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Bayerischer Wald:Grenzenloser Naturschutz

In den milden Wintertagen verwandelt die Sonne die Landschaft zwischen Bayerischem Wald und Šumava in ein eindrucksvolles Naturerlebnis.

(Foto: Rainer Simonis)

Der Nationalpark Bayerischer Wald und in Tschechien der Šumava gelten als das grüne Dach Europas. Und doch handelt bislang jeder für sich. Die beiden Chefs, ein Biologe und ein Geograf, wollen das grundlegend ändern.

Von Christian Sebald, Finsterau

Der Siebensteinkopf ist ein unscheinbarer Bergrücken im Südosten des Nationalparks Bayerischer Wald. Doch auf dem 1263 Meter hohen Gipfel hat man einen ausgezeichneten Fernblick. Gleich gegenüber, hinter der Grenze zu Tschechien, erhebt sich der 1308 Meter hohe Stráž (Postberg) mit seinen dunklen Fichtenwäldern, links daneben der Černá Hora (Schwarzberg), auf dem Stürme und Borkenkäfer gewütet haben.

Im Tal dazwischen entspringt die Moldau. Die Quelle haben die Tschechen in Stein gefasst. Zu Tausenden pilgern sie zu ihr. Vom Moldauursprung ist es nicht weit nach Bučina (Buchwald). Das alte Bauerndorf wurde vor 70 Jahren abgerissen und ist heute eine Wüstung. Der Stráž, der Černá Hora, die Moldauquelle und Bučina liegen ebenfalls in einem Nationalpark - im Národni park Šumava, im tschechischen Nationalpark Böhmerwald also. Der Šumava, wie die Einheimischen kurz sagen, ist mit 68 062 Hektar Fläche fast dreimal so groß wie der Nationalpark Bayerischer Wald.

Das größte Waldgebiet Mitteleuropas

Es ist so eine Sache mit den beiden Nationalparks. Zwar grenzen sie auf gut 40 Kilometer Länge direkt aneinander. Als das "Grüne Dach Europas", wie sie auch genannt werden, sind sie das größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas. Und natürlich hat die Region, die einst auch in Bayern Böhmerwald hieß, eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte - unterbrochen nur von der Zeit des Eisernen Vorhangs.

Aber die beiden Nationalparks lebten bisher mehr oder weniger nebeneinander her. Es gab sogar Perioden, in denen sie sich voneinander abschotteten. "Da wussten wir nicht, wie ernst die Tschechen den Naturschutz nehmen", sagt Franz Leibl. Der 58-jährige Biologe ist Nationalpark-Chef auf bayerischer Seite. "Es gab Zeiten, in denen sie die Standards so zurückfuhren, dass es richtig schwierig war."

Dazu muss man wissen, dass die Nationalparks die meiste Zeit höchst umstritten waren - hüben und drüben. Noch jetzt haben viele Einheimische kein Verständnis dafür, dass in Nationalparks die Natur Natur sein darf und keiner einschreitet, wenn ein Sturm Zigtausende Bäume umreißt, der Borkenkäfer die übrigen Fichten tötet und auf den Kahlflächen erst Jahre später urwüchsiger Wald nachwächst. "Kaputtgeschützt" titelte die Lokalpresse lange über den Bayerischen Wald, die Einheimischen sprachen von "Europas größtem Waldfriedhof". Der Widerstand gegen den Nationalpark Šumava, der 1991 entstand, war sogar noch stärker als der gegen den Nationalpark Bayerischer Wald. Er reichte weit in die tschechische Staatsverwaltung und Regierung hinein. In Bayern standen immerhin die Beamten und die Staatsregierung stets fest zu ihrem inzwischen 45 Jahre alten Nationalpark.

Bedrohte Arten in der Wildnis

Dabei ist auch der Šumava ein Naturjuwel. Da ist der 1378 Meter hohe Plechý (Plöckenstein), der höchste Berg des Nationalparks. An seiner Nordostseite fällt die Seewand 211 Meter tief zum Plešne jezero (Plöckensteiner See) hinab. Über ihr thront das Adalbert-Stifter-Denkmal. Der 14,5 Meter hohe Obelisk wurde 1877 in Erinnerung an den Böhmerwald-Dichter errichtet. Oder der Polednik (Mittagsberg). Auf dem 1315 Meter hohen Gipfel herrscht ein so raues Klima, dass oft noch im Juni Schnee liegt. Gleichwohl drängen sich dort oben die Besucher. Der Grund ist der 37 Meter hohe Aussichtsturm, der einst als Abhörstation aufgestellt worden war.

