Asylpolitik "Ich war immer sehr leise, aber ich möchte nicht mehr so sein"

"Wenn ich weine, hilft das mir und meinen Eltern gar nichts", sagt Hong An Nguyen. Der Nürnberger Flüchtlingsrat rügt die lokale Ausländerbehörde.

(Foto: Dietrich Mittler / Mi.Pictures)

Kürzlich wurden ein vietnamesischer Regime-Kritiker und seine Frau aus Nürnberg abgeschoben, ihm soll in der Heimat soziale Isolation drohen. Seine Tochter, eine Pianistin, will kämpfen. Doch auch ihr Aufenthalt ist nicht sicher.

Von Dietrich Mittler, Nürnberg

Schon wieder ist er da, dieser Sog, den die 19-jährige Pianistin Hong An Nguyen kennt. Meist überkommt er sie dann, wenn das Publikum zu Beginn eines Konzerts applaudiert und sich danach bleierne Stille über den Saal legt. Viele Künstler berichten von extremer Anspannung, ausgelöst durch diesen Sog der an sie gestellten Erwartungen. Bei Yuja Wang, der chinesischen Star-Pianistin, ist der gar so stark, dass sie sagt: "Kurz vor den Konzerten erlebe ich jedes Mal den Untergang." Zweifel und Ungewissheit quälen aktuell auch Hong An Nguyen. Nur, jetzt hat sie andere Sorgen, als sich am Konzertflügel zu bewähren. Die 19-Jährige lebt in Nürnberg in einer Asylunterkunft. Kürzlich wurden dort ihre Eltern festgenommen, nach Vietnam abgeschoben. Nun soll Nguyen in eigener Sache in Dresden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) vorsprechen. Das gibt ihr Hoffnung, das macht ihr Angst.

Vor drei Wochen saß Nguyen am Konzertflügel und spielte Chopins Polonaise, As-Dur, Opus 53 - bekannt auch als "Héroïque". Diesen Auftritt widmete sie ihren Eltern. Auch da war sie zunächst da, diese bleierne Stille. Dann aber, nahezu explodierend, drang die Einleitung in strahlenden Klängen durch den Raum. Das Publikum erlebte die Kampfansage einer jungen Frau, die in Nürnberg jäh aus einer trotz allem behüteten Kindheit und Jugend gerissen worden ist. "Ich war immer sehr leise, aber ich möchte nicht mehr so sein", hatte Nguyen noch kurz vor dem Konzert gesagt. Sie werde jetzt lautstark die Umstände schildern, unter denen ihr Vater und ihre Mutter abgeschoben wurden.

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Nguyen lässt ihr junges Leben Revue passieren. 2015 war sie mit den Eltern nach Deutschland gekommen. Bis zu jenem 26. März 2019, als die Polizei vor der Tür stand, habe sie nicht viel anderes im Sinn gehabt, als Klavier zu spielen, zu studieren. "Das ganze Leben lang haben meine Eltern alles für mich gemacht, und ich hatte noch keine Chance, etwas für sie zu tun", sagt sie. Nguyen versucht, sich zusammenzureißen. "Wenn ich weine, hilft das mir und meinen Eltern gar nichts", sagt sie. Jetzt wolle sie "alle Möglichkeiten nutzen, Vater und Mutter nach Deutschland zurückzuholen".

Kurz darauf jedoch fällt diese brüchige Fassade in sich zusammen. Hong An Nguyen hatte gerade den Augenblick geschildert, als das laute Pochen einsetzte und der Vater den Beamten die Tür öffnete. "Ich fühle mich schuldig", bricht es aus ihr heraus, "ich war dabei, und ich konnte gar nichts machen." Nachts kommen traumatische Bilder hoch. Etwa, wie ihr Vater beim Anblick der Beamten in sich zusammensackte, wie er mit seiner braunen Lederjacke ins Polizeiauto einstieg. Auch Hong An hätte in diesem Auto sitzen sollen. Davor bewahrte sie nur die Tatsache, dass sie keinen gültigen Reisepass hatte.

"Es hätte immer eine Lösung gegeben"

"Mit diesen Umständen kommt sie allein gerade nicht gut zurecht", sagt die Landtagsabgeordnete Verena Osgyan, die den Fall aufmerksam verfolgt - wie auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Margarete Bause. "Aus welchen Gründen", so heißt es in ihrer Bundestagsanfrage, "wurden die Asylanträge des vietnamesischen Staatsangehörigen Nguyen Quang Hong Nhan und seiner Ehefrau Trinh Thuy Hanh durch das Bamf in Nürnberg abgelehnt?" Als Oppositioneller sei der Vater 1979 zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Ihm wurde vorgeworfen, Studenten zur Flucht verholfen zu haben. Ein profitgieriger Schleuser? "Quatsch", sagen seine Anhänger.

Alexander Thal, Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats in Nürnberg, kann seinen Zorn kaum verbergen. Der richtet sich insbesondere gegen die Nürnberger Ausländerbehörde. Hong Ans Vater sei als Menschenrechtsaktivist bekannt, wer schütze ihn nun in Vietnam noch vor möglicher Verfolgung? "Es hätte immer eine Lösung gegeben, der Familie eines Menschenrechtlers weiterhin Aufenthalt zu gewähren. Erst recht in der Stadt der Menschenrechte, die Nürnberg ja sein möchte", sagt Thal. "Die Abschiebung war eine Bamf-Entscheidung. Und die haben Ausländerbehörden zu vollziehen - grundsätzlich immer", betont indes Olaf Kuch, der Leiter der Nürnberger Ausländerbehörde. Es sei nun einmal Fakt: Das Bamf habe sowohl den Asylantrag als auch den Nachfolgeantrag der Familie abgelehnt, in zwei Gerichtsinstanzen sei diese Entscheidung bestätigt worden. Kurzum, die Familie sei "vollziehbar ausreisepflichtig" gewesen. Dass die Nguyens tatsächlich nach Kanada hätten ausreisen können, sei für ihn ein "Buch mit sieben Siegeln". Auf Nachfragen habe die Familie nicht reagiert.

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Augenblicklich ist vieles in der Schwebe, doch für Hong An könnte sich eine Wende abzeichnen. "Sie hat einen großen Unterstützerkreis", sagt Osgyan. Dazu zählen die Studierenden und Professoren der Hochschule für Musik Nürnberg. Sie richteten jenes Solidaritätskonzert für ihre Kommilitonin aus, das Nguyen mit der "Héroïque" eröffnen durfte. Hochschulpräsident Christoph Adt berichtete zuvor, er habe Innenminister Joachim Herrmann (CSU) auf den Fall angesprochen. "Er hat nicht nur Empathie gezeigt, sondern auch Ratschläge gegeben, die zu diesem Ergebnis geführt haben: Hong An ist die nächsten Monate sicher hier", sagte Adt. Im Moment werde daran gearbeitet "dass sie nicht nur die nächsten Monate sicher ist".

Zu den Unterstützern der jungen Frau gehört seit Kurzem auch The Bao Nguyen, der stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung vietnamesischer Flüchtlinge in Nürnberg und Mittelfranken. Er, nicht mit ihr verwandt, hatte Hong An unter dramatischen Umständen kennengelernt. "Ich rief sie in der Asyl-Unterkunft an, da ging sie noch ans Telefon", sagt er. Plötzlich sei die Verbindung "tot" gewesen. "Ich fuhr hin, die Security in der Unterkunft öffnete die Tür, und da lag sie bewusstlos am Boden." Seitdem steht für ihn fest: "Dieses Mädchen lassen wir nicht mehr los."

Durch Youtube-Auftritte der 19-Jährigen weiß nun die vietnamesische Community in ganz Deutschland vom Schicksal ihrer Familie. Das setzt Hong An Strömungen aus, von denen sie nicht einmal etwas ahnt. Tran Van Tich, der Ehrenvorsitzende des Bundesverbands der vietnamesischen Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland, etwa schrieb an Zeitungen zum Umgang mit den Nguyens: "Meinerseits bin ich zu der Auffassung gelangt, dass sich die Nürnberger bzw. bayerischen Behörden gesetzlich, korrekt und human verhalten haben." Er glaube auch nicht, dass Hong Ans Eltern in Vietnam "etwas Bedrohliches" erwarte. Andere Landsleute bewerten die Gefahrenlage vorsichtiger. Einige beschreiben indes auch das Misstrauen, mit dem Hong Ans Vater selbst Freunden begegnete, wie er gute Ratschläge in den Wind schlug und sich so beim Asylverfahren in Widersprüche verwickelt habe.

"Diese Erfahrung machen wir bei vielen traumatisierten Flüchtlingen", sagt Osgyan. Die Grünen halten sich nun vorerst zurück, die Lage sei "unübersichtlich". The Bao Nguyen aber ist sich sicher, Hong Ans Eltern drohe in Vietnam soziale Isolation: "Die werden da kein normales Leben führen können." Das sei schon nicht möglich gewesen, "als Nguyen Quang Hong Nhan 1996 aus der Haft entlassen wurde", durch stetige Verhöre und andere Schikanen. Und was die vietnamesische Community in Deutschland betreffe - durch sie gehe ein Riss. Es gebe Gruppen, "die vom kommunistischen Regime gesteuert werden". Hong An indes sagt: "Ich vertraue in Gott - sehr."

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