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Flüchtlinge:Brücken nach Bayern

Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze

Ein Bundespolizist versucht Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze zwischen Salzburg und Freilassing aufzuhalten.

(Foto: Armin Weigel)

Täglich kommen Tausende Menschen zu Fuß nach Bayern - eine extreme Belastung für die Grenzorte. Jetzt fahren Sonderzüge, um Chaos zu verhindern.

Von Heiner Effern und Wolfgang Wittl, Freilassing/Simbach

Die Brücke ins ersehnte Land verfügt über vier Fahrspuren und zwei Bürgersteige. Auf diesen Fußwegen stehen sie nun am Donnerstagmittag in einem riesigen Knäuel aus Kindern, Frauen und Männern. Hunderte Flüchtlinge, erschöpft und doch voller Hoffnung, den letzten Schritt auf ihrer Reise zu tun. Hinter ihnen auf der Salzburger Seite sieht es aus wie nach einem Rock-Festival: Menschen liegen erschöpft am Boden, Müllsäcke stehen herum, ein einzelnes Zelt ist aufgebaut. Noch werden die Flüchtlinge von ein paar Bundespolizisten aufgehalten, sie warten direkt an der Grenze über dem Fluss Saalach, bis die Gruppe vor ihnen, die zur Abfertigung durchgelassen wurde, registriert worden ist. Schub um Schub erreichen Asylsuchende das Ufer in Deutschland.

Seit die Einreise in die Bundesrepublik wieder kontrolliert wird, erleben die Landkreise auf der bayerischen Seite der Grenze an den Hauptrouten, wie vor ihren Toren scheinbar ohne Ende Flüchtlinge auftauchen. Sie werden von Schleusern ausgesetzt oder steigen aus den Zügen, die die Grenze bei Salzburg seit Tagen nicht mehr passieren dürfen. Vom Salzburger Bahnhof und der Autobahn kamen am Montag etwa 2000 Asylsuchende nach Bayern, am Dienstag 6000, am Mittwoch 9100. Die Bundespolizei schafft es kaum, sie alle zu registrieren.

"Wir arbeiten bis zum Anschlag"

Längst sind es so viele, dass der Weitertransport an Kapazitätsgrenzen stößt. In Freilassing übernachteten auf Donnerstag etwa 1000 Menschen in einem früheren Möbellager und 300 in der Turnhalle der Realschule, die spontan in der Nacht von Landrat Georg Grabner (CSU) beschlagnahmt worden ist. Seit Montag funktionieren er und seine Mitarbeiter im Krisenmodus. "Es ist extrem beanspruchend für alle. Wir arbeiten bis zum Anschlag", sagt Grabner.

Flüchtlingsrouten nach Bayern. Zum Vergrößern bitte klicken. SZ-Grafik

Das gilt auch für die Bundespolizisten, die an der Grenze die Flüchtlinge kontrollieren, sie in Bussen weiter ins Möbellager bringen oder sie dort betreuen. "Physisch und psychisch sind die Tage enorm anstrengend", sagt einer in der Halle am Freilassinger Ortsrand. Hinter einem Absperrband drängen sich Flüchtlinge, die unbedingt weiter wollen. Raus aus der Halle, mit dem Bus zum Freilassinger Bahnhof und von dort mit einem Sonderzug irgendwohin nach Deutschland.

