Süddeutsche Zeitung

FC Bayern, Hoeneß und die CSU:Die Leiden des Bewunderers Seehofer

Von Horst Seehofer stammt der Satz: "Wenn es dem FC Bayern gut geht, dann geht es auch der CSU gut." Der bayerische Ministerpräsident war immer ein großer Bewunderer von Uli Hoeneß. Jetzt, da gegen den FC-Bayern-Präsidenten wegen Steuerhinterziehung ermittelt wird, schweigt der CSU-Chef. Er fürchtet, dass die Affäre seiner Partei im Landtagswahlkampf schadet.

Für Uli Hoeneß lässt CSU-Chef und Ministerpräsident Horst Seehofer alles und vor allem jeden stehen. Seinen Neujahrsempfang in der Münchner Residenz im vergangenen Jahr mit 1700 Gästen verließ er um kurz nach halb elf. "Jetzt reicht's", sagte Seehofer. Die Trachtler, die Gebirgsschützen, sie waren jetzt nicht mehr wichtig.

Hoeneß wartete schon im Postpalast, ein paar Autominuten entfernt feierte der Bayern-Präsident seinen 60. Geburtstag. Seehofer machte einen Staatsakt draus. "Der FC Bayern ist eine Weltmarke. Dass der Verein so dasteht, ist vor allem das Werk von Uli Hoeneß", schwärmte Seehofer. Ein paar Tage zuvor hatte Seehofer bereits die CSU-Klausurtagung in Wildbad Kreuth frühzeitig verlassen, um am Abend bei Hoeneß' Privatparty dabei sein zu können. Hoeneß sei für ihn ein Vorbild, sagte Hoeneß-Fan Seehofer.

Seit ein paar Tagen ist Hoeneß nicht mehr nur ein bewunderter Fußball-Manager. Es gibt jetzt einen "Fall Hoeneß", oder wenn man weiter gehen will: eine "Affäre Hoeneß". Gegen ihn wird wegen Steuerhinterziehung ermittelt. Wird aus dem Fall, aus der Affäre Hoeneß, ein Fall für die CSU? Es herrscht Landtagswahlkampf in Bayern, und die Opposition arbeitet jedenfalls bienenfleißig daran. Bayerns SPD-Chef Florian Pronold langte schon ordentlich hin: "Hoeneß ist kein Vorbild mehr." Und weil vor allem die CSU immer die Nähe zu Hoeneß suchte, meint Pronold bereits "Amigo-Praktiken" ausgemacht zu haben.

Der Verein taumelt zwischen Siegesrausch und Entsetzen. Die CSU auch.

Die CSU und der FC Bayern - beide betrachten sich als Ausnahmeerscheinungen. Der Verein im Sport, die Partei in der Politik. Von Seehofer stammt der Satz: "Wenn es dem FC Bayern gut geht, dann geht es auch der CSU gut." Im Moment taumelt der Verein zwischen Siegesrausch und Entsetzen. Der CSU geht es auch ein bisschen so. Umfragen lassen die Partei wieder von der Rückkehr zur Alleinregierung träumen. Ein paar Prozent könnten am 15. September in Bayern alles entscheiden. Was die CSU nicht gebrauchen kann, ist ein Amigo-Fall.

Es war eine beiläufige Bemerkung Seehofers am vorigen Samstag, die die Spekulationen angeheizt hat. Da hatte er gesagt, "vor einer geraumen Zeit" über die Ermittlungen informiert worden zu sein. Ende Januar hatte Finanzminister Markus Söder (CSU) den Regierungschef "nachrichtlich" informiert, sagt Söders Sprecher. Auch Justizministerin Beate Merk und Innenminister Joachim Herrmann hielten den Regierungschef auf dem Laufenden, ist zu erfahren. Die CSU hatte auch vehement für das Steuerabkommen mit der Schweiz gekämpft, auf dessen Zustandekommen Hoeneß bis zuletzt gehofft hatte, um seine Steuerschuld ganz im Stillen begleichen zu können.

