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Flüchtlingsfamilie in Schwaben:Letzte Zuflucht Kirche

Wenn es nach den deutschen Behörden ginge, wäre Tatjana T. längst in Polen. Doch die Tschetschenin fürchtet, ihr Bruder könnte sie und ihre vier Kinder umbringen - und lebt nun in einer Kirche. Erneut versucht eine schwäbische Pfarrgemeinde, eine Flüchtlingsfamilie vor der Abschiebung zu retten.

Tatjana T. sitzt an einer Biergartengarnitur, die ihr als Küchentisch dient. Sie wirkt sehr verängstigt, ihre eingezogenen Schultern und ihr ganzer Körper signalisieren: Diese junge Frau würde sich am liebsten unsichtbar machen. Die alleinerziehende Mutter von vier Kindern wohnt seit zwei Wochen im Keller der katholischen Kirche Maria Hilf in Stadtbergen vor den Toren Augsburgs. Kirchenasyl.

Für die 31-jährige Witwe aus Tschetschenien ist es die vorläufig letzte Station in einem Leben, das von Leid und Schmerz geprägt ist. "Ich hoffe, dass ich nicht nach Polen abgeschoben werde", flüstert sie auf Russisch. "Vor Polen habe ich sehr viel Angst." Tatjana T. (Name geändert) stockt und weint. Warum, erklärt ihre Dolmetscherin und Unterstützerin Nathalie Wohlgemuth: "Sie geht davon aus, dass ihr Bruder sie überall suchen wird, um den Ehrenmord an ihr zu verüben."

Wenn es nach den deutschen Behörden ginge, wäre Tatjana T. längst in Polen. Im Februar erhielt sie ihren Abschiebebescheid. Nach den Regeln der sogenannten Dublin-II-Verordnung muss ihr Asylverfahren in Polen stattfinden, weil sie dort die EU betreten hat. Mit dieser Rechtslage will sich die Stadtbergerin Tina Hochheuser nicht abfinden. "Was ist wichtiger?", fragt die Mitinitiatorin des Kirchenasyls, "Dublin II oder das Kindswohl?" Schließlich gebe es auch eine UN-Kinderrechtskonvention, auf sie nehme Dublin II keine Rücksicht. Deshalb sei das Kirchenasyl die einzige Möglichkeit, die fünfköpfige Familie zu schützen.

"Alle vier Kinder sind schwer traumatisiert", sagt Hochheuser, "so einer Familie muss eine Gesellschaft doch helfen." Ganz ähnlich sieht das die Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern: Sie fordert ein "zeitgemäßes Zuwanderungsrecht". Die zunehmenden Kirchenasyl-Fälle werfen aus ihrer Sicht die Frage auf, wie das geltende Recht verbessert werden muss. Asylsuchende hätten den berechtigten Wunsch nach einem Leben in Sicherheit. Diakone und Kirche seien mit der Politik im Gespräch, "Kirchenasyle unterstreichen die Dringlichkeit."

"Die Mörder hatten zwei Magazine leergeschossen"

Tatjana Ts. Leidensweg beginnt 1994. Im Tschetschenienkrieg wird ihr Dorf bombardiert. Die Schule wird zerstört, die Schullaufbahn der Elfjährigen ist damit zu Ende. Mit 18 heiratet sie einen 17-Jährigen. 2008, im zweiten Tschetschenienkrieg, wird ihr Mann getötet. Nachbarn bringen den Leichnam auf den Hof - vor den Augen des fünfjährigen Sohnes. "Die Mörder hatten zwei Magazine leergeschossen", sagt die Dolmetscherin.

Fortan wird Tatjana T. von ihrer Schwiegermutter und Schwägerin geschlagen und bedroht. Die Frauen fordern von ihr, das Haus zu verlassen und ihre Söhne dazulassen. So verlangt es die örtliche Tradition. Tatjana T. widersetzt sich. Darauf wird sie eingesperrt und bekommt kaum noch Essen. Die Kinder müssen auf dem Teppich schlafen.

Eines Tages bekommt ihr ältester Sohn mit Elektrokabeln Schläge auf den Po, sodass er nicht mehr sitzen kann. Nachts kommen immer wieder wildfremde Männer ins Haus. Sie behaupten, der Ehemann habe ihnen Geld geschuldet. Beim Anblick der maskierten Männer rennt der älteste Sohn in Panik auf die Straße. Er wird von einem Auto angefahren und liegt ein halbes Jahr im Krankenhaus, davon vier Wochen im Koma.

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