Am Nachmittag wird es leerer, es fahren gerade mehr Flüchtlinge ab als ankommen. Doch das kann sich schnell wieder ändern. Landrat Grabner hat schon eine weitere Halle gemietet. Der Freilassinger Bürgermeister Josef Flatscher (CSU) sieht seine Stadt vor einer Herausforderung, die sogar das fatale Hochwasser von Pfingsten 2013 in den Schatten stellt. "Doch wie lange soll das gehen?", fragt er. Bis die anderen EU-Staaten ihre Pflichten wieder übernähmen, sagt der bayerische Innenminister Joachim Herrmann abends auf der Saalach-Brücke. Der hatte sich kurz davor schon am Freilassinger Bahnhof mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière über die Probleme an der Grenze informiert. Endlich, sagen Flatscher und Grabner, sie hätten das ahnungslose Geschwätz von Politikern aller Parteien in Berlin schon nicht mehr hören können. Fast eine halbe Stunde stand de Maizière in einem Kabuff am Bahnhof und hörte aufmerksam zu. Draußen drängten sich derweil 500 Flüchtlinge am Bahnsteig, um in einen der Sonderzüge zu gelangen, die seit Tagen die Flüchtlinge in verschiedene Regionen Deutschlands bringen. Öffentlich gesagt hat de Maizière nur so viel: Alle würden hart arbeiten, die Verfahren würden schon schneller erledigt, und er habe Ideen, wie es noch schneller gehen könne. Dann posierte er mit ehrenamtlichen Helferinnen für ein Foto und lobt ihre Arbeit sowie die der Bundespolizisten. Die sind auch in Simbach am Inn, weiter nördlich an der Grenze nach Österreich, im Dauereinsatz. Zwei von ihnen begleiten am Nachmittag eine Gruppe Asylbewerber. Wie Erstklässler marschieren Syrer, Afghanen und Schwarzafrikaner hintereinander zu einem Bus, der sie in eine Erstaufnahmeunterkunft bringen wird. Die meisten haben ihr Hab und Gut in einem Rucksack verstaut.

Weiter hinten am Notquartier wartet bereits die nächste Gruppe. "Ziemlich ruhig" sei die Lage momentan, sagt Einsatzleiter Max Kirschner - er meint im Vergleich zur vergangenen Nacht. 800 Menschen wurden da in andere Unterkünfte gebracht, in Simbach herrschte "Land unter", wie ein Polizist sagt. Zwischen 1700 und 2000 Flüchtlinge seien seit Montag täglich über Brücken aus Österreich gekommen, berichtet Michael Fahmüller, Landrat von Rottal-Inn. 1000 allein im knapp 10 000 Einwohner großen Simbach. Übertragen auf München wären das 300 000 Flüchtlinge, sagt Fahmüller. Ein paar Kilometer flussabwärts, im 1750 Einwohner zählenden Ering, kamen zu Spitzenzeiten 700 Flüchtlinge. Das größte Problem sei der Weitertransport der vielen Menschen, sagt der Landrat. Wenn er an die ersten Stunden denkt, fällt ihm nur ein Wort ein: "Katastrophal".

Brandbrief an die bayerische Staatsregierung

Nur die Brücke über den Inn trennt Simbach und das österreichische Braunau. Am Donnerstag erinnert wenig an die Ereignisse der vergangenen Tage. Lediglich sechs Afghanen warten an einem Biertisch mit Bananen, Äpfeln und Keksen, bis sie von der Polizei ins Übergangsquartier begleitet werden. Ihr Ziel sei Schweden, sagt ein junger Mann. Anfang der Woche waren es noch Hunderte Flüchtlinge, die über die Brücke kamen. Die österreichische Lokalzeitung berichtete von einem "regelrechten Verkehrskollaps". An einem Tag war in Simbach Brot ausverkauft.

Es war die Phase, als Fahmüller sich Luft verschaffen musste, weil die da in Berlin nichts auf die Reihe brächten. So in der Art schrieb er es jedenfalls der bayerischen Staatsregierung. "Einen richtigen Brandbrief", sagt der Landrat. Den Inhalt behält er lieber für sich, zu deutlich sei die Wahl der Worte ausgefallen. Auch der Passauer Landrat Franz Meyer vermag seinen Zorn kaum noch zu verbergen. Am Mittwoch besuchte Thomas Oppermann, Chef der SPD-Bundestagsfraktion, den Landkreis Passau mit seinem Grenzübergang Neuhaus am Inn. Meyer gab ihm ein paar Zahlen mit auf den Heimweg, etwa dass Passau seinen Flüchtlingsjahresetat schon jetzt um fünf Millionen Euro überzogen habe und seit Monaten auf Hilfe vom Bund warte.

Am späten Donnerstagnachmittag hat sich die Situation in Niederbayern beruhigt. Jeweils 270 Flüchtlinge sind in den Notquartieren in Ering und Simbach untergebracht. In Neuhaus waren bis Mittag 30 Asylbewerber angekommen. Wann und wo die nächsten Flüchtlinge aufkreuzen, ist ein Ratespiel. Der Landkreis Rottal-Inn hat einen Krisenstab eingerichtet, man befindet sich nur noch eine Stufe unter dem Katastrophenfall. Ein Ende sei nicht in Sicht, sagt der Landrat.

© SZ vom 18.09.2015/mmo
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