SPD und Grüne in Bayern vermuten, dass Hoeneß womöglich eine Extra-Behandlung zuteilwurde, und fordern Aufklärung von der Staatsregierung. Es ist ja nicht so, dass dies in Bayern unvorstellbar wäre. Ex-Bayern-Spieler Franz Beckenbauer hat in seinen Memoiren selbst über den fürsorglichen Umgang der bayerische Finanzverwaltung mit ihm geschrieben. Der damalige Finanzminister Ludwig Huber (CSU), ein Stammgast beim FC Bayern, habe persönlich Steuertricks mit der Schweiz erklärt und das Angebot gemacht: "Franz, wenn was ist, nur melden." Das nannte man damals im Ministerium "Rechtsberatung für einen Bekannten".

Das ist aber auch schon gute 30 Jahre her. Brandaktuell ist und bleibt der Umstand, dass Bayerns Steuerverwaltung seit Jahren chronisch unterbesetzt ist, laut Gewerkschaft fehlen 2000 Männer und Frauen. Als Steuerhinterzieher kann man sich in Bayern sicherer fühlen als in anderen Bundesländern. Diesen Schluss legen die Statistiken nahe. Wirklichen Ehrgeiz, daran etwas zu ändern, hat die Staatsregierung trotz Dauerkritik des Bayerischen Obersten Rechnungshofes nicht erkennen lassen. SPD-Chef Sigmar Gabriel findet, die Bayern würden durch ihre Nachlässigkeit Beihilfe zur Steuerhinterziehung leisten. So verstärkt sich in diesen Tagen noch der Eindruck, Reiche wie Hoeneß würden womöglich bewusst von der CSU geschont.

Schon Stoiber war immer nah dran an Hoeneß

Die Basis für die engen Beziehungen zwischen Verein und Partei wurde früh gelegt. Unter Edmund Stoiber, einem glühenden Bayern-Fan, der früher auch auf Reisen dafür sorgte, dass er wichtige Spiele im Fernsehen verfolgen konnte, sind beide regelrecht miteinander verschmolzen. Stoiber ließ sich an die Spitze des Verwaltungsbeirats des Vereins berufen, wo er immer noch ist. Außerdem sitzt er im Aufsichtsrat der FC Bayern AG. Stoiber war immer nah dran an Hoeneß.

Für ihn wurde die "Champions League" zur politischen Messgröße, darunter durfte auch sein Freistaat in der Entwicklung und im Wettbewerb mit anderen nicht fallen. Verein und Partei haben sich auch immer angestachelt. Als Gast bei der CSU-Klausur in Kreuth im Jahr 2010 gab Hoeneß der Seehofer-CSU in Trainer-Manier mit auf dem Weg: "Das Ziel muss hier sein, wieder nach oben zu kommen. Und oben heißt bei mir: erstmal 55 Prozent."

Sogar einen Listenplatz für die Landtagswahl haben sie ihm angeboten

Am liebsten hätte die CSU Hoeneß ganz für sich vereinnahmt. Aber das hat der Fußball-Manager nicht zugelassen. Verblüfft waren die Christsozialen, als sich Hoeneß für den SPD-Bewerber als Nachfolger von Christian Ude als Münchner Oberbürgermeister aussprach.

Und auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner, die im Herbst in die Landespolitik zurückkehrt, bekam von Hoeneß eine Absage. Vor ein paar Monaten hatte sie ihm offenbar einen Listenplatz für die Landtagswahl angeboten. Hoeneß' Name neben dem von Seehofer und Aigner - das hätte wirklich was hergemacht. Aber Hoeneß wollte nicht. Es war der vergangene Samstag, an dem die Partei die Liste beschlossen hat, ohne Hoeneß. Es war der Tag, an dem es für viele nur ein Thema gab, das sie wirklich bewegte: Ist Hoeneß ein Betrüger?

In der CSU waren viele insgeheim sehr froh, dass Hoeneß abgesagt hatte. Kanzlerin Angela Merkel ließ bald mitteilen: "Viele Menschen sind jetzt enttäuscht von Uli Hoeneß." Die CSU will im Wahlkampf niemanden enttäuschen.

Seehofer leidet. Er will eigentlich überhaupt nichts sagen. Nichts zu Merkels Kommentar, nichts zu Hoeneß selbst. "Ich möchte, solange das Verfahren in der Schwebe ist, nichts zur Bewertung sagen." Mehr kann er im Moment für Hoeneß wirklich nicht tun.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1658143
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 25.04.2013/olkl
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.