Süddeutsche Zeitung

Fernseh-Interview:Warum Gloria sich vor Flüchtlingen fürchtet

Bayern vor dem Dritten Weltkrieg - oder wieso die Bürger froh sein können, dass der Adel im Land nichts mehr zu melden hat.

Ein oder zwei Jahre ist es her, da bestand noch Hoffnung. Gloria von Thurn und Taxis saß in einem Zugabteil, war auf dem Weg von Regensburg nach München und las ein Buch mit dem Titel "Die Kunst des stilvollen Mitredens". Und weil der Mensch ein lernfähiges Wesen ist, war man als Beobachter geneigt, der selbst ernannten Fürstin noch eine Chance zu geben. Vielleicht hat sie es ja wirklich gecheckt, dachte sich der Beobachter damals im Zug. Und weil der Beobachter danach lange nichts von der selbst ernannten Fürstin hörte, hat er kurz überlegt, ob er dem Autor des Buchs eine Dankeskarte schickt - Betreff: "Respekt, Alter!" oder "Wie hast du das denn hingekriegt?!" oder so ähnlich. Inzwischen weiß der Beobachter, dass die Idee mit der Dankeskarte ziemlich naiv war.

"Genießen Sie das Golfspielen, solange es noch geht"

Nachdem Gloria von Thurn und Taxis ihre Meinung über Flüchtlinge bereits im Oktober den Mitgliedern eines Golf-Clubs mitgeteilt hatte ("Die Sicherheit, die wir gewöhnt waren, zu haben, wird es nicht mehr geben. Genießen Sie das Golfspielen, solange es noch geht"), war das Regensburger Regionalfernsehen jetzt so lieb und hat der selbst ernannten Fürstin eine halbe Stunde im Programm freigeräumt, um sie noch mal explizit und in einem fürstlichen Zeitrahmen zum Flüchtlingsthema zu befragen. (Danke, TVA!) Mit dem Ergebnis, dass Gloria inzwischen nicht mehr nur das Golfspielen in Gefahr sieht, sondern den Frieden im ganzen Land, ach was, in der ganzen Welt. "Wir stehen am Rand des Dritten Weltkriegs", sagte sie, "man könnte fast sagen, diese Völkerwanderung, die hier auf uns zuströmt, ist schon eine Art Krieg." Als die selbst ernannte Fürstin dann noch sagte, "dass wir in Deutschland die schönsten Jahre jetzt hinter uns haben", da hat der sogenannte Talkmaster genickt.

Der Beobachter der Sendung war hinterher übrigens sehr glücklich, dass der Adel in Bayern nix mehr zu melden hat. Dann hat er gegoogelt, er wollte wissen, wer denn nun eigentlich der Autor dieses Buchs war, in das er seine Hoffnung verschwendet hatte. Der Autor heißt Alexander von Schönburg - und ist der Bruder der selbst ernannten Fürstin. Der Beobachter fand das eigentlich gar nicht so überraschend.

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Quelle:
SZ vom 09.11.2015/sim
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