, Natternberg und die Gemeinde Niederalteich, sie wurden evakuiert. Mit Booten oder per Hubschrauber mussten etwa 2000 Bewohner von ihren Hausdächern gerettet werden, mitnehmen konnten sie nur das Nötigste. In Regensburg und Passau hatten die Menschen das Schlimmste da schon überstanden. In Deggendorf fing es dagegen erst richtig an - ein wochenlanger Ausnahmezustand. Für Trauer blieb meist keine Zeit.

Nun, ein Jahr nach der Katastrophe, wollen Girg und ihre drei Kollegen nicht darauf warten, bis der Leidensdruck groß genug ist. Ein Teil der Strategie des Teams lautet deshalb: raus zu den Leuten. "Manchmal treffen wir jemanden am Gartenzaun und kommen ins Reden, das kann zehn Minuten dauern oder zwei Stunden. Hin und wieder klingeln wir auch an der Tür und fragen nach, wie es den Menschen geht. Vor Ort herrscht eine ganz andere Atmosphäre." Das Team ist seit Ende Januar hauptamtlich in Deggendorf im Einsatz, zuvor haben sich ehrenamtilche Helfer um die Betroffenen gekümmert. Bis Mitte 2015 bleibt das Team - mit der Option auf Verlängerung. Denn noch immer kommen ständig Anfragen von Betroffenen, etwa 85 neue Fälle sind es seit Januar.

Sie bekommen von Girg keine Therapie, sondern Beratung. "Zuhören, Perspektiven schaffen, Ordnung ins Chaos bringen", sagt die Sozialpädagogin. Und: "Die Leute daran zu erinnern, auch an sich selbst zu denken."

Wer hilft? Wo gibt es Rat? Welche Nummern sind wichtig? Hier finden Flutopfer aus dem Landkreis Deggendorf die wichtigsten Informationen.

© SZ.de/tba

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite