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Festakt:Ein Krachjuchee auf die Verfassung

Zum Verfassungstag ertönten vor dem Landtag Salutschüsse der Weihnachtsschützen aus Berchtesgaden.

(Foto: Rolf Poss)

Bei einer Feier im Landtag wird die "entscheidende und alles umfassende Grundlage unseres Staates" gewürdigt

Die Woche fängt ja gut an, wird so mancher Münchner am Montagfrüh geraunzt haben, nachdem die Berchtesgadener Weihnachtsschützen die in Landtagsnähe lebenden Menschen aus allen Träumen gerissen hatten. "München ist jetzt wach", konstatierte auch Landtagspräsidentin Ilse Aigner, die ja die Böllerschützen selber in den Landtag eingeladen hatte, damit diese den Bayerischen Verfassungstag 2019 mit einem Krachjuchee eröffnen und obendrein alles Böse aus dem Hohen Haus vertreiben sollten.

Nach altem Brauch lassen es die Bayern bei bedeutenden Anlässen anständig krachen. Im Vorjahr, als der Verfassungstag in der Residenz abgehalten wurde, legte die dortige Verwaltung jedoch ein Lärm-Veto ein. Die Feier verlief still. Dieses Jahr aber pochte Ilse Aigner als Landtagspräsidentin auf ihre territoriale Hoheit und ließ die Schützen mit ihren Böllern einen festlich-lauten Rahmen zum Verfassungstag setzten, der unter Federführung des Vereins Bayerische Einigung gefeiert wird. "Das Böllerschießen werden wir weiter pflegen, jedenfalls solange ich hier das Sagen habe", merkte Aigner energisch an.

Der Verfassungstag wird seit 1967 alljährlich am 1. Dezember begangen, und zwar in Erinnerung daran, dass sich das bayerische Volk am 1. Dezember 1946 selber eine Verfassung gegeben hat. Nun sind die Zeiten wieder ähnlich unruhig wie damals, weshalb die Festivität im Landtag zurecht unter einem drängenden Thema stand: "Der Bildungsauftrag der Bayerischen Verfassung. Bollwerk gegen Rassismus, Antisemitismus und Hass."

Der Rechtsanwalt Florian Besold, als Präsident der Bayerischen Einigung die treibende Kraft der Verfassungsfeiern, stellte überdies die Überlegung in den Raum, den Verfassungstag zum gesetzlichen Feiertag zu erklären. "Immerhin", fuhr er fort, "würdigen wir an diesem Tag die entscheidende und alles umfassende Grundlage unseres Staates." Brisanz erhält das Ganze durch die "gesellschaftlichen Friktionen, die uns unruhig stimmen müssen", wie Besold Bundeskanzlerin Angela Merkel zitierte. Umso nachdrücklicher warb er für eine schulische Bildungsarbeit auf der Basis der Bayerischen Verfassung. Nicht der Umgang mit digitalen und medialen Möglichkeiten müsse im Mittelpunkt stehen, sondern eine Bildung, die zu kritischem Umgang im Sinne des Würdebegriffs der Verfassung mit diesen enormen technischen Möglichkeiten befähige. Grundsätzlich soll der Verfassungstag ein tieferes Bewusstsein für die Bedeutung dieser Verfassung schaffen. Darauf zielte auch die Festrede des früheren Kultusministers Hans Maier ab. Der Abschnitt Bildung und Schule sei mit 14 Artikeln einer der längsten der Verfassung, sagte er, und er enthalte einige der meistzitierten Formulierungen, etwa den Satz, dass die Schulen "nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden". Die Bildungsartikel seien oft belächelt und satirisch gewürdigt worden, aber für Maier weisen sie trotzdem deutlich in die Zukunft, indem sie Tugenden wie Selbstbeherrschung, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsgefühl einforderten. Demokratie sei nicht naturgegeben, sagte er. "Sie muss immer wieder hergestellt werden." Gerade für die jetzige Generation, die nach den Worten Aigners so gesegnet ist wie keine davor. Und doch erlebe man eine eklatante Verrohung der Debatten. "Wir brauchen mehr Maß und Mitte", sagte Aigner.

Die Bayerische Volksstiftung und die Staatsregierung verliehen zudem den Verfassungspreis "Jugend für Bayern", der an die Redaktion Junge Talente Augsburg ging. Sie bietet in ihrem Programm grundsätzliche Informationen zu Gesellschaft und Politik in Bayern und Europa an. Den Anerkennungspreis der Volksstiftung bekam das international angesehene Henschel-Quartett.