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Fischen:Ab auf die Piste

Nach dem Schneechaos wollen die Leute im Oberallgäu jetzt die schönen Seiten des Winters genießen

Plötzlich zeigt sich die Natur von der schönsten Seite. Am Dienstagvormittag reißt im Oberallgäu unvermittelt der Himmel auf, die Sonne lässt den Schnee in prachtvollem Weiß leuchten. Von Sonthofen bis Oberstdorf und hinauf zu den Gipfeln der Berge rundum. Ein bemerkenswerter Kontrast im Vergleich zu den Tagen zuvor. Da bereiteten die enormen Schneefälle in der Gegend um Balderschwang erhebliche Probleme. Die Gemeinde mit dem auf gut 1000 Metern am höchsten gelegenen Ortskern in Deutschland war abgeschnitten von der Außenwelt. Weder auf der Passstraße in Richtung Deutschland konnte sie erreicht werden, noch auf der Route über Bregenz am Bodensee. Mehr als 1100 Menschen, knapp 400 Einheimische und viele Urlauber, saßen fest. Und eine Lawine erwischte den Ort. Doch nun: eitel Sonnenschein, Skifahrwetter! Feuerwehrmann Josef Madarnas aus Fischen am Fuße der Passstraße kann sich entspannt zurücklehnen nach seinem schweren Einsatz im Bergdorf. Balderschwangs Bürgermeister Konrad Kienle ist erleichtert, dass das Schneechaos keine Opfer forderte und die Passstraße vermutlich an diesem Mittwochmorgen wieder befahrbar sein wird. Und die deutsche Meisterin im Freestyle im Jahr 2017, die 20-jährige Lena Mayer, kann endlich wieder zurück auf die Piste, um ihre akrobatischen Sprünge zu üben.

Am Wochenende war daran noch nicht zu denken. Nicht nur der Pfarrer von Balderschwang, Richard Kocher, wurde vom Lawinendonner geweckt, als sich, wie die örtliche Lawinenkommission rechtzeitig vorhergesagt hatte, ein Schneebrett auf 300 Metern Breite löste und in das Hotel Hubertushof rauschte. Fenster und Terrassentüren im Wellnessbereich wurden eingedrückt, ebenso die Fensterscheiben bei drei Gästezimmern. Die rund 60 Gäste waren zum Glück zuvor in die Jugendherberge umquartiert worden.

Nikole Mayer, Andreas Bucher und Lena Mayer (v.li.) sind am Dienstag die ersten auf der Piste.

(Foto: Christian Rost)

Feuerwehrmann Madarnas, gebürtiger Spanier und seit 30 Jahren in Fischen zuhause, war als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr bei dem Einsatz in Balderschwang dabei. Gut 1,60 Meter Schnee hätten oben am Berg gelegen, im Tal nur 70 Zentimeter. "Es war wie in Sibirien", sagt der 47-jährige Familienvater. Tatsächlich wird Balderschwang wegen seines alljährlich wiederkehrenden Schneereichtums "Bayrisch-Sibirien" genannt. Schneehöhen von einem Meter sind üblich in dem Ferienort. Doch in diesem bemerkenswerten Winter wurden Spezialisten wie Madarnas gebraucht, um die Schneemassen von Hausdächern zu bekommen, ehe sie einzubrechen drohten. Der Mann ist Bauspengler und das Arbeiten in der Höhe gewohnt. Nach Stunden des Schuftens saßen er und seine Mitstreiter dann abends mit Bürgermeister Kienle zusammen. "Erschöpft, aber zufrieden und ausgelassen" sei die Stimmung gewesen, sagt Kienle.

Der Bürgermeister ist auch Hotelier, und tiefenentspannt, wenn es um das Thema Schnee geht. Die Gäste in seinem Hotel Adlerkönig konnten, wenn sie wollten, von Montag an in Begleitung von Rettungskräften und mit Schneeketten an ihren Fahrzeugen den Ort verlassen. Viele wollten das aber gar nicht. 60 Gäste trotzten dem Schnee und können nun die Winterlandschaft genießen. In den kommenden Tagen soll es kaum mehr Niederschlag geben, dafür viel Sonnenschein an den Alpen. Zuletzt hatte es Mitte der Fünfzigerjahre so ein Schneechaos in Balderschwang gegeben. Damals hatte eine Lawine die Kirche getroffen.

Feuerwehrmann Josef Madarnas hat jetzt mal Pause.

(Foto: Christian Rost)

Als erste stehen am Dienstag, nachdem sich die Wolken verzogen haben, Lena Mayer mit ihrem Freund Andreas Bucher, 25, und ihrer Mutter Nikole Mayer, 49, am Skilift in Fischen auf der Piste. Während oben in Balderschwang und im benachbarten Oberstdorf noch die Hubschrauber unterwegs sind, um Lawinen zu sprengen, genießt Lena Mayer ihren schulfreien Tag mit ihrem Freund, dem Studenten Bucher. Er filmt die Sprünge seiner Freundin über eine eigens aufgeschüttete Schanze. Die Sportler interessieren sich nicht für die Schneemenge der vergangenen Tage, sondern ausschließlich für die Qualität. Momentan sei er noch schwer und pappig, sagt Mayer. Das hält sie aber nicht davon ab, ins Gelände zu gehen.

Der Bürgermeister in Balderschwang kümmert sich derweil wieder um seine Gäste. Die, die in den schwierigen Tagen geblieben seien, hätten sich vorbildlich verhalten und die Anweisungen der Rettungskräfte befolgt, lobt er. So war es den Gästen nur gestattet, kurz auf dem Dorfplatz spazieren zu gehen. Den überwiegenden Teil ihrer Zeit hätten sie aus Sicherheitsgründen im Hotel verbringen müssen. Bei Wellness ließ es sich aber auch dort gut leben. Nach den kontrollierten Lawinensprengungen öffnen schrittweise die umliegenden Skigebiete wieder, bis hinein ins Kleinwalsertal. Jetzt könne die Wintersaison jetzt so richtig beginnen, sagt Bürgermeister Kienle.

© SZ vom 16.01.2019
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