Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler ist gerne zum Volksfest Gillamoos ins niederbayerische Abensberg gekommen. Er sagt: "Ich wollte einfach mal raus aus Berlin." Und dann beginnt er vor 300 Gästen zu erzählen, wie er die vergangenen Monate so gesehen hat und was er über seine Regierungskollegen so denkt. Volksfeste sind keine leisen Veranstaltungen.

Aber Röslers Ton irritiert dann doch viele: Zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und FDP-Chef Guido Westerwelle herrsche "Zickenterror", erklärt er. Und im Übrigen habe die Bundesregierung zehn Monate lang nichts gemacht. "Das waren die Monate, die die Wirtschaft gebraucht hat, um sich zu erholen", spottet er über die eigene Koalition, die mit schlechten Umfragewerten zu kämpfen hat.
Rösler gibt noch mehr zum Besten: "Angela Merkel gibt es jetzt auch als Barbiepuppe", sagt er. "Die kostet 300 Euro. Das heißt, die Puppe kostet nur 20 Euro. Aber richtig teuer werden die 40 Hosenanzüge." Der Zustand der schwarz-gelben Regierung erinnere ihn eher an eine schlagende Verbindung. Auch den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann nimmt sich Rösler vor.
Der CSU-Politiker habe kürzlich einen Pferdestall in Niedersachsen kontrolliert. Die Hälfte der Tiere seien "Araber" gewesen und hätten den Stall verlassen müssen. "Dies hätte zwar Thilo Sarrazin gefallen", sagt Rösler. Die Pferde aber hätten die Gewerkschaft "Pfer.di" gegründet. Zur Gesundheitspolitik sagt Minister Rösler vor den Zuhörern im vollbesetzten Weinzelt dagegen nichts.
Es ist der Tag, der als Duell angekündigt wurde. Als Duell der Gesundheitspolitiker. Hier im Weinzelt spricht Bundesgesundheitsminister Rösler, nur einige hundert Meter entfernt im Hofbräuzelt Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU). Seitdem sich CSU und FDP in diesem Sommer schon in der Gesundheitspolitik gegenseitig als Gurkentruppe und Wildsau beschimpft hatten, weiß man, dass diese beiden Männer nicht mehr enge Freunde werden. Aber zum Duell kommt es nicht. Dafür sorgt vor allem Rösler mit seinem Auftritt. Er kalauert sich auf Kosten seiner Bundesregierung durch den Vormittag.
Der FDP-Politiker sagt vor Journalisten: "Ich habe schon immer Witze über meine Chefs gemacht." Und dann will er weiter von seinem Leben in Berlin berichten.
Das Amt des Bundesgesundheitsministers erinnere ihn an das Märchen "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen". Dabei habe er sich alles andere erwartet: "Schöne Frauen, schicke Häuser, Millionen im Keller und natürlich einen Porsche vor der Tür", sagt Rösler. "Warum soll ein Gesundheitsminister nicht auch einmal leben wie ein ganz normaler Linksparteivorsitzender?"
Er erzählt, der Pförtner habe ihn nicht durchlassen wollen, als er gesagt habe, er sei der neue Gesundheitsminister. "Wenn du wenigstens noch gesagt hättest, du bist der Kaiser von China", habe der Pförtner ihn angefahren. Kurz zuvor erst sei so ein junger Schnösel dagewesen, der behauptet hätte, dass er der Verteidigungsminister ist. "Der kam auch nicht rein", lästert sich Rösler durch den Vormittag. Als er aber überhaupt nicht mehr aufhört, die eigene Koalition zu verspotten, wird im Publikum auch Kritik laut.
Der 31-jährige Andreas Leiherer aus Regensburg schimpft: "Was der Rösler hier von sich gegeben hat, ist einfach nur eine Frechheit für jeden, der sich extra für die Gillamoos-Rede einen Tag freigenommen hat." Er habe einen Politiker reden hören wollen, erlebt habe er aber nur einen drittklassigen Kabarettisten. Rösler bekommt von diesem Ärger nichts mit. Genüsslich erzählt er, warum er nicht einmal Markus Söder namentlich erwähnt hat. "In meiner Rede kommen nur die wichtigen Politiker vor", sagt er.
Im Hofbräuzelt muss sich Bayerns Gesundheitsminister Söder überhaupt nicht über Rösler lustig machen. Der diskreditiert sich ja im Nachbarzelt gerade selbst. Söder hält fast schon eine sachliche Rede an diesem Tag. So richtig Stimmung kommt lange nicht auf. Der Franke Söder muss schon eine Lederhose anziehen, um das Bierzeltvolk zum Lachen zu bringen. Der Heimatabgeordnete der CSU, Martin Neumeyer, überreicht sie dem Minister. "Das ist Sex & Crime", brüllt er noch.
Söder hat sich und das Zelt aber zumindest ein bisschen aufgewärmt. Dies geht bei der CSU immer noch am besten mit plakativ vorgetragenen Thesen zur Integration. Die lauten: "In Bayerns Klassenzimmer gehören Kruzifixe und keine Kopftücher" sowie "Moscheen dürfen in Deutschland nicht höher sein als Kirchtürme". Söder sagt: "Lasst uns Nägel mit Köpfen machen." Da kommt Applaus auf. Die CSU hat also auch einen Klartext-Politiker.
Aber Rösler, den schont er. Als wüsste Söder, dass der sich gerade um Kopf und Kragen redet. Noch am Wochenende nörgelte Söder am Gesundheitsheitskonzept von Schwarz-Gelb, in weiten Teilen ist es ihm zu bürokratisch. Und jetzt? Jetzt sagt Söder: "Ein Arzt verbringt zwei Drittel seiner Zeit mit Bürokratisieren und ein Drittel der Zeit mit Heilen." Die Kopfpauschale will er nicht, weil medizinische Versorgung keine "Sache des Geldbeutels" sein dürfe. Das geht durchaus als sachliche Auseinandersetzung durch. Die Stimmung entweicht.
Söder erlaubt sich nur eine kleine Frechheit. Er verspricht den Ärztefunktionären im Publikum, die komfortablen bayerischen Hausärzteverträge vor der FDP zu verteidigen.
Aber auch dieser sanfte Söder hat sein Publikum irritiert. Nach der Rede fasst eine Besucherin vorsichtig an die Lederhose, als ob sie Zweifel hat, dass dieser Söder real ist. "Alles echt", versichert Söder.Seine Fans aus Franken, an den T-Shirts mit der Aufschrift "Gott sei Dank, ich bin a Frank" zu erkennen, geben sich pragmatisch. Fürs Foto stellen sie sich zu Söder. Danach sagt einer: "Er hat sich den Schneid abkaufen lassen."
