Fall Mollath:"Es war verheerend"

Es ist auch sechs Jahre nach dem Prozess nicht leicht, mit Brixner ins Gespräch zu kommen. Brixner ist seit vier Jahren pensioniert, wer bei ihm anruft, muss sich darauf gefasst machen, kaum einen Satz zu Ende sprechen zu dürfen. Es bedarf des Hinweises, dass man nicht als Angeklagter mit ihm ins Gespräch zu kommen versuche. Der Fall Mollath? Die "ganze journalistische Aufregung geht vollkommen an der Sache vorbei", sagt Brixner in einem Ton, der mit barsch eher unzureichend beschrieben wäre. Nichts, "gar nichts" habe das Gericht zurückzunehmen. Das Urteil sei vom Bundesgerichtshof längst bestätigt. Und um "Schwarzgeld" sei es im Prozess nicht gegangen, das habe doch gar "keine Rolle gespielt in diesem Verfahren".

Titus Schüller, 26, kann das bestätigen. Auch Schüller, er ist Orthopädietechniker, war Augenzeuge in dem Prozess. Er kennt Mollath unter anderem aus der Friedensbewegung, hat ihn als sanftmütigen und sehr höflichen Menschen erlebt. Gegen den Irak-Krieg etwa habe sich Mollath engagiert. Dass es im Prozess 2006 tatsächlich kaum um den von Mollath beschriebenen "Schwarzgeldkomplex" ging, kann Schüller nur bestätigen. Der Vorsitzende Richter habe das einfach nicht hören wollen.

Dass sich der Vorsitzende Richter nicht so verhalten habe, wie man sich einen solchen vorstellen würde, kann Schüller ebenfalls bestätigen. "Es war verheerend", sagt Schüller. "Vor allem, wenn man wie Brixner davon ausging, es mit einem Kranken zu tun zu haben." Er habe Mollath als "extrem konzentriert" wahrgenommen. Aber auch als einen, der offenbar große Angst hatte, man könnte ihm was anhängen.

Heinz Westenrieder, er war 2006 Schöffe im Prozess, beschreibt es ähnlich. Wenn Mollath über Schwarzgeldgeschäfte reden wollte, in die er seine Frau verwickelt sah, habe Brixner ihn jäh unterbrochen. Einmal habe er ihm sogar gedroht, beim nächsten Mal müsse er den Saal verlassen. Aus heutiger Sicht hält der ehrenamtliche Richter das Urteil von damals für "überaus angreifbar". Immerhin hätte man der Frage nachgehen müssen, welche Motive es möglicherweise hätte geben können, dass in einer Aussage-gegen-Aussage-Situation der eine dem anderen etwas anhängt. Und einen solchen richterlichen Ton wie den im Prozess gegen Mollath habe er sonst nie erlebt, sagt der ehemalige Klinikdirektor.

Zweites Gespräch mit Otto Brixner, es ist der Tag, an dem mehrere große Medien über den Fall berichten. Brixner unterbricht jetzt nicht mehr. Kann er sich an den Beschwerdebrief erinnern? Nein, sagt er. Es werde ihm darin vorgeworfen, er habe sich im Prozess wie ein "Diktator" aufgeführt, er habe Mollath angeschrien und ständig unterbrochen. "Ich habe den Herrn Mollath meiner Meinung nach ordnungsgemäß behandelt." Gab es oft Kritik an seiner Verhandlungsführung? "Die einen sagen so, die anderen so." Will er den Schöffen Westenrieder wegen dessen Beschreibung anzeigen, wie er dies zunächst in Erwägung gezogen hatte? Nein, das habe er verworfen. Nimmt er sich die Kritik zu Herzen? "Das Urteil ist längst bestätigt, ich weiß nicht, was das Ganze soll."

Am selben Tag meldet sich eine Spanierin bei der SZ: Concepcion Vila Ambrosio, eine Altenpflegehelferin aus Nürnberg. Sie habe den Brief geschrieben, erzählt sie, weil sie dieser Prozess bewegt habe wie kaum etwas anderes. Sie habe Mollath damals nur flüchtig gekannt, auf Friedensdemonstrationen habe man sich gesehen. Sie stehe zu allem, was sie geschrieben habe - weil sie es so furchtbar finde, "dass so etwas in Deutschland möglich ist".

2006 ist in den Nürnberger Nachrichten ein kurzer Bericht über das Mollath-Verfahren erschienen. "Das Gericht schickt ihn auf unbestimmte Zeit in die Psychiatrie", notiert die Autorin. Brixner wird zitiert mit den Worten: "Wenn Sie so weitermachen, kommen Sie nie wieder heraus."

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