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Bayern 2018:Vom Gefängnis ins Krankenhaus

Als Ahrun am Freitag vor der Abschiebung davon erfährt, so berichten es Dekan Slenczka und Ahruns Chef, verliert er die Kontrolle. Mit einer blutenden Kopfwunde wird er in ein Krankenhaus gebracht. Wie die Verletzung entstanden ist, darüber gibt es unterschiedliche Berichte. Laut Freunden hat Ahrun seinen Kopf gegen eine Glasscheibe geschlagen. Laut der Justizvollzugsanstalt Erding, wo Ahrun seit dem Montag in Abschiebehaft saß, ist der Grund nicht bekannt. In dem Haftraum seien keine Beschädigungen festgestellt worden, insbesondere keine beschädigte Glasscheibe, heißt es in einer Stellungnahme.

Ahruns Anwalt Sprung findet die Begründung des Regensburger Gerichts nicht schlüssig und stellt noch am Freitag eine Verfassungsbeschwerde mit Eilantrag. Das Gericht in Regensburg habe geurteilt, ohne Ahrun persönlich anzuhören. Ein Richter könne die Glaubwürdigkeit so gar nicht beurteilen, argumentiert Sprung. Er will eine erneute persönliche Anhörung erreichen und dafür die Abschiebung aussetzen lassen. Insgesamt 107 Seiten schickte er nach Karlsruhe. "Ich hatte ein gutes Bauchgefühl", sagt Sprung. Am Montag aber, dem Tag vor der Abschiebung, kommt die Absage. "Es war nur ein Einzeiler, in dem stand, dass die Beschwerde nicht zur Entscheidung angenommen wird."

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Zu der Zeit ist Ahrun bereits in einer Psychiatrie untergebracht. Trotz seiner Verletzungen soll er nach Afghanistan geflogen werden. Am Morgen vor der Abschiebung schlägt Ahrun seinen Kopf nach Aussage seiner Freunde wieder gegen eine Scheibe, verletzt sich selbst ein weiteres Mal. Slenczka und Nakhostin sprechen danach mit Ahrun am Telefon. Er klingt benommen, ist kaum ansprechbar.

Whatsapp-Nachricht vom Kabuler Flughafen

Das bayerische Innenministerium macht grundsätzlich keine Aussage zu einzelnen abgeschobenen Personen, "schon alleine, um das Recht der Betroffenen auf Schutz personenbezogener Daten zu respektieren", heißt es in einer Stellungnahme. Wie bei jeder Sammelabschiebung sei auch am 3. Juli ärztliches Personal anwesend gewesen. Gesundheitliche Gründe verhindern nicht zwingend eine Abschiebung, heißt es aus dem Ministerium.

"Jemanden aus der Psychiatrie abzuholen, der sich noch nie etwas zu schulden kommen lassen hat, eine Wohnung und eine Arbeit hat, seit acht Jahren hier lebt, ist überhaupt nicht nachvollziehbar", sagt Dekan Slenczka.

Am Mittwochmorgen, es ist der 4. Juli, bekommt Ahruns ehemaliger Chef Nakhostin eine Whatsapp-Nachricht von Ahrun. Er sei am Kabuler Flughafen und gerade zu sich gekommen. Er wisse nicht, wie er dort gelandet sei.

Nicht einmal bei dem Tod seines eigenen Vaters habe er so geweint wie in dem Moment, sagt Nakhostin.

Er versucht nun, Ahrun Geld zu schicken, aber weil Ahrun kein Konto hat, ist das nicht einfach. Auch juristisch ist der Fall noch nicht abgeschlossen, sagt Anwalt Sprung. Ahrun sei zwar asylrechtlich abgelehnt worden, aber nicht ausländerrechtlich. Laut Paragraf 25b können Ausländer nach acht Jahren in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis erhalten, wenn sie sich "nachhaltig in die Lebensverhältnisse der Bundesrepublik Deutschland integriert" haben.

Den entsprechenden Antrag hatte Ahrun bereits im Frühjahr gestellt. Einen ersten Brief zur schriftlichen Anhörung erhielt Sprung aber erst einen Tag vor der Abschiebung.

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