Der Šumava ist besonders reich an Mooren und Filzen. Das Chalupská slať (Großer Königsfilz) ist ein besonders prächtiges. In ihm liegt der größte Moorsee Tschechiens. Auf seinen schwimmenden Inseln wachsen der Rundblättrige Sonnentau, dessen Blüten sich nur bei viel Sonnenschein öffnen, und die rosafarbene, hochgiftige Rosmarinheide. Die Modravské slatě (Maderfilze) sind mit ihren gut 3600 Hektar Fläche das größte Moorgebiet des Šumava, sie erstrecken sich in einer Höhenlage von 1000 bis 1368 Meter zum Grenzkamm nach Bayern hin. In ihnen lebt die größte Birkhuhn-Kolonie weit und breit. Die Art ist so bedroht, dass die Modravské slatě komplett gesperrt sind für Besucher.

Die Nationalparks für die Besucher aus dem anderen Land öffnen

Die Nationalparks grenzen über viele Kilometer aneinander. (SZ-Grafik)

Anders als der Nationalpark Bayerischer Wald war der Šumava bis weit ins 20. Jahrhundert relativ dicht besiedelt. Zwar hatten die Orte oft nur hundert oder etwas mehr Einwohner. Aber mit ihren Bauernhöfen, den Wiesen und Weiden prägten sie die Grenzlandschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Dörfer abgesiedelt. Die deutschen Bewohner wurden nach Bayern vertrieben, die tschechischen ins Hinterland.

Häuser, Höfe und Kirchen wurden zerstört. Gleichwohl drücken sie immer noch dem Land ihren Stempel auf. In Bučina und den vielen anderen Wüstungen muss man nur genau hinsehen, um im hohen Gras alte Fundamente zu erkennen, dazu die langen Steinriegel, mit denen die Dörfler die Weiden abgrenzten. Es ist diese besondere Mischung aus wilder Waldnatur und alter Kulturlandschaft, die den Šumava zu etwas Besonderem macht.

Den Naturschutz im Park ernst nehmen

Pavel Hubený ist dem Šumava tief verbunden. Der 52-jährige Geograf, der mit seiner jungen Frau und den beiden kleinen Kindern mitten im Wald in einem einsamen Forsthaus lebt, arbeitet seit mehr als 20 Jahren im Nationalpark. Vor Kurzem wurde er an seine Spitze berufen. "Mit Hubený hat sich auf einen Schlag alles zum Positiven gewendet", sagt Franz Leibl. "Er ist der erste, der richtig ernst macht mit dem Naturschutz im Šumava." Tatsächlich hat Hubený bereits einen Nationalparkplan vorgelegt, der die nächsten 15 Jahre gelten soll: "Er garantiert, dass unsere Naturschätze langfristig erhalten bleiben."

Aber nicht nur das. Leibl und Hubený streben eine enge Zusammenarbeit an. Natürlich zu allererst beim Naturschutz. Er soll nun nicht mehr an der jeweiligen Staatsgrenze aufhören. Auch in der Forschung wollen sie gemeinsame Projekte starten, egal ob über die Luchse in der Region oder den Klimawandel. Vor allem aber wollen Leibl und Hubený ihre Nationalparks sehr viel stärker für Naturliebhaber aus dem jeweils anderen Land öffnen. Dazu planen sie ein Netz aus grenzüberschreitenden Wegen, Lehrpfaden und allerlei naturkundlichen Stationen.

Pilotprojekt über Grenzen hinweg

So wie am Siebensteinkopf. Dort haben die Nationalparks schon vor einiger Zeit "Wege durch Natur und Zeit" markiert - als Pilotprojekt sozusagen. So führt auf deutscher Seite ein Pfad den Reschbach entlang hinauf in Richtung Siebensteinkopf, wo ein wilder Wald wächst, voller abgestorbener, ergrauter Fichten, die wie knochige Finger in den Himmel ragen. Dazwischen kommen schon die jungen Bäume nach. Einige sind erst kniehoch, andere reichen einem schon über den Kopf hinaus. Sie bilden ein schier undurchdringliches Dickicht, durch das man nur den nahen Reschbach rauschen hört.

An einer Gabelung zweigt der Steig auf den Siebensteinkopf ab. Der eigentliche Pfad folgt ein kurzes Stück der tschechischen Grenze. Dann biegt er scharf nach links ab, hinüber zum Moldau-Ursprung. Wenig später hat man die Wahl - entweder man wandert weiter in Richtung Moldauquelle oder hinüber nach Bučina. Die Wüstung ist in diesen milden Wintertagen ein eindrucksvolles Erlebnis - vor allem spätnachmittags, wenn die Sonne glutrot am Horizont untergeht und in der beginnenden Dunkelheit auf einen Schlag Nebelschwaden über die Wiesen ziehen.

© SZ vom 31.12.2015/vewo
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