Jetzt ist der Streit um die Modernisierung des Skigebiets am Oberallgäuer Fellhorn ein Fall für die Richter: Der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) hat nach eigenen Angaben am Donnerstag Klagen beim Verwaltungsgericht Augsburg gegen den Neubau der sogenannten Scheidtobelbahn und die Modernisierung der Skiabfahrten in ihrem Bereich eingereicht und sie mit Eilanträgen für einen sofortigen Baustopp in dem Bereich verbunden. „Der Grund ist, dass gleich nach der Veröffentlichung der Baugenehmigung dort oben erste Bäume gefällt worden sind“, sagt LBV-Geschäftsführer Helmut Beran. „Wenn die einmalige Natur am Fellhorn erhalten werden soll, müssen solche Aktionen sofort unterbunden werden.“
Das Fellhorn und die Kanzelwand zählen zu den Parade-Skigebieten in den Allgäuer Alpen. Zugleich ist es ein Naturjuwel mit zahlreichen Besonderheiten wie den vom Aussterben bedrohten Birkhühnern, allen möglichen Enzian-Arten, Alpenrosen und dergleichen mehr. Viele Teile des Skigebiets, die jetzt neu gestaltet werden sollen, sind deshalb streng geschützt – nach europäischem, deutschem und bayerischem Naturschutzrecht.
„Wir halten weder den neuen Sessellift noch die Neugestaltung der Skipisten dort für genehmigungsfähig“, sagt Beran. „Deshalb unsere Klagen.“ Die Projekte sind nach Überzeugung der Naturschützer keine Modernisierung bereits vorhandener Anlagen, sondern Neubauten, die als solche beantragt und beurteilt werden müssten.
Die Bergbahnen Oberstdorf-Kleinwalsertal, die das Skigebiet Fellhorn-Kanzelwand betreiben und jetzt den Bereich rund um die alte Scheidtobelbahn modernisieren wollen, waren nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Sie hatten in der Vergangenheit stets betont, dass ihnen sehr am sorgsamen Umgang mit der Bergnatur gelegen sei. „Wir wissen genau um die hohen Anforderungen des Naturschutzes“, sagte etwa der Bergbahnen-Vorstand Johannes Krieg, der für das Projekt zuständig ist.
Beim LBV glaubt man nicht so recht an Worte wie diese. „In ihren Plänen gehen die Bergbahnen selbst von massiven Störfaktoren durch ihr Projekt für die Natur aus“, sagt LBV-Mann Beran. „Daraus zu folgern, dass die Pläne unbedenklich seien, ist ein kompletter Widerspruch zum Naturschutz.“ Zumal es die Bergbahnen ja nicht bei dem neuen Sechsersessellift samt neuer Berg- und Talstation, der den gut 30 Jahren alten Doppelsessellift in dem Bereich ersetzen soll, und einer Neuordnung der Pisten dort belassen wollen. Sie wollen außerdem die Beschneiung in diesem Teil ihres Skigebiets auf neuesten Stand bringen.
Der LBV unterstellt den Liftbetreibern eine Art Salamitaktik
Dazu planen sie ein Beschneiungsbecken mit einem Fassungsvermögen von 170 Millionen Litern Wasser. Außerdem soll es einmal einen speziellen Lift für Skianfänger geben. Alle diese Pläne sind bisher nicht genehmigt. Aber aus Sicht des LBV steht schon jetzt fest, dass sie ebenfalls massive Schäden für die Natur zur Folge haben werden. Zugleich mutmaßen die Naturschützer, dass die Bergbahnen durchaus noch weitere, bisher nicht veröffentlichte Projekte in petto haben könnten.
Der LBV-Mann Beran fordert deshalb die Bergbahnen auf, alle ihre Pläne am Fellhorn auf den Tisch zu legen und die Einzelprojekte in einem Gesamtverfahren zu prüfen. „Das, was hier passiert, ist nämlich eine Art Salamitaktik“, sagt LBV-Geschäftsführer Beran. „Ihr Ziel ist es, die Genehmigung für lauter Einzelprojekte zu bekommen, die in Summe gar nicht oder nur unter hohen Auflagen für den Naturschutz genehmigt würden.“ Damit würden Umweltstandards ausgehebelt.
Der Bund Naturschutz (BN) teilt Berans Einschätzung ausdrücklich. „Wir lehnen die neue Scheidtobelbahn und die Neuordnung der Pisten ebenfalls kategorisch ab“, sagt der Allgäuer BN-Referent Thomas Frey. „Deshalb unterstützen wir die Klage des LBV ausdrücklich.“


