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Flutkatastrophe:Eine Kerze für jedes Opfer in Simbach

Gottesdienst für Opfer der Flutkatastrophe

Der Passauer Bischof Stefan Oster und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm halten einen Gedenkgottesdienst.

(Foto: dpa)

Sieben Menschen hat die Flut in Niederbayern in den Tod gerissen. Gut zwei Wochen später treffen sich die Überlebenden zum Gedenken.

Vom Alltag ist Simbach weit entfernt, sehr weit. Gerade wurden in der Stadt die ersten Häuser abgerissen. Und im Kindergarten haben manche Kinder ein besonderes Spiel: Überschwemmung. Pfarrer Franz Haringer hat sich das von einer Erzieherin berichten lassen. Da bauen die Kinder eine Sandburg, ein paar Häuschen drumherum und Wege dazwischen. Dann kommen sie mit einem Wasserkübel - und wusch sind die Sandhäuser weggespült. Ein Trauma liegt über Simbach und den umliegenden Orten, die eine Flut am 1. Juni zum Katastrophengebiet machte.

Sieben weiße Kerzen stehen am Freitagabend auf dem Altar der Simbacher Stadtpfarrkirche St. Marien: Eine Kerze für jeden Fluttoten, vier Frauen, drei Männer. Drei Tote sind inzwischen beerdigt. Die Kirche fasst 500 Menschen, sie ist voll. Der Passauer Bischof Stefan Oster und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm halten einen Gedenkgottesdienst.

Sie versuchen nicht, die Katastrophe zu erklären. Oster spricht von "einer maßlosen und völlig willkürlichen und tödlichen Zerstörungskraft". Wie könnte man so etwas auch theologisch erklären? "Wir stehen fassungslos vor einer Katastrophe, einem Unglück, wie es diese Stadt noch nie erlebt hat", sagt Oster. Er trägt eine schwarze Trauerstola, sein Haupt ist gebeugt.

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Fassung. Das ist es, worum die Region auch gut zwei Wochen nach dem Unglückstag immer noch ringt. Man kannte solche Unglücke - aus dem Fernsehen. "Die meisten von uns, mich eingeschlossen", sagt Oster, "hatten bisher immer geglaubt, dass all das in größerem Stil eher woanders geschieht." Und dann - dann treffe es plötzlich viele Menschen in unmittelbarer Nähe, "brutal und ohne Ankündigung".

Als er die Namen der Opfer verliest, erheben sich die Menschen in St. Marien. Der Chor singt "Ich steh vor dir mit leeren Händen. Fremd wie dein Name sind mir deine Wege." Später wird aus dem Gotteslob "Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, der wird ihn wunderlich erhalten in aller Not und Traurigkeit" gesungen - die Quintessenz dessen, was Oster dann auch predigt.

Draußen in den Straßen entlang dem Simbach, der sich am 1. Juni von einem Rinnsal in eine reißende Flut verwandelte, gehen in einigen Gebäuden die Arbeiten weiter. Nicht jeder hat jetzt schon Zeit für einen Gottesdienst, und wenn man schon die Arbeiter da hat, dann darf man keine Zeit verlieren. In einigen vom Hochwasser beschädigten Anwesen wird seit ein paar Tagen nicht mehr gearbeitet. Das Landratsamt hat gelbe Schilder davorgehängt: "Lebensgefahr. Betreten verboten."

Am Montag will Bürgermeister Klaus Schmid mit Landrat Michael Fahmüller alle betroffenen Gebiete inspizieren. Dann erst könne er einigermaßen verlässlich beziffern, wie viele Häuser abgerissen werden müssen. In der Stadt geistern grässliche Zahlen herum, es heißt, bis zu 500 Gebäude könnten gar nicht mehr restauriert werden. Auf dem Staub in den Straßen sprießen irre Dystopien. Dabei ist laut Bürgermeister bislang nicht einmal erhoben, wie viele Simbacher derzeit nicht in ihren Wohnungen leben können. Hunderte?

Wo der größte Dreck weggeräumt ist, ist das Ausmaß der Katastrophe sichtbar geworden. "Viele sacken jetzt zusammen", sagt Pfarrer Haringer. Einige Menschen wissen noch nicht einmal, dass ihre Wohnungen zu Bruchbuden wurden. Der Stadtpfarrer traf in dieser Woche die Sprecher seiner Pfarreien. "Gerade alte Leute wollen nicht wahrhaben, dass ihre Wohnungen und ihre Einrichtungen feucht sind. Denen müssen wir jetzt erst mal klarmachen, dass sie so nicht weiterleben können, wir müssen ihre kaputten Sachen wegwerfen, ihre Kühlschränke auffüllen", sagt Stadtpfarrer Haringer. Am Montag aber beerdigt er ein weiteres Flutopfer.

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