Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge in Bayern:Wenn Wirklichkeit die Politik einholt

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Tausende Menschen in ganz Bayern engagieren sich ehrenamtlich für Asylsuchende. In der Zeit der Not entsteht eine neue Kultur des Zusammenhalts.

Von Dietrich Mittler

Als in der Nacht auf Pfingstsamstag im oberbayerischen Schneizlreuth Flammen aus dem Dachgebälk eines ehemaligen Bauernhofs hinaufstoben, war Sara Wurzinger als ehrenamtliche Helferin des Bayerischen Roten Kreuzes mit zur Stelle, um Überlebenden des Brandinfernos beizustehen.

Wenige Monate später begegneten ihr früh morgens auf der Straße Flüchtlinge. "Die waren von den Schleusern einfach irgendwo entlang der Autobahn rausgeschmissen worden", sagt die 29-Jährige aus Bad Reichenhall. Die Bilder der weinenden Kinder hat sie nicht vergessen. Auch den Erwachsenen sei die Angst in den Augen gestanden. "Die fragten verzweifelt nach der Polizei oder dem nächsten Bahnhof", erinnert sie sich. Das war der Moment, in dem sich Sara Wurzinger sagte: "Das sind Leute aus Kriegsgebieten, die brauchen einfach Hilfe!"

Wie Wurzinger hilft

Wurzinger, eine durchtrainierte Frau mit dunklen Haaren und energischen Gesichtszügen, gehört zu den schnellen Einsatzgruppen des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), die meist bei schweren Unfällen oder anderen "Großschadensereignissen" zum Einsatz kommen, um die professionellen Rettungskräfte zu entlasten.

Wie schon die Woche zuvor, wird sie auch an diesem Wochenende im Freilassinger Industriegebiet wieder acht bis zehn Stunden lang in einer ehemaligen Möbelhalle bereitstehen, wird mit den anderen freiwilligen Helfern den gesundheitlichen Zustand der eintreffenden Asylbewerber begutachten, kleinere Wunden und Hautabschürfungen versorgen oder bei grippalen Infekten das passende Hilfsmittel wissen.

Offizielle Vertreter des Freistaats, allen voran Sozialministerin Emilia Müller, sind voll des Lobes über Bayerns Asylhelfer. Es sei "wunderbar", was diese leisteten, ihnen gebühre "unsere große Wertschätzung und Anerkennung". Die warmen Worte kommen nicht von ungefähr: Ohne die vielen tausend freiwilligen Helfer in Bayern wäre es wohl längst zu einer humanitären Katastrophe gekommen - nicht nur entlang der Grenze zu Österreich, wo nun täglich Tausende Flüchtlinge eintreffen.

7490 Flüchtlinge

Allein am Donnerstag kamen 7490 Flüchtlinge von Österreich über die Grenze nach Deutschland. Am Mittwoch waren es knapp 6000 gewesen. Der Großteil, 4520 Menschen, reiste über die niederbayerischen Grenzübergänge bei Wegscheid, Neuhaus am Inn und Simbach sowie per Zug über den Passauer Bahnhof ein. 2950 Menschen kamen über Oberbayern. An den drei niederbayerischen Grenzübergängen warteten Freitagmorgen knapp 2000 Menschen auf ihre Einreise.

Warum das freiwillige Engagement so wichtig geworden ist

Eines ist klar: Das bürgerschaftliche Engagement fußt letztlich auch darauf, dass staatliche Stellen einer solchen Mammutaufgabe nicht gewachsen waren. Und die beginnt an Bayerns Grenzübergängen beim Reichen wärmender Decken und endet in den Gemeinden des Freistaats in ehrenamtlichen Integrationskursen oder in der Begleitung von Flüchtlingen bei der Wohnungs- und Jobsuche.

"Die Asylhelfer hier bilden eine noch nie da gewesene Bürgerbewegung", sagt Adi Hösle, der Leiter des Asylhelferkreises im schwäbischen Babenhausen. Hier kämen Menschen mit "enormen kreativen Potenzial" zusammen.

Da gebe es etwa Rentner, die sich zuvor mal abends im Garten zum Kartenspiel getroffen hätten, und die dann - als die Flüchtlinge kamen - ihr Grundstück geöffnet hätten, um mit ihnen gemeinsam den Garten zu kultivieren, Obst, Gemüse und Zierpflanzen anzubauen. "Dieses Projekt Weltgarten ist nun ein Ort der interkulturellen Kommunikation geworden", sagt Hösle.

