Asylpolitik:Deutsche Bürokratie trifft Nigeria und umgekehrt

Warum dürfen Asylbewerber nicht selbst kochen, fragt Mabel Daniel, sie ist 26 und wütend. "Das Leben ist nicht gut hier." Man könne nicht zum Doktor, wenn man wolle, schimpft eine andere, "man muss einen Termin buchen". Transporte ins Krankenhaus würden oft abgelehnt. Unterricht für Kinder gebe es nicht mehr. "Sie sollen uns eine Arbeitserlaubnis geben, wir sind keine Babys. Dann sind sie uns hier los."

Herr Nell drängt jetzt etwas, die Zeit. Er führt die Besucher in blitzblanke Aufenthaltsräume. Brettspiele sind akkurat aufgestapelt, nebenan liegt ein Kuscheltier am anderen. Windeln und Hygieneartikel werden montags und donnerstags zwischen 14 und 15 Uhr ausgegeben. "Vorsicht! Gefahr ins Eis einzubrechen", steht auf einem Schild.

Deutsche Bürokratie trifft Nigeria und umgekehrt, so kann man sich diese Lebenswelt vorstellen, zu der auch ein Klassenzimmer gehört. Hier stehen Bänke herum, als seien eben noch Schüler da gewesen. Unterricht gibt es "derzeit nicht", sagt Daniel Waidelich, auch keine Deutschkurse. Waidelich ist Sachgebietsleiter der Regierung, und er kämpft etwas, als ein Journalist das Transitzentrum einen "Krisenherd" nennt.

Es gebe Kritik am Essen, ja, sagt der Beamte. Der Brandschutz aber verbiete das Kochen eigener Speisen. "Die Verpflegung wird nach wissenschaftlichen und religiösen Aspekten zusammengestellt." Im Übrigen wolle man es den Bewohnern gar nicht zu schön machen. "Es gibt ein klares Signal", sagt Waidelich. "Es lohnt sich nicht, nach Deutschland zu kommen."

Vor der Tür wird es laut, die Nigerianer sind jetzt zu einem Umzug aufgebrochen. "Wir brauchen Freiheit", rufen sie, eine Frau hält außer sich vor Zorn ihr Baby in eine Kamera. "Wir sind keine Sklaven", schreit sie. Männer in Schwarz tauchen auf, Leute vom privaten Sicherheitsdienst. Einer kommt aus Pakistan, ein anderer aus Afghanistan. "Alles Krieg", sagt er nur, wenn man ihn fragt, warum er hier ist.

Wo Pakistaner Nigerianer bewachen und Afghanen sich über betrunkene Ukrainer ärgern, bleiben Auseinandersetzungen nicht aus. Etwa 250 Mal im Jahr kommt im Transitzentrum die Polizei, auch zur Abschiebung. Immer wieder gebe es "tumultartige Szenen", ist im zuständigen Polizeipräsidium zu hören. "In der Regel reicht da ein Streifenwagen nicht." Etwa 800 Flüchtlinge sind seit 2015 aus Manching verschwunden, 1000 wurden abgeschoben, 2500 kehrten freiwillig heim.

Wer noch da sei, brauche Unterstützung, sagt Willi Dräxler von der Caritas. Er fordert kleinere Einrichtungen, leichteren Zugang zu Rechtsberatung und ein Ende des Arbeitsverbots. "Ein Mensch, der keine Illusionen mehr hat, ist verführbar", sagt Dräxler. Integration aber sei in Manching nicht erwünscht. Und das, obwohl gut 17 Prozent der Nigerianer am Ende doch im Land bleiben dürften.

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