Flüchtlinge in Niederbayern Mehr Flüchtlinge als manch ein Land in Europa

Landrat Meyer hat diesen Egoismus dokumentiert und abgeheftet. Er legt eine Mappe auf den Tisch, zieht ein Blatt Papier heraus. Eine Landkarte, auf der eine grün markierte Linie den Weg vom österreichischen Julbach ins bayerische Breitenberg zeigt, am Ende der grünen Linie hat jemand mit Kugelschreiber "Border Germany" geschrieben. Die Julbacher verteilen diese Landkarten an die vielen Flüchtlinge, die jeden Tag in ihrem Dorf eintreffen. Busse bringen die Flüchtlinge aus Wien, aus dem Burgenland und anderen Teilen Österreichs nach Julbach, wo sie für einige Stunden in einer Stockschützenhalle untergebracht und dann über die Grenze geschickt werden. Das habe die österreichische Regierung so organisiert, sagt Meyer, "ein Unding" sei das.

In den vergangenen zwei Wochen zählte die Bundespolizei allein in dem Bayerwald-Ort 10000 Flüchtlinge.

(Foto: Francois-Weinert)

Drüben in Julbach sitzt Wolfgang Sonnleitner im Vereinsheim der Stockschützen auf einer Eckbank. Es steht gleich neben der Sporthalle, in der sie 250 Feldbetten aufgestellt haben und Dutzende Flüchtlinge darauf warten, dass sie eine Landkarte in die Hand gedrückt bekommen und los marschieren dürfen nach Breitenberg, nach Germany. Wolfgang Sonnleitner, 50, ist Kommandant der Bezirkspolizei, ein drahtiger Mann mit Lachfalten um die Augen. "Die tun uns auf jeden Fall leid", sagt er. Er meint nicht die Flüchtlinge, er meint die Deutschen, die sich um all die Flüchtlinge kümmern müssen.

Die meisten Flüchtlinge kennen Österreich nicht

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Dass die Flüchtlinge unregistriert nach Deutschland weiterziehen, ist für Sonnleitner keine Entscheidung Österreichs, sondern die Entscheidung der Flüchtlinge. "Viele fragen, ob wir Australien sind", sagt er, "ich glaube, dass 80 Prozent der Syrer und Afghanen Österreich gar nicht kennen. Darum wollen sie auch nach Deutschland." Man könne die ja nicht mit Gewalt in Österreich festhalten, sagt Sonnleitner.

Er erfülle nur den Auftrag der Politik, sagt Sonnleitner. "Der Auftrag lautet, dass die Flüchtlinge hier in Empfang genommen und verpflegt werden, sie können hier die Kleider wechseln, dann können sie sich frei bewegen." Außerdem sorge man dafür, dass die Flüchtlinge nicht alle auf einmal nach Breitenberg marschieren, sondern grüppchenweise und in zeitlichen Abständen, um die deutsche Bundespolizei nicht zu überlasten. Und diejenigen Flüchtlinge, die nachts ankommen, "die regen wir dazu an, dass sie über Nacht dableiben, weil es zu gefährlich ist, dass sie sich verlaufen."

Zurück in Breitenberg. Es ist Mittagszeit, Josef Lamperstorfer schaut im Zelt vorbei, der Bürgermeister aus dem 15 Kilometer entfernten Wegscheid. Seine Assistentin notiert, was die Flüchtlinge im Zelt alles bekommen: Tee, Toast, Kekse. Sie notiert das, weil die Julbacher Stockschützen ihre Halle in einer Woche wieder selbst brauchen, weil die Flüchtlinge dann über die Grenze bei Wegscheid gelotst werden. "Die größten Schleuser sind die Österreicher", sagt Lamperstorfer. Er habe in Wegscheid bereits eine Halle im Auge, die gut heizbar ist, das sei das Wichtigste. Dass der Andrang vorbei ist, wenn der erste Schnee fällt, darauf will sich Lamperstorfer lieber nicht verlassen.

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