Süddeutsche Zeitung

Bayerischer Mythos:"Sie lebte überaus frei - erst als schönes Mädchen, später als gestandene Patriarchin"

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Die Volkskundlerin Ulrike Tress hat ein Buch über die Fischerlisl vom Schliersee geschrieben. Auf die Idee brachte sie ein uraltes Bild, das sie in einer dunklen Museumsecke fand.

Von Hans Kratzer, Schliersee

Schon seit altersher wird die Stadt München für den Liebreiz ihrer Frauen gerühmt. Vor mehr als 200 Jahren schwärmte der Aufklärer Johann Pezzl: "Ich habe noch nirgends so viele schöne Weiber und Mädchen auf einem Haufen beisammen gefunden!" Und auf deren Wangen sah er sogar Lilien und Rosen blühen. Die allerschönsten Mädchen aber dürften seinerzeit im Oberland gelebt haben, wo die frische Luft und die körperliche Arbeit die weiblichen Gesichter ganz zauberhaft erstrahlen ließen. Es hatte ja seinen guten Grund, dass so viele Maler nach Miesbach, Schliersee und Tegernsee eilten, um diese lebensfrohen Prachtfrauen zu porträtieren. Was wiederum die Damen der Münchner Schickeria animierte, sich stilistisch an ihnen zu orientieren und die einst belächelte Bauerntracht als Freizeitkleidung zu tragen.

Eine, die das von Reiseschriftstellern beschriebene Ideal der "Schönen vom Oberland" herausragend verkörperte, war die Sängerin Elisabeth Eglgraser (1790-1865), die als Fischerlisl Berühmtheit erlangen sollte. Im Heimatmuseum in Schliersee hängt das Schild ihres Wirtshauses aus dem Jahr 1822. Darauf prangt der Schriftzug "Zur Fischer Lisl. Ala Donna del Lago".

Der Volkskundlerin Ulrike Tress fiel dieses Schild erstmals auf, als sie im Schlierseer Heimatmuseum Aufsichtsdienst hatte. Die gemalte Szene auf einer Holztafel im Halbdunkel des Dachraums habe sofort ihre Aufmerksamkeit erregt, erinnert sie sich. Im Mittelpunkt des Bildes ist eine junge Frau in Schlierseer Tracht zu sehen. "Dieses Motiv faszinierte mich, denn das Mädchen rudert zwei Männer, einen mit Gitarre, den anderen mit einer Malermappe über den See", sagt Tress. Und nicht nur das: "Die jungen Leute wirken, als feierten sie einen Triumph über Moralvorstellungen sowie über die Sorgen und Pflichten des Alltags."

Erstaunlich ist vor allem das Frauenbild, das hier in der Zeit des konservativen Biedermeier zum Ausdruck kommt. Tress fragte sich, wie es zustande kam, und wer diese Frau auf dem Bild eigentlich war. Das weckte ihren wissenschaftlichen Ehrgeiz, auch wenn die Quellenlage dünn war und die Recherchen sich als zäh erwiesen. Das Vorhaben, alles über diese Frau herauszufinden, zog sich viele Jahre lang hin, aber es hat sich gelohnt. Denn jetzt konnte Tress im Eigenverlag eine inhaltlich reiche, sehr schön gestaltete und auch spannende Biografie vorlegen, in der die Autorin anschaulich herausarbeitet, warum die Fischerlisl als eine Ikone Bayerns gilt.

Im Jahr 1822, in dem das Bild vollendet wurde, betrieb Elisabeth Schrädler, seit 1818 verheiratete Eglgraser, mit ihrem Mann ein Wirtshaus am Schliersee. Die Szene sei als ein Rückblick auf das freie Leben ihrer Jugendzeit zu sehen, sagt Tress. Dass sie und nicht die Männer rudern, sei nicht ungewöhnlich. Als Tochter eines Fischers war sie es gewohnt, mit dem Kahn übers Wasser zu stangeln. Dass auch Frauen eine solche Arbeit erledigten, stellte vor allem für die Männer aus der Stadt ein Faszinosum dar.

"Die Fischerlisl verkörperte das Bild einer starken, freien Frau aus dem Volk, die der traditionellen Rolle ihrer Zeit nicht entsprechen wollte", sagt Tress. Aus der sangesfreudigen "Donna del Lago" entwickelte sich eine emanzipierte Wirtin, die zum Vorbild für manch andere Liesl oder Kathi wurde. Auf dem Königssee bei Berchtesgaden beförderte die schöne "Schiffer-Cathy" angeblich sogar den bayerischen König. Die Fischerin vom Chiemsee wiederum brachte so manchen Künstler an die schönsten Ecken des Sees. Selbst auf dem Münchner Oktoberfest erinnern die Namen großer Festzelte wie Schützenliesl und Fischervroni an die von der Fischerlisl gestiftete Tradition.

Apropos München. Die 1790 geborene Elisabeth kam schon als junges Mädchen öfter in die Residenzstadt, um dort die Dulten zu besuchen. Dass ausgerechnet sie das Ideal des Landlebens verkörperte, war laut Tress kein Zufall. Sie war schön und begabt, und als Tochter des Hoffischers Schrädler genoss sie durchaus eine gehobene Stellung.

Junge Künstler malten sie, Dichter besangen sie, Literaten beschrieben sie. So formte sich das öffentliche Bild der Fischerlisl, die zur selbstbewussten und unabhängigen Wirtin und Frau wurde. "Sie lebte überaus frei - erst als schönes Mädchen, später als gestandene Patriarchin", sagt Ulrike Tress. Scharen von Gästen besuchten sie in ihrem Gasthaus, darunter auch der erste bayerische König Max I., alle wollten sie aus der Nähe sehen. Dank der 1803 in München entwickelten Drucktechnik der Lithografie fanden ihre Porträtbilder rasch Verbreitung. Nur König Max II. war weniger von ihr angetan. Wie es heißt, sei er bei seinem Besuch geflüchtet, nachdem ihm die gealterte Fischerlisl mit ihrer Umarmung und ihren Geschichten zu nahe getreten war.

Die Entstehung des Mythos Bayern förderte auch der Hofmaler Joseph Karl Stieler, ein Jugendfreund der Fischerlisl. Das "Bildnis Lieserl vom Tegernsee", das heute im Wright Museum in Wisconsin hängt, hatte er ursprünglich für die Schönheitengalerie König Ludwigs I. gemalt. Ulrike Tress hält es für möglich, dass er dabei die Fischerlisl vom Schliersee vor Augen hatte.

Ulrike Tress: Die Fischerlisl vom Schliersee. Ikone des Mythos Bayern. Eigenverlag 2022, 28 Euro.

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