Literatur:Von wilden Wassern

Literatur: Alte Flussherrlichkeit: Im Nördlinger Ries darf die Wörnitz noch mäandern, und daneben existiert ein verlandeter Altwasserarm.

Alte Flussherrlichkeit: Im Nördlinger Ries darf die Wörnitz noch mäandern, und daneben existiert ein verlandeter Altwasserarm.

(Foto: imago)

Zwei Dutzend Autorinnen und Autoren schildern in einem Lesebuch ihre Erlebnisse an Flüssen. Das Spektrum ihrer Erfahrungen reicht von der Komik bis zur Tragik, von der Lebenslust bis zur Melancholie.

Von Hans Kratzer, Viechtach

Anton Kirchmair ist direkt an der Isar aufgewachsen. In seiner Kindheit in den 50er-Jahren sei der Fluss sein Spielplatz gewesen, erinnert sich der Künstler. Damals hätten die Erwachsenen die Schulkinder angeleitet, wie das Reinspringen in die Isar, etwa an der Thalkirchener Brücke, richtig geht. "Sie zeigten uns, wie man durch gefährliche Walzen und Strudel hindurchtaucht." Heute, so klagt Kirchmair, "werden die Kinder wegen der Ängste der Eltern vom Wasser ferngehalten. Dabei muss man sie nur anleiten".

Wer mit dem Wasser vertraut ist, erlebte dort häufig jene Bewusstseinserweiterung, wie sie in der Literatur wortreich beschrieben ist. Es ist wie ein Eintauchen in eine andere Welt. Selbst der fragile Schriftsteller Franz Kafka erlebte das Schwimmen als mentalen Ausnahmezustand. "Kafka und ich", erinnerte sich sein Freund Max Brod später, "lebten damals in dem Glauben, dass man von einer Landschaft nicht Besitz ergriffen habe, solange nicht durch Baden in ihren lebendig strömenden Gewässern die Verbindung geradezu physisch vollzogen worden sei."

In diese gedankliche Richtung zielt auch ein im Lichtung Verlag erschienenes Lesebuch, das sich dem Thema Flüsse widmet. Die Texte enthalten Geschichten, die den Erlebnisraum Wasser in allen Schattierungen schildern. Sei es als Kraftquell oder als Bedrohung, als Erinnerungsplatz oder als Ort der Ruhe, als wildes Wasser sowie als Grundstoff für Literatur und Musik.

Eines der schönsten Geotope Bayerns

"Dem Weltenlärm entrückt" lautet passend dazu die Überschrift des einleitenden Textes von Karl-Heinz Paulus, eines Kenners der Region Donau-Wald. "Die Natur ist ein sehr gutes Beruhigungsmittel", sagt er frei nach Anton Tschechow und meint damit ganz besonders seinen Lieblingsplatz, die Buchberger Leite zwischen Ringelai und Freyung. Diese Wildwasserklamm zählt zu den schönsten Geotopen in Bayern, auch weil die Natur dort noch ungestört walten darf.

Die Malerin Anna Glockshuber, die an der Vils aufgewachsen ist, beschreibt recht poetisch, wie der rasante Zeitenwandel sich auch am Fluss widerspiegelt. Sie erinnert an eine alte Bäuerin, die in der Nähe von Gerzen (Landkreis Landshut) wohnte und ihren Enkeln, die mit den neuen Mofas ins Dorf fuhren, wohlwollend nachrief: "Fohrts no owe noch Gerzen, dass wos sehgts vo da Weud." Ihr Lebensradius erstreckte sich eben nur auf ein paar Kilometer.

Immer verzweifelter schrie er "Brrrr, Brrrrr"

Tragikkomisch ist auch die Geschichte jenes Landwirts, der, nachdem er seine Ochsen gegen einen Bulldog eingetauscht hatte, mit dem ungewohnten Gefährt über eine Wiese jagte, geradewegs auf die Vils zu, und sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als immer lauter und verzweifelter "Brrrr, Brrrrr" zu schreien. Als das Ufer da war, riss er nur noch seine Arme hoch und rauschte mit einem letzten "Brrrr" in die Vils hinein. Zeit seines Lebens, so resümiert Anna Glockshuber, "badete er im Gelächter seiner Mitmenschen".

Fred Haller wiederum beschreibt am Beispiel der Rottauen, wie sehr dort die Nutzung der Wasserkraft von den Launen der Natur abhing. Ob der Müller das Mühlwerk betreiben konnte, entschied allein das Wetter. Mal war die Wassermenge zu gering, mal gab es Hochwasser. "Die Rott ist ein Luder!" beklagte sich Hallers Großvater.

Der Autor Hans Göttler wiederum wuchs in einem Wirtshaus in Simbach am Inn auf. Der Vater war ein leidenschaftlicher Braunau-Geher, also einer, der gern über den Jordan hinüberging, wie es im Volksmund hieß. Fällt der Name Braunau, ist der Hitler nicht weit. Vom Zach, dem einstigen Simbacher Weißbräu, gab es laut Göttler den Spruch: "Da Zach, da Zach, dees is a Viech, und sei Bia, des hod an Stich." Leider ist der alte Hitler, der damals als Zollbeamter in Braunau lebte, vor der Zeugung seines unseligen Sohnes nicht an diesem Gebräu zugrunde gegangen, resümiert Göttler, was belegt, dass die Flüsse den Lauf der Welt prägen, aber halt so, wie die Flussgötter wollen. Etwa der Aenus, der an der Simbacher Brücke wacht. Dass die Figur ihren Hintern gen Braunau reckt, mag so oder so gedeutet werden.

Flüsse. Ein Lesebuch, hrsg. von Kristina Pöschl und Eva Bauernfeind, Lichtung Verlag, 191 Seiten, 20 Euro.

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