Wie sich Helfer vernetzen

Hösle weiß aus eigener Erfahrung, dass die in Helferkreisen Mitwirkenden unglaublich viel Zeit und Kraft investieren. Oft auch Nerven, wenn sie etwa Asylbewerber bei Behördenbesuchen beistehen müssen. Aber sie bekämen viel zurück - längst nicht nur die Dankbarkeit der Asylbewerber.

"Unsere Gesellschaft war bis dato in einem gesättigten und paralytischen Zustand", sagt Hösle. Nun begännen die Leute etwa auch darüber nachzudenken, ob sie tatsächlich gute Kleidung in den Mülleimer werfen sollen, statt sie Menschen in Not zu geben. Auch BRK-Helferin Sara Wurzinger machte diese Erfahrung: Es entstehe eine neue Form von Zusammenhalt. "Die Zusammenarbeit mit allen anderen Helfern, das klappt wirklich gut", sagt sie. Das schweiße zusammen.

Wie viele Asylhelfer es in Bayern gibt, kann Hösle nicht sagen. Und das, obwohl "inzwischen alle Helferkreise miteinander vernetzt seien" - etwa über Facebook oder andere Kommunikationsnetzwerke wie WhatsApp und Doodle. Indes, die Unkenntnis über die genaue Zahl der Asyl-Initiativen eint den Babenhauser Künstler mit dem bayerischen Sozialministerium.

Warum die Landespolitik hinterherhinkt

Sozialministerin Müller kündigte am Freitag an, bis Ende 2016 insgesamt 500 000 Euro zur Verfügung zu stellen, um hauptamtliche Koordinatorenstellen für ehrenamtliche Asylhelfer zu fördern. Es gebe zwar bereits viele Asylhelfer - etwa für Sprachkurse oder Kleiderspenden. Doch da seien noch mehr Interessierte, "die gerne helfen würden, aber nicht wissen, wohin sie sich wenden können", sagt Müller. Diese bekämen mit den Koordinatorenstellen einen zentralen Ansprechpartner.

Auch hier hat die Wirklichkeit die Landespolitik weit hinter sich gelassen. Die Stadt Passau etwa hat längst eine Koordinationsstelle eingerichtet, kleinere Gemeinden, wie etwa Hebertshausen im Kreis Dachau, geben die Telefonnummern der Asylhelfer über ihre Gemeindeblätter weiter. Dorthin könne man sich wenden, wenn man selbst mithelfen wolle oder auch nur gebrauchte Fahrräder für die Flüchtlinge abzugeben habe.

Zumeist haben die örtlichen Helferinitiativen inzwischen selbst eine Internetseite - bisweilen perfekt gestaltet mit Anmeldeformular. Oder so wie etwa im oberbayerischen Eichenau: mit Ansprechpartnern, je nachdem, wie sich Interessierte einbringen wollen - etwa bei der Organisation von Sprachkursen, bei Patenschaften für Einzelpersonen oder Familien bis hin zur medizinischen Versorgung der Flüchtlinge.

Was die Helfer eint

"Die Struktur unserer Helferkreise ist sehr bunt und regional oft völlig unterschiedlich", sagt Adi Hösle. Das gelte auch für die politische Einstellung der Helfenden. Darunter seien Konservative ebenso wie Grüne oder Rote. "Was uns alle eint, ist die Überzeugung, diesen Menschen, die hier völlig allein gelassen ankommen, helfen zu müssen." Hösles Credo würde auch Sara Wurzinger unterschreiben, obwohl sich das BRK-System organisatorisch doch so völlig von den kleinen Helferkreisen unterscheidet.

Beim BRK funktioniert die Hilfe - vergleichbar einem Hochwasser-Einsatz - nahezu militärisch exakt durchgeplant. Doch Florian Halter, der den BRK-Hilfseinsatz am Brennpunkt Freilassing organisiert, stellt eines klar: "Keiner wird bei uns zum Dienst verdonnert. Wer helfen will, kann helfen."

Momentan greift das BRK nur auf eigenes Personal aus den Bereitschaften sowie der Wasser- und Bergwacht zurück, denn für die Arbeit ist eine Sanitäterausbildung unabdinglich. "Aber wir sagen anderen Hilfswilligen nicht: Aus, das war's!" Diese Leute, sagt Halter, würden zum Helferkreis "Freilassing hilft" weitergeleitet. Das Netz der Freiwilligen steht zusammen.

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Quelle:
SZ vom 07.11.2015/axi
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