Flüchtlinge in Bayern:Endlich Weihnachtsstimmung - dank Gefühlskälte

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Jahresrückblick 2015 - Bewegende Bilder

Flüchtlinge warten im November an der deutsch-österreichischen Grenze nahe Wegscheid auf ihre Einreise nach Deutschland.

(Foto: dpa)

Derzeit geht es viel um die Herzlosigkeit der Bethlehemiten, die ein Paar in Not nicht aufnehmen wollten. Aber klar: Das hat mit dem wahren Leben nichts zu tun.

Glosse von Franz Kotteder

Gerade um Weihnachten herum ist ja oft die Rede vom Umgang mit fremden Menschen, die Obdach suchen. Auch in Bayern versucht man seit vielen hundert Jahren, die Botschaft hinter der Weihnachtsgeschichte zu erkennen, aber sehr weit, so scheint's, ist man noch nicht gekommen.

Allüberall im Lande sitzen sie jetzt wieder in Pfarrsälen, Mehrzweckhallen, Wirtshaushinterzimmern und Stadttheatern und lassen sich von Enrico de Paruta oder wem auch immer die "Heilige Nacht" von Ludwig Thoma vorlesen. Da geht es viel um die Herzlosigkeit der Bethlehemiten, die ein Paar in Not nicht aufnehmen wollten, weil sie fürchteten, dass die Habenichtse ihnen auf der Tasche lägen. Aber klar: Das ist sentimentale Volkstümlichkeit und hat mit dem wahren Leben nichts zu tun. Denn bei uns ist das Boot ja voll (auch wenn im Jahr meist gleich viele Menschen aus- wie einwandern).

Und während der Klimawandel immer wärmere Winter bringt, versuchen manche, fehlende Minusgrade durch Gefühlskälte zu ersetzen. Im bayernweiten Krippenspiel macht derzeit Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt den Herbergsvater aus Bethlehem. "Es gibt kein Grundrecht für die ganze Welt auf ein besseres Leben in Deutschland", sagte er jetzt mit jener unnachahmlich feinsinnigen Argumentationskraft, wie sie sonst nur CSU-Generalsekretären gegeben ist. Während im Mittelmeer Flüchtende ersaufen oder in Grenzlagern auf dem Balkan frieren, tut ein christlicher Politiker so, als sei alle Welt nur unterwegs, um den Bayern ihre Hängematten streitig zu machen. Als sei Asyl nur ein anderes Wort für Luxus- und Lotterleben.

Bei all dem muss man noch froh sein, dass wenigstens der amtierende Generalsekretär Andreas Scheuer ein paar Tage lang nichts zum Thema sagt. Und wenn die CSU dieser Tage auf Facebook eine gute Nachricht verkünden will, dann kommt dabei nicht heraus: "Christ ist geboren!", sondern: "Bayern verdreifacht Zahl der Abschiebungen!"

Die ganzen Geschichten, die dahinterstehen, spielen freilich keine Rolle in dieser Weihnachtsgeschichte 2015. Aber das ist ja auch klar, denn würde man sich die anhören, dann würde man ja möglicherweise ahnen, welche Botschaft hinter der anderen, uralten Weihnachtsgeschichte so in etwa steckt.

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