Falsche Selbsteinschätzung:Viele Altenheimbewohner sind sehbehindert

Würzburger Uniklinik und Diözesancaritasverband legen eine Studie vor, bei der 600 Senioren untersucht wurden

Fast die Hälfte der Altenheimbewohner sind entweder blind oder sehbehindert. Das hat eine deutschlandweit einmalige Studie ergeben, für die 600 Senioren in 20 Caritas-Einrichtungen in ganz Unterfranken untersucht wurden. Drei Jahre lang überprüften Augenärzte und Therapeuten die Sehkraft der Heimbewohner im Auftrag der Blindeninstitutsstiftung, der Würzburger Uniklinik und des Diözesancaritasverbandes. Die Ergebnisse von 203 Senioren wurden in der Uniklinik ausgewertet. Am Dienstag präsentierten die Initiatoren das Ergebnis der Studie "Sehen im Alter": 37 Prozent der untersuchten Heimbewohner sind demnach sehbehindert, acht Prozent sogar blind.

Es habe sich gezeigt, dass viele Senioren ihre tatsächliche Sehleistung falsch einschätzen - und zwar zu gut, sagte Projektleiterin Sabine Kampmann von der Blindeninstitutsstiftung. Das berge im Altenheim-Alltag viele Tücken, das Lesen geht nur noch mit einer Lupe und schon kleine Unebenheiten auf den Gängen können zu gefährlichen Hindernissen werden, wenn sie die Heimbewohner übersehen und deshalb stürzen können.

Oftmals seien es Kleinigkeiten, die den Senioren während des Modellprojektes geholfen hätten, in Zukunft wieder besser zu sehen, sagte Kampmann: eine korrekt angepasste Brille, eine Leselampe oder gute Kontraste. So hätten 57 Prozent der untersuchten Heimbewohner wieder weniger angestrengt lesen können, als nur der Raum besser ausgeleuchtet worden sei. Ganz entscheidend sei außerdem die passende Brille. So habe sich die Zahl von 37 Prozent Sehbehinderten um 13 Prozentpunkte nach unten korrigierten lassen, als den Patienten ihre Brillen richtig angepasst worden seien. Und die Zahl der Senioren ohne Befund habe sich auf 27 Prozent beinahe verdoppelt, als sie die richtige Sehhilfe mit der bestmöglichen Korrektur der Sehschärfe bekommen hätten.

Das Projekt will Heimbewohner auf die Probleme aufmerksam machen, die vielen gar nicht bewusst seien. Es kam auch heraus, dass 45 Prozent der befragten Bewohner mehr als fünf Jahre nicht mehr bei einem Augenarzt waren, obwohl vom 50. Lebensjahr an ein regelmäßiger Besuch empfohlen wird.

In den Seniorenheimen selbst werden die Menschen zu selten von Augenärzten untersucht, sagte Kampmann und auch mit optischen Hilfsmitteln seien viele nicht gut versorgt. Eine Möglichkeit, die Lücke zu schließen, sei die dauerhafte Einrichtung eines mobilen Screenings in Seniorenheimen und Einrichtungen.

Auch das Pflegepersonal müsse bei dem Thema weiter sensibilisiert werden und reagieren, wenn die Sehschwäche eines Bewohners auffällig wird. Deshalb entstand aus dem Modellprojekt auch der 60-seitige Leitfaden "Sehen im Alter", der über Unterfranken hinaus Impulse setzen soll. Das Modellprojekt wurde vom Gesundheitsministerium, der Stiftung "Daheim im Heim" und der Edith-Mühlschlegel-Stiftung finanziell unterstützt. Als blind gilt, wer auf dem besseren Auge höchstens über zwei Prozent der normalen Sehschärfe verfügt, bei einer Sehbehinderung sind es maximal 30 Prozent.

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