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Flasche statt Leitung:Weißenburg bangt ums Trinkwasser

Glasform hat Einfluss auf Geschmack von sprudelndem Mineralwasser

Wasser könnte man in Deutschland bedenkenlos aus der Leitung trinken. Trotzdem läuft das Geschäft mit Mineralwasser hervorragend - zumindest beim Abfüller in Treuchtlingen.

(Foto: Informationszentrale Deutsches Mineralwasser)

Treuchtlinger Mineralwasserfirma will ihre Fördermenge mehr als verdoppeln - mit ungewissen Folgen für die gesamte Region

Von Uwe Ritzer, Treuchtlingen

Im August 2018 dachte Günter Kutschera laut darüber nach, die Abfüllanlagen aus dem Treuchtlinger Stadtkern an den Stadtrand zu verlagern. Dafür stelle seine Firma aber "massive Bedingungen, die erst erfüllt werden müssen", sagte der Manager eines der größten deutschen Mineralwasserkonzerne. Was eher allgemein klang, hatte längst einen konkreten, aber auch brisanten Hintergrund. Denn das Unternehmen treibt Pläne voran, die enorme Folgen für Natur, Grundwasser und die öffentliche Wasserversorgung im südlichen Mittelfranken sowie in angrenzenden Regionen Schwabens und Oberbayerns haben könnten.

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung will die Firma Altmühltaler Mineralbrunnen, die zum Getränke-Imperium der Familie Schäff gehört, in Treuchtlingen künftig mehr als doppelt so viel Tiefengrundwasser entnehmen wie bislang. Zu den erlaubten 250 000 Kubikmetern jährlich sollen weitere 300 000 kommen. Das Vorhaben wird auf der Ebene der Behörden und der Kommunalpolitik seit einem Jahr vorangetrieben, ohne dass die Öffentlichkeit über Dimension und Details informiert wurde. "Wir wollten erst abwarten, was die Behörden entscheiden, und dann die Bevölkerung informieren", sagt Treuchtlingens Bürgermeister Werner Baum. Mit anderen Worten: dann, wenn alles gelaufen ist und Protest zu spät käme.

Das Schweigen kommt nicht von ungefähr, denn Bürgermeister und Stadtrat helfen dem Unternehmen tatkräftig. Die 300 000 Kubikmeter sollen aus einem ungenutzten städtischen Brunnen kommen, den die Komme an Altmühltaler verpachten will. Im Genehmigungsverfahren tritt pikanterweise auch nicht die Firma, sondern die Stadt als Antragstellerin auf. Die tatsächlichen Verhältnisse schienen nicht einmal einem Gutachter klar gewesen zu sein, der in seiner Expertise fälschlicherweise schrieb, die Stadt wolle den Brunnen "zur Absicherung ihrer Trinkwasserversorgung" in Betrieb nehmen.

Die freundliche Hilfe der Kommune erklärt sich durch den Umstand, dass die Getränkefirma einer der größten Arbeitgeber am Ort ist. Zudem sehen die Kommunalpolitiker "eine Riesenchance", wie Bürgermeister Baum sagt. Der geplante Umzug der Abfüllanlagen würde mitten in der Stadt zwei Hektar Fläche freimachen, "die wir dann städtebaulich entwickeln könnten", so Baum. "Außerdem würde durch die Verlagerung massiver Transportverkehr aus der Innenstadt verschwinden."

Die neue Abfüllanlage soll neben einem Logistikzentrum entstehen, das Altmühltaler 2018 eröffnet hat. 35 Millionen Euro hat es gekostet; nun lockt das Unternehmen mit weiteren 65 Millionen Euro Investition. Aber nur, wenn man auch mehr Grundwasser fördern dürfe. Eine SZ-Anfrage ließ die Firma unbeantwortet.

Die Nachbarstadt Weißenburg verfolgt die Pläne mit großem Argwohn. Sie fördert etwa 40 Prozent ihres Trinkwassers aus eigenen Tiefenbrunnen in unmittelbarer Nähe, die aus denselben Grundwasserschichten schöpfen wie der Mineralwasserhersteller. Entsprechend warnt Oberbürgermeister Jürgen Schröppel "vor negativen ökologischen oder geologischen Folgen". Die öffentliche Wasserversorgung dürfe "nicht ansatzweise in Gefahr geraten und muss klar Vorrang haben vor den Profitinteressen eines Unternehmens", sagt er. "Ich erwarte, dass die zuständigen Behörden das auch so sehen." Durch die bestehenden Brunnen werde "sehr behutsam Grundwasser entnommen", so Schröppel. Er könne sich jedoch "nicht vorstellen, dass das noch der Fall ist, wenn künftig mehr als das Doppelte entnommen wird."

Eine Vorentscheidung könnte noch vor Ostern fallen, wenn sich das zuständige Wasserwirtschaftsamt in Ansbach äußert. "Wir werden voraussichtlich weitere detaillierte Untersuchungen vor Ort verlangen", sagt Behördenleiter Thomas Keller. Im Gespräch ist ein Probebetrieb bis 2025. Aber: Investiert eine Firma 65 Millionen Euro wenn sie befürchten muss, dass nach 2025 die Fördermenge drastisch gekürzt wird? Oder werden so durch die Hintertür langfristig Fakten geschaffen? "Eine befristete Genehmigung ist kein Freifahrtschein, das wurde dem Antragsteller auch ganz klar mitgeteilt", sagt Keller.

Für die eigentliche Genehmigung ist das Landratsamt zuständig. "Wenn das Wasserwirtschaftsamt einen Probebetrieb befürwortet, wird es wohl darauf hinauslaufen", sagt Landrat Gerhard Wägemann. Spannend wird die Stellungnahme allein deshalb, weil das Wasserwirtschaftsamt selbst bereits 2005 vor einer "fortschreitenden, nicht reversiblen, schädlichen Veränderung" des "bislang unbeeinflussten, gut geschützten, fossilen Grundwasserkörpers" gewarnt hat. Die Entnahme von 250 000 Kubikmeter durch Altmühltaler sei "gerade noch vertretbar", hieß es.

© SZ vom 11.04.2019

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