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Fallschirmspringen:"Ich freue mich auf den nächsten Sprung"

Alena W. konnte nach ihrem Sturz das Krankenhaus schon wieder verlassen.

(Foto: Privat)

Bei einem Fallschirmsprung kugelt sich die 25-jährige Alena W. beide Arme aus. 45 Sekunden rast sie im freien Fall durch die Luft - bis sie einigermaßen heil landet. Dennoch hat sie nicht genug von ihrem Hobby.

Interview von Katharina Kausche, Burgheim

45 Sekunden rast Alena W. am vergangenen Samstag im freien Fall durch die Luft. Sie kennt das schon, es ist schließlich ihr 53. Sprung über Burgheim. Auf 2000 Metern Höhe kugelt sich die 25-Jährige die Schulter aus, sie kann ihren Fallschirm nicht öffnen. Etwa 225 Meter über dem Boden löst der Notfallschirm aus. Die Landung ist unsanft, aber die Studentin kommt mit leichten Verletzungen davon. Ihren vollen Namen möchte sie nicht veröffentlicht wissen, aber sie erzählt, warum sie trotzdem weiter springen will.

Sie haben sich am Wochenende beide Schultern ausgekugelt und einen Wirbel angebrochen. Wie geht es Ihnen?

Alena W.: Mir könnte es besser nicht gehen, ich bin aus dem Krankenhaus raus und wieder zuhause. Starke Schmerzen habe ich glücklicherweise nicht.

Vor einem Jahr haben Sie die Ausbildung zum Fallschirmspringen angefangen, ihre Lizenz haben Sie seit August. Allein Samstag sind Sie vier Mal gesprungen. Was ist beim fünften Mal schief gelaufen?

Ich kann es gar nicht genau sagen. Wir sind zu zweit aus dem Flugzeug gesprungen. Nach den ersten 1000 Metern haben wir uns getrennt. Das war so geplant. Plötzlich habe ich einen Ruck gespürt. Meine rechte Schulter war ausgekugelt. Ich konnte den Arm nicht mehr bewegen. Irgendwie muss ich mich blöd gedreht haben und dabei in den Gegenwind gekommen sein.

Mit dem rechten Arm hätten Sie die Fallschirmleine ziehen müssen?

Genau, dann habe ich mich stabilisiert. Beim Versuch die Reserve mit dem linken Arm zu ziehen, habe ich mir auch noch den zweiten Arm ausgekugelt. Ich konnte den Fallschirm nicht öffnen.

Was ging Ihnen durch den Kopf?

Hoffentlich habe ich das Notfallsystem eingeschaltet . . .

Das muss extra eingeschaltet werden?

Im Prinzip löst das System 225 Meter über dem Boden automatisch aus. Man muss es aber vorher Nullen, damit es die Höhe richtig messen kann. Aber das habe ich glücklicherweise gemacht. Der Notfallschirm hat ausgelöst und ich konnte noch ein wenig lenken, in dem ich mein Gewicht verlagert habe. So bin ich statt im Wald, auf der Wiese neben der Luftsportgruppe Burgheim, meiner Flugschule, gelandet.

Passiert es häufig, dass sich Springer die Schultern auskugeln?

Anscheinend nicht so oft. (lacht)

Muss man so etwas mit Humor nehmen?

Ob man das muss, kann ich nicht sagen, aber ich mache das so. Viele sagen zu mir: Du Arme, das muss so schlimm gewesen sein. Ich hatte aber gar keine Panik. Nur in den letzten drei Sekunden vielleicht. Deshalb ist das für mich gar kein traumatisches Erlebnis.

Und deshalb wollen Sie auch wieder springen?

Auf jeden Fall! Für mich ist das einfach purer Spaß. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich nicht weiterspringen möchte.

Ein Sprung aus 3000 Metern Höhe wird gerne mal als Erlebnisgutschein verschenkt, für Sie ist es ein Hobby. Wie sind Sie dazu gekommen?

Vor Jahren hat mein Vater mir versprochen, dass wir gemeinsam einen Tandemsprung machen. Das haben wir 2019 gemacht und ich hatte so viel Spaß dabei.

Dann war es um Sie geschehen.

Ja, dann war es vorbei. Ich wollte unbedingt weiter springen. Meine Mutter war nicht so begeistert, aber mein Vater hätte am liebsten auch mitgemacht.

Jetzt immer noch?

Sie wissen, dass ich weitermachen möchte und akzeptieren es zumindest. Es ist ja auch nicht die Regel, dass so etwas passiert.

Wann soll es wieder losgehen?

In den nächsten sechs Wochen darf ich mich nicht bücken und nicht schwer heben. Dann geht es erst mal zur Physiotherapie. Außerdem muss ich mit den Ärzten abklären, wie es um meine Schultern steht. Könnte es sein, dass sie sich wieder auskugeln? Wenn alles geklärt ist, werde ich erst mal mit einem Springerkollegen zusammen einen Tandemsprung machen. Zum wieder reinkommen. Da muss ich nicht selber ziehen und kann die Arme nah am Körper lassen.

Ein mulmiges Gefühl haben Sie nicht?

Überhaupt nicht. Ich freue mich auf den nächsten Sprung.

© SZ vom 18.09.